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Kultur
05.12.2011

Giordano: "Die Rache an meinem Buch"

Interview: Paolo Giordano hat mit "Die Einsamkeit der Primzahlen" einen Bestseller gelandet. Die Filmversion kommt nun ins Kino.

Zwei Außenseiter und ihre Qualen beim Erwachsenwerden: Das ist das Thema des Buchs von Paolo Giordano, das in Italien vor zwei Jahren zum Bestseller wurde. Es war das Romandebüt des jungen Turiners und keiner war überraschter als er, als der Roman in weniger als einem Jahr eine Auflage von über einer Million erreichte. Nun wurde "Die Einsamkeit der Primzahlen" auch verfilmt - unter Mithilfe des scheuen Autors, den der KURIER in München traf.

KURIER: Mögen Sie den Film, den Saverio Costanzo gedreht hat?

Paolo Giordano: Ja. Er ist zwar ein eigenes Paket geworden, ganz unabhängig von meinem Buch. Trotzdem gehören beide symbiotisch zusammen. Ich mochte diesen Prozess der Dekonstruktion, den ich gemeinsam mit Saverio durchlief. Es war für mich wie eine Rache an dem Buch, das mich beim Schreiben die ganze Zeit belastete. Es war wie eine Obsession für mich. Daher wollte ich es wirklich in Stücke reißen.

Was ist für Sie die Quintessenz des Buchs?
Diese Idee von Menschen wie Alice und Mattia, etwas ganz Besonderes zu sein. Deshalb werden sie von ihrer Umgebung ausgegrenzt. Und die Idee von Konsequenzen, die auch ganz kleine Dinge haben können - wie die Tatsache, dass der Bruder nicht gemeinsam mit seiner Schwester auf die Kinderparty gehen will. Davon bin ich fasziniert.

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Wie Ihre Hauptfigur Mattia sind Sie Physiker.
Ich bin kein ernst zu nehmender Physiker. Daher finde ich meine Lust am Schreiben auch nicht ungewöhnlich. Die Physiker und Mathematiker, die ich kenne, haben fast immer eine zweite Leidenschaft und sind sehr neugierige Menschen. Ihr Bedürfnis nach Rationalität und Logik hat meist zu tun mit den Ängsten, die sie haben. Mit den Zweifeln an sich selbst. Da ist die Logik ein sicherer Hafen.

Wie Mattia sind Sie sehr distanziert, sehr wortkarg.
Mattia ist so etwas wie mein Alter Ego. Aber ich habe keine Schwester und ich verletze mich auch nicht auf eine sichtbare Art. Ich mag es, wenn ich spüre, dass ich zu jemandem eine Verbindung habe, ohne große Worte machen zu müssen. Ich hasse es, viel zu reden.

Dann muss ja dieser Medienhype, der nach dem Bucherfolg über Sie in Italien hereingebrochen ist, ein Horror für Sie gewesen sein.
Der Hurrikan, der mich da wegfegte, war ein Albtraum. Es widerstrebt meiner Natur, im Mittelpunkt zu stehen. Ich bleibe lieber im Hintergrund, arbeite im Stillen. Es war ein schmerzvoller Lernprozess für mich, plötzlich ins Licht gezerrt zu werden.

Ist Schreiben Vergnügen oder Qual für Sie?
Es ist eine Qual. Schreiben ist für mich immer mit Mühe verbunden. Die Freude kommt erst, wenn ich das, was ich ausdrücken will, zu Papier gebracht habe und es betrachten kann.

Regisseur Saverio Costanzo: "Ich habe Isabella einfach machen lassen"

Es ist nicht leicht, einen Film nach Vorlage eines vom Literaturpublikum akklamierten Buch-Bestsellers zu machen, das war Regisseur Saverio Costanzo von vornherein klar. "Es ist immer ein Risiko, ein gutes Buch in einen Film zu transformieren, weil die Leute die Figuren kennen und sie lieben. Man muss die Seele des Buchs bewahren und doch die Zuseher in den Bann ziehen. Das ist sehr schwierig." Er habe das Glück gehabt, dass "Paolo nicht so sehr an jedem Wort seines Buchs gehangen ist". Er habe ihn in Ruhe arbeiten lassen: "Das Buch war so ein enormer Erfolg, dass Paolo dieses Verteidigen einfach nicht nötig hatte. Es machte ihm nichts aus, wenn wir etwas veränderten. Ich fand, der Film musste so sein, dass er für sich steht."

Costanzo schrieb das Drehbuch zu "Die Einsamkeit der Primzahlen" in enger Zusammenarbeit mit Paolo Giordano. Das Casting machte er allerdings alleine: "Alba Rohrwacher lag als Mattias verletzliche Gefährtin Alice geradezu auf der Hand. Jeder in Italien hätte beim Lesen des Buchs sofort an sie gedacht."

Und Isabella Rossellini, die im Film Mattias Mutter spielt? "Ja, dass sie mitgemacht hat, ist eine kleine Sensation. Isabella hat bisher nur drei Filme in Italien gedreht. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, so, als würden wir uns schon Jahrzehnte kennen. Ich habe sie einfach machen lassen, mich auf ihre Professionalität verlassen. Was will ich so einem Star vorschreiben?"