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© Bild: apa
Alceste in der Staatsoper
11.11.2012

Diesmal ohne Kostüm-Tamtam

Véronique Gens über ihr Debüt an der Wiener Staatsoper in Glucks Drama um Liebe, Macht und Tod.

Die französische Sopranistin Véronique Gens gehört zu den besten Barock-Interpretinnen unserer Zeit. Heute gibt sie mit der Alceste von Christoph Willibald Gluck ihr Debüt an der Wiener Staatsoper. Dem KURIER erzählte sie, warum sie Alceste so mag und was an Mozart "Oh, là là" ist.

KURIER: Eine Frau kämpft um ihren Mann. Ist Alceste ein modernes Drama?

Véronique Gens: Naja. Da bin ich mir nicht sicher. Oder kennen Sie vielleicht jemanden, der für seinen Ehemann sterben würde? Also, die Idee an und für sich ist nicht sehr modern. (lacht)

Sie haben Alceste schon vor zwei Jahren in Aix en Provence gesungen – hat sich Ihre Alceste seither verändert?

Vielleicht ist sie reifer geworden seither. Ich hoffe, dass ich mich wohler fühle als beim ersten Mal. Wenn man eine Rolle zum ersten Mal singt, gibt es ja immer eine gewisse Unsicherheit.

Alceste ist eine moderne Inszenierung – passt das?

Natürlich sind wir nicht in einer griechischen Inszenierung mit großem Kostüm-Tamtam. Im Endeffekt ist es so: Entweder es gefällt einem oder nicht. Ich mag diese Art, Alceste etwas frischer zu sehen. Wissen Sie, wenn man eine Rolle zum ersten Mal singt, dann bekennt man sich auch zur Inszeni erung.

Wird es der Inszenierung gerecht, sie als "Familiendrama" zu bezeichnen"?

Naja, schon etwas mehr. Es ist ein Familiendrama, aber es geht auch und vor allem um die Zukunft des Königreiches. Alceste hat ja niemals regiert, sie hat sich immer nur um die Kinder gekümmert, und plötzlich hat sie ganz andere Aufgaben, sie wird Königin, erbt diese Macht, und das macht ihr Angst. Bis die Götter sagen, okay, der König darf weiterleben, aber jemand muss an seiner Stelle sterben. Und sie sagt: Der einzige Mensch, der an seiner statt sterben kann, bin ich. Sie geht diesen Weg. Ich mag diese Figur so: Einerseits ist sie so fragil, so menschlich und verletzlich, auf der anderen Seite begeht sie eine Heldentat: für einen anderen sterben. Das berührt mich sehr. Sie geht durch Gefühlswelten von Hass, Wut und furchtbarer Einsamkeit und Isolation. Es ist großartig, so etwas zu singen.

Sie scheinen völlig in dieser Rolle aufzugehen.

Absolut. Ich liebe sie. Ich liebe auch Iphigenie, aber diese Alceste ist wirklich besonders. Ich habe selbst Kinder und das, was sie sagt, berührt mich sehr.

Sie sind ja eine große Barock-Spezialistin, singen nun aber immer mehr Mozart. Hat das etwas mit der Veränderung Ihrer Stimme zu tun? Wo wird Sie Ihr künstlerischer Weg hinführen?

Wohin mich der Weg führt, weiß ich nicht. Aber es stimmt, dass ich 15 Jahre lang fast ausschließlich Barock gesungen habe. Französische Barockmusik verlangt eine besondere Strenge. Es gibt keinen Moment, wo man einmal loslassen kann. Ab einem bestimmten Moment habe ich gefühlt, dass meine Stimme nun etwas anderes braucht. Voilà.

Ich bin älter geworden, ich bin gereift, und ich hatte Lust auf etwas Neues. Von Barock zu Mozart zu gehen, das liegt einfach auf der Hand. Als man mir meinen ersten Mozart anbot, dachte ich: "Oh, là, là", es erschien mir enorm! Plötzlich diese Freiheit! Unglaublich! Und es ist interessant: Wenn Sänger, die es gewohnt sind, sagen wir, Verdi zu singen, dann plötzlich Mozart singen, wird es für sie sehr anstrengend. Es kommt eben drauf an, woher man kommt. Für mich bedeutete Mozart eine große Freiheit. Gluck ist wie das Bindeglied zwischen der Barockmusik und Mozart, eine Mischung aus beiden.

Was haben Sie von Gluck schon gesungen?

Die beiden Iphigenien, also Iphigénie en Aulide und Iphigénie en Tauride und Alceste. Lauter Tragödien um starke Frauen mit großen Gefühlen,was mir an sich schon sehr gut gefällt.

Ihre Traumrolle?

Ich würde gerne die Marschallin im Rosenkavalier singen. Aber wir werden sehen. Wenn’s nicht sein soll, ist es auch kein Weltuntergang.

"Alceste": Opfertod und späte Errettung

Gespielt wurden seine Werke immer wieder. Zur Zeit aber erleben die Werke des großen Opernreformators vor allem in Wien eine echte Renaissance. Erst vergangenen Februar war Christoph Willibald Glucks "Telemaco" im Theater an der Wien zu sehen; hier spielt man auch gerade eine sehr aufregende Interpretation der "Iphigénie en Aulide". In der Saison 2013/’14 folgt an der Wien die "Iphigénie en Tauride". Und die Staatsoper zeigt ab heute, Montag, Glucks 1767 in Wien uraufgeführte Oper "Alceste".

Neue Wege Gluck (geboren 1714 in der Oberpfalz, gestorben 1787 in Wien) war einer der bedeutendsten Komponisten der Vorklassik. In seinen Werken war er – im Gegensatz zu den damals in reinem Virtuosentum erstarrten Opern – um eine musikalische, emotionale Wahrhaftigkeit bemüht. Die Musik war nicht mehr Selbstzweck, sondern diente der Charakterisierung der Protagonisten und Konflikte.

So auch in "Alceste". Hier geht es um einen sterbenden König namens Admetos, der dank der Götter aber am Leben bleiben darf, wenn sich jemand an seiner Stelle opfert. Alceste, die Frau von Admetos, ist dazu bereit. Sie stirbt. Herkules aber ist darüber so gerührt, dass er sie errettet. Alceste und Admetos dürfen beide weiterleben.

Im Haus am Ring führt Christoph Loy Regie – die Produktion kommt aus Aix-en-Provence. Ivor Bolton leitet das Freiburger Barockorchester. Bühne: Dirk Becker. Véronique Gens singt (wie in Aix) die Titelpartie der Alceste. Joseph Kaiser ist König Admetos; Adam Plachetka gibt den Herkules . Weiters dabei: Benjamin Bruns, Clemens Unterreiner.