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Kultur
05.12.2011

Nöstlinger: "Die Gosch'n extra derschlagen"

Christine Nöstlinger wird am kommenden Donnerstag 75. Ihre Schlagfertigkeit und ihr Witz sind jedenfalls alterslos.

Entspannt sitzt sie am großen Tisch ihrer Dachwohnung in der Brigittenau, zündet sich die zweite Zigarette an. "Jetzt reicht's schön langsam", seufzt sie, "in den letzten Wochen hab' ich so viele Interviews gegeben." Gestern, "die Dame von der ZEIT ", die ist ihr ordentlich auf die Nerven gegangen: "Die wollte immer neue Fotos von mir machen". Der gelernte Nöstlinger-Fan weiß: Sie hasst es, fotografiert zu werden.

KURIER: Sie sind eine richtige Stadtnomadin und ziehen oft um. Beim letzten runden Geburtstag haben wir uns noch in Ihrer Wohnung in Penzing getroffen.
Christine Nöstlinger: Naja, seit der Ernst, mein Mann, tot ist, wollte ich nicht mehr in der Teybergasse sein. Da hat mich alles an ihn erinnert. Also bin ich in den 20. Bezirk gezogen. Da kann man sich das Wohnen noch irgendwie leisten. Mein Lieblingsbezirk ist ja der 8., wo ich einmal in der Piaristengasse gewohnt habe, aber da kostet eine Wohnung ja drei Mal so viel.

Wie werden Sie Ihren Geburtstag feiern?
Ich lade ein paar gute Freunde und meine Familie ein zum Essen beim Novelli und das war's. Diese Großfeiern der Verlage hab' ich schon beim 65er und 70er abgelehnt. Und ich glaub', die waren froh drüber.

Ihre Bücher sind immer durchzogen von einem positiven Ton und viel Humor. Dabei sind Sie ja gar nicht so ein fröhlicher Mensch.
Ich hab' halt das Talent - ich weiß nicht, ob's angeboren ist oder durch die Umwelt antrainiert -, dass ich bei jeder Sache, und sei sie noch so traurig, die komische Seite sehe. Es geht nicht anders. Das Komische bleibt mir immer im Hinterkopf. Ein Beispiel: Am traurigsten in meinem Leben war ich, als mein Vater seinerzeit ganz überraschend gestorben ist. Ich bin dann auf die Leichenbestattung gegangen, wo mir der Mann im Büro alles erklärt hat. Wir haben eine Familiengruft und brauchten einen Metallsarg, der nur schwer aufzutreiben war. Endlich haben sie einen gefunden. Auf einmal sagt der Mann zu mir: "Oder hatte der treue Verblichene vielleicht Überlänge?" - Und ich sag' drauf: "Ja, er war 1,97 m groß". Da haut der auf den Tisch und schreit: "Scheiß an, jetzt kann' ich wieder von vorn anfangen". Solche Sachen bleiben mir im Kopf. Das war einfach komisch.

Waren Sie ein freches Kind?
Ja, das ist mir immer vorgehalten worden, dass ich frech bin. Aber gemessen an dem, wie Kinder heute sind, war ich eh ein Lapperl. Ich hab' halt auf meinem Willen bestanden. Ich bin immer gut behandelt worden als Kind und hab' nie eine Watschen gekriegt. Doch, einmal, da hat mir der Vater reflexartig eine gegeben, weil ich ihn gegen sein eitriges Schienbein getreten hab'. Da hat er sich aber gleich dafür entschuldigt. Kinder, denen nie etwas passiert, die können leicht frech sein. Sie wissen, sie werden immer geliebt. Das weiß ich noch, unsere Hausmeisterin hat einmal zur Mama gesagt: "Bei der kann man die Gosch'n extra derschlagen".

Die Kinder in Ihren Büchern haben immer ein großes Selbstbewusstsein.
Ja, das geb' ich ihnen mit. Man muss schon sehen, dass die Kinder in meinen Büchern natürlich witziger reden können als Zwölfjährige normalerweise. Aber die Kinder lieben genau das, dieses Aha-Erlebnis: "Ja genau, das hab' ich mir auch gedacht. Der gibt die richtige Antwort, aber so witzig wär's mir nicht eingefallen".

Sie lesen nicht gern vor, stimmt's?
Naja, ich bin nicht schlecht im Vorlesen, aber ich geh nicht gern in Schulen. Dort hab' ich das Gefühl, wenn ich sagen tät': Wer zuhören will, soll bleiben und wer nicht, kann heimgehen, dann würde die halbe Klasse aufstehen. Deshalb mach' ich das gleich gar nicht.

Sie haben schon viele Preise bekommen, am bedeutendsten war der Astrid-Lindgren-Preis. Im November kriegen Sie jetzt den Corine-Buchpreis. Bewirken diese Preise etwas?
Bei dem Corine-Preis hab' ich gar nicht gewusst, dass es den gibt. Geld kriegst auch keins dafür. Das find' ich eigentlich unverschämt. Ich brauch' ja keins, aber ich kenn' eine Fotografin, die wirklich nicht viel verdient. Die hätt' sich über eine Dotierung gefreut. Nein, bewirken tun Preise heute nichts mehr. Früher wurden Bücher, die einen Preis bekommen haben, noch von der öffentlichen Hand für Bibliotheken gekauft. Aber dafür ist heut' kein Geld mehr da.

Waschechte Wienerin: Sie wuchs in Hernals auf

Gelernte Grafikerin: Christine Nöstlinger wurde am 13. Oktober 1936 in Wien geboren. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, ihr Vater, ein Uhrmacher, war überzeugter Sozialist. Nach der Matura studierte sie Gebrauchsgrafik an der Angewandten.

Nöstlingers Schriftstellerkarriere begann erst spät, als sie - Mutter von zwei Töchtern - daheim Kinderbücher verfasste. Ihr erstes Buch, "Die feuerrote Friederike", erschien 1970 und wurde gleich ein Erfolg. Es folgten mehr als hundert weitere Bücher, vor allem Kinderbücher, aber auch Autobiografisches wie "Maikäfer, flieg" oder "Zwei Wochen im Mai", in denen sie ihre Kindheit in der Nachkriegszeit aufarbeitete. Ihr zweiter Ehemann Ernst, mit dem sie viele Jahre glücklich war, starb im Vorjahr.

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