Singen und tanzen für Frieden und Freiheit
Zehn Jugendliche aus dem palästinensichen Gaza tanzen in Wien. Und trafen u.a. Sport-Mittelschüler
Als würden sie nie müde werden können, tanzen die zehn Jugendlichen mitreißend, leichtfüßig und doch körperbetont, über die Bühne des Odeon auf der Wiener Taborstraße. Zwischen den monumentalen Säulen in der ein wenig morbid wirkenden Halle. Fast über die ganze Breite ein großes Bild von Jerusalem. Voller Kraft und Lebensfreude, wenngleich (mehr als) ein Hauch Trauer, Sehnsucht, auch Wut mitschwingt.
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Kinder-KURIER
Jugendliche Gaza-Tanzgruppe (11)
Zehn Jugendliche...
... des Ensembles Al Asriya aus dem palästinensischen Gaza sind auf kleiner Europa-Tournee (mehrere Auftritte in Wien, einer in Berlin). Auf dem Auftaktprogramm standen die Lieder und Tänze „acht den Platz, den Hof frei“, „Jerusalem“, „Recht auf Rückkehr der Palästinenser in die Gebiete, aus denen sie vertreiben wurden“, „Eva“, „Gaza“ – in dem vor allem die handwerkliche Kunst und Kultur dieses Landstrichs besungen wird, eines über die palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen sowie am Ende ein freier, offener Tanz für alle, bei dem auch viele aus dem Publikum mitmachten. Die meisten der Lieder wurden extra für die Tanzgruppe des Al Asriya-Kulturzentrums für Kinder und Jugendliche (das 1985 gegründet wurde) geschrieben.
In Wien traten und treten sie in der UNO-City und auf einem Donaustädter Weihnachtsmarkt auf. Und sie besuchten den Kinder-KURIER, wo sie 12- und 13-Jährige der Sportmittelschule Wittelsbachstraße (Wien-Leopoldstadt) trafen, die zu einem der vielen Zeitungs-Workshop gekommen waren. Was mit Interviews der Wiener Schüler_innen begann, wuchs sich zu spontanen, intensiven Gesprächen samt einigen spontan vereinbarten Facebook-Freundschaften aus. Und zum Abschluss tanzten die Palästinenser_innen den traditionellen Dabke, die Wiener „antworteten“ mit dem Donauwalzer – mit jeweils gegenseitigem Einbeziehen in die jeweiligen Tänze.
Nach dem mehr als zweistündigen Auftritt vor vollem Haus, darunter auch der bekannte israelisch-österreichische Journalist und Verfechter des israelisch-palästinensichen Dialogs Ari Rath, und einer erst am Vortag beendeten überaus anstrengenden, weil gefährlichen, angst- und sorgenvollen Anreise, stellen sich zwei der jungen Tänzer_innen dem KiKu zu kurzen Interviews.
Interview (1)
Wie schaut dein Alltag aus?
Ich gehe jeden Tag ganz ohne Probleme in die Schule.
Was sind dort deine Lieblingsfächer?
Mathe mag ich am meisten!
Und was eher nicht?
Ich mag fast alles. Na ja, Naturwissenschaften – wir haben in unserer Schulstufe Physik und Chemie gemeinsam – hab ich nicht so gerne, das ist mir ein bisschen zu schwer.
Was sind deine bevorzugten Freizeitbeschäftigungen?
Internet, Facebook und Fußball.
Spielst du in einem Team?
Nein, nur so mit Freundinnen und Freunden.
Seit wann bist du in der Tanzgruppe?
Seit 5 Jahren. Ich kannte das Kulturzentrum schon früher. Als ich noch kleiner war, bin ich dort zum Singen hingegangen und habe später zum Tanzen gewechselt, nachdem ich die kleine Aufnahmsprüfung geschafft habe.
Willst du das später auch einmal zu deinem Beruf machen?
Irgendwie schon, ich möchte gerne Tanzlehrerin werden.
Du kennst zwar die Welt übers Internet, bist aber jetzt das erste Mal im Ausland, was ist das für ein Gefühl?
Ich fühl mich hier sehr wohl, auch weil ich keine Angst haben muss, aber trotzdem vermisse ich meine Heimat und meine Familie sehr.
Ist in Gaza diese Angst immer in dir?
Während der kriege schon, klar, da haben alle immer Angst, aber wenn gerade kein Krieg ist, dann hab ich sie nicht immer im Kopf, ich finde mich mit der Situation ab. Das musst du.
Du bist mit 13 noch sehr jung, glaubst du, wirst du eine Zeit ganz ohne Krieg erleben?
Ich hoffe schon. Und ich glaub’s auch.
Interview (2)
Du kommst einfach zu vielen alltäglichen Dingen, auch Lebensmitteln nicht immer. Die Bewegungsfreiheit ist sehr eingeschränkt, nicht zuletzt auch dadurch, dass es mal Sprit gibt und mal nicht. Aber wir versuchen dennoch so normal es geht zu leben, gehen jeden Tag in die Schule, auch wenn die Klassen mit 40 und mehr Schülern schon ein bisschen überfüllt sind, aber nichts desto trotz versuchen wir, das beste draus zu machen.
Wenn es Bombenangriffe gibt, dann werden wir alle nach Hause geschickt, weil es in der Schule weder Bunker noch Schutzräume gibt.
Kann diese Bedrohung je ausgeblendet werden, oder ist sie immer im Kopf?
Viele und auch ich denken immer daran, haben immer angst, man kann sich gedanklich davon überhaupt nicht lösen.
Was magst du in der Schule besonders gern?
Am liebsten habe ich Sprachen. Und dass wir auch bescheiden aber doch hin und wieder Sport machen können, da mag ich besonders Fußball.
Wie oft trainiert ihr in der Tanzgruppe?
Wir kommen aus verschiedenen Schulen zusammen und so zwei bis drei Mal pro Woche trainieren wir im Kulturzentrum.
Müsst ihr danach auch noch an den anderen Tagen zu Hause oder in der Schule proben?
Ja, wiederholen sollte man schon jeden Tag wenigstens ein bisschen, aber im Großen und Ganzen proben wir schon gemeinsam in Al Asriya.
Wie habt ihr den Auftritt in Wien empfunden?
Wir sind jedenfalls sehr zufrieden. Und so wie das Publikum reagiert hat, dieses offenbar auch! Es war unser erster Auftritt im Ausland, wir sind alle zehn zum aller ersten Mal außerhalb von Gaza. Zu Hause hatten wir schon einige Auftritte.
Es war zu hören, dass die Reise hierher nicht einfach war?
Ja, sie war sehr schwer. Zuerst mussten wir in Gaza bis zum Grenzübergang nach Ägypten in einem Krankenwagen versteckt geschleust werden, sonst hätten wir gar nicht raus können. Dabei ist während der Fahrt einmal nur ein paar Meter neben diesem Rettungswagen eine Polizeistation bombardiert worden. Dann haben die ägyptischen Behörden an der Grenze auch so einiges an Problemen gemacht. Es war sehr mühsam. Und in Ägypten selber haben wir uns auch nicht so wohl gefühlt. Zum einen hatten wir ständig Angst um unsere Familien zu Hause. Und auch der Alltag in diesen paar Tagen war recht stressig. Wir haben bis zuletzt gezittert, ob wir es überhaupt hierher nach Wien schaffen – „wir auch“, ergänzt ein Mann aus dem Team der Veranstalter, der Palästinensisch-Österreichischen Gesellschaft.
Glaubst du, wirst du in deinem Leben, einmal ohne ständiger Angst sein können?
Möglich, ich hoffe es natürlich, aber ich denke, das ist noch sehr fern, aber natürlich lebt diese Hoffnung.