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Pinter/Heimkehr © Bild: Ruth Walz
Festwochen-Kritik
20.05.2013

Vielschichtiger Sozialporno mit Starbesetzung

Die französische Fassung von Harold Pinters "Heimkehr" mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner in der Regie von Luc Bondy.

Man kennt das aus dem Privatfernsehen. Eine versiffte Wohnung, in der sozial schwer verträgliche Typen miteinander hausen. Deren Umgangston aus Höflichkeitsfloskeln wie „Schnauze, du Arschloch“ besteht. Selbsteinschätzung: „Eine Familie von Krüppeln, drei Arschlöcher als Söhne, eine Hure zur Frau“

Luc Bondy hat Harold Pinters absurdes White-Trash-Theater aus dem Jahr 1965 zu seinem Einstand im Pariser Odéon Theater inszeniert und nun als Gastspiel zu seinem Abschied bei den Wiener Festwochen gebracht. Philippe Djian („Betty Blue“) hat Pinters Stück neu übersetzt. Seine Sprache ist elegant, betont aber die Schreckensmomente. Was gut zur Intention Pinters passt: Sozialkritik hat er Zeitgenossen wie John Osborne überlassen. Working-Class-Heroes sind seine Protagonisten keine. Diese Ruderleiberl- und Jogginghosenträger müssen sich nicht zwischen Edmund Sackbauer und Marlon Brando entscheiden. Sie sind absurd, schräg und unberechenbar: Von de facto Vergewaltigungen wird in schelmischem Ton berichtet.
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Gesprächig

Bondys Star-besetzte Inszenierung schält die Ambiguität des Pinter-Universums aus dem gesprächigen, und doch schwer verständlichen Stück heraus. Die von Pinter beschworene, lachhafte Mutter-Hure-Dichotomie streift er nur, auch wenn hier ständig von Huren und Müttern die Rede ist. Bondys Stärke sind die Zwischentöne. Der gewalttätige Fleischer Max (Bruno Ganz) wirkt nicht wie ein Tyrann, sondern wie ein verträumter, alt gewordener Waldgeist, der sich mit großen Augen an seine verstorbene Frau Jessie erinnert. ... diese Schlampe. Die ihm innewohnende Gewalt traut man ihm zunächst nicht zu.

Kraftlos

Teddy (Jerôme Kirchner), Lenny (Micha Lescot), Joey (Louis Garrel), Max (Bruno Ganz), Ruth (Emmanuelle Seigner), Sam (Pascal Greggory) © Bild: Wiener Festwochen/Ruth Walz
Als sein Sohn Teddy (Jerôme Kirchner), der als einziger den sozialen Aufstieg geschafft hat, nach sechs Jahren heimkommt und Max seine Schwiegertochter Ruth (Emmanuelle Seigner) kennenlernt, stellt er fest: Seit Jessie hat man keine Hure mehr im Haus gehabt! Ruth, die die Ambivalenz des Stücks famos verkörpert, wird sich schnell in die ihr zugewiesene Rolle einfügen. Kein Wunder: Den kraftlosen Teddy muss man einfach verlassen. Den ihr angebotenen Job als Prostituierte im Männerhaushalt nimmt sie nach kurzer Überlegung an, Waschlappen Teddy muss allein heimfahren.

"Die Heimkehr" spielt nicht im Trailer-Park – wir sind hier im roten Backstein-Universum von Mike Leigh und Ken Loach –, doch ein schäbiger Wohnwagen steht verschämt im Eck und erinnert daran, dass alles noch schlimmer sein könnte. Auf dem eiterfarbenen Linoleumboden liegen Zigarettenstummel. Die hat Familienoberhaupt Max dort verteilt, bevor der seinem Sohn Lenny (Micha Lescot) den Aschenbecher auf den Kopf schlagen wollte. Der soll ihn bloß nicht Papa nennen! Lenny redet grenzdebiles, unverständliches Zeug daher und hat die meiste Zeit die Hände in der Pyjamahose. Dass er ein Zuhälter ist, kann man sich kaum vorstellen. Als er schildert, wie er eine Prostituierte fast zu Tode schlägt, wirkt er wie ein Kind.

Wen wundert’s, dass auch der jüngste Sohn Joey (Louis Garrel), auf der Bühne meist in bewundernswerter Ausdauer mit Boxtraining beschäftigt, ein zweifelhaftes Frauenbild hat. Der einzige, der freundliche Erinnerungen an Jessie hat, ist Max’ Bruder Sam (Pascal Greggory), ein Schwächling, der den Küchenboden wischt und sein schlecht sitzendes Toupet im Spiegel des Schlachter-Hackbeils zurechtrückt. Zum Dank gibt’s von Max körperliche Züchtigung. Aber nicht zu viel, das strengt ihn an. Die einzige Nichtverwandte, Ruth, passt als neues Familienmitglied prächtig in diese schrecklich nette Familie.

Betucht

Brillante Schauspieler, allen voran der übersteuerte Micha Lescot, in einer schlüssigen Inszenierung. Dass Stars vor betuchtem Publikum Sozialporno spielen, ist nicht uncharmant. Das Stück selbst sollte man nicht mit Mutter-Hure-Pseudo-Philosophie oder Gedanken über die Freiwilligkeit von Prostitution überinterpretieren. Es bleibt absurdes Theater.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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