Nestroys 150. Todestag: "Dichter nur der Posse"?
Johann Nestroy: Seine Stücke sind noch immer zahlreich auf den Spielplänen zu finden. Seine Zitate waren schon im 19. Jahrhundert weitsichtig.
Ungebrochen beliebter Komiker, derber Volkstheaterphilosoph, Künstler im Umgehen der Zensur, Inbegriff des Wiener Theaters:
Johann Nepomuk Nestroy starb vor 150 Jahren. Seit den 1830ern zählt er auf den heimischen Bühnen zu den meistgespielten Theaterautoren, auch rund um den Todestag am 25. Mai ist Nestroy auf den Wiener Bühnen, aber auch in Museen und in neuen Büchern (siehe unten) höchst präsent.
Nestroy war kein Possenreißer, sondern ein Volksdramatiker, der die Gesellschaft messerscharf porträtierte. Viele seiner Aphorismen und Zitate sind zeitlos gültig.
"Der Mensch ist gut, die Leut` sind schlecht." - Zitate von Nestroy zum Durchklicken . . .
Doppelter Boden
Als zweites von acht Kindern in bürgerliche Verhältnisse in Wien geboren, schlug Nestroy wie sein Vater zunächst eine Juristenlaufbahn an - doch schon während dem Studium spielte er nebenbei am Theater. Ab 1822 sang er in der Bass-Stimmlage am Wiener Hoftheater, ging dann nach Amsterdam, Brünn, Graz, Preßburg und Lemberg und schrieb erste Stücke. 1826 wurde "Die Verbannung aus dem Zauberreiche " am Grazer Schauspielhaus uraufgeführt, nach ersten Engagements in Wien stieg er schnell zu den beliebtesten Schauspielern und Possendichtern auf.
Der Erfolg von Stücken wie "Der böse Geist Lumpazivagabundus" (1833), "Der Talisman" (1840), "Einen Jux will er sich machen" (1842), oder "Zu ebener Erde und erster Stock" (1835) war groß - und bis heute anhaltend. Gemeinsam mit Wenzel Scholz trat er als Komikerpaar auf, etwa in "Der Zerrissene" (1844). Seine "Posse mit Gesang" dominierte bald das Wiener Vorstadttheater.
Während die Handlungen seiner Stücke auf den ersten Blick oberflächlich und die eingestreuten Gesangs-Couplets schlicht wirken, gibt es dabei meist einen doppelten Boden: Denn auf der Bühne wurden die von der Zensur des Vormärz genehmigten Couplets durch Improvisation mit beißender Sozialkritik und politischen Seitenhieben ersetzt. Seine Satire wehrte sich nicht nur gegen die Sentimentalität der Romantik, sondern lässt in der Überzeichnung ihrer Charaktere tiefe Blicke in die seelische Widersprüche, Abgründe und Ironien zu.
Nicht zufällig zählte Karl Kraus zu den wichtigsten Advokaten der Nestroy-Renaissance im 20. Jahrhundert. Heute ist nicht nur der Wiener Theaterpreis "Nestroy" nach ihm benannt. Er zählt - auch rund um den 150.
Todestag - zu den klaren Fixsternen der heimischen Bühnen.
Bücher
Aus diesem Anlass sind nun mehrere Nestroy-Biografien erschienen. Eine stammt vom britischen Nestroy-Experten Edgar Yates. Yates gelingt es in seinem chronologischen Buch "Bin Dichter nur der Posse. Johann Nepomuk Nestroy. Versuch einer Biografie", den Wiener Theateralltag Mitte des 19. Jahrhunderts abzubilden. Das Zitat des Titels, es stammt von Nestroy, zeigt falsche Bescheidenheit. Das Werk des satirischen Komödiendichters und Dramatikers ist mehr als Posse, ist Weltliteratur.
Der Schauspieler und Regisseur Peter Eschberg spürt in seinem Buch "Nestroy bleibt!"(Edition Steinbauer, 136 Seiten, 22,50 Euro) den literarischen Erben Nestroys wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek nach und plädiert für schnörkellos-aktuelle Aufführungen, die Nestroys zeitloser Welterfassung gerecht werden.