Die Biennale: Weltkunstschau, Wunderkammer, Wissensspeicher
Mit der Schau "Il Palazzo Enciclopedico" hat der Kurator Massimiliano Gioni Kunst-Außenseitern und manischen Sammlern ein famoses Denkmal gesetzt.
2013 könnte als das Jahr des Kunstkammer-Revivals in die Geschichte eingehen. Nicht nur, dass im Wiener KHM die kuriose wie glanzvolle Sammlung des Kaiserhauses neu eröffnete: Auch bei der Biennale Venedig wird das Kunstkammer-Prinzip als inspirierende Kraft der zeitgenössischen Kultur entdeckt.
Die Idee, die Welt mithilfe von Hervorbringungen aus Kunst und Natur an einem Ort zu versammeln und ihr ein Ordnungsprinzip überzustülpen, war nie weg – in einem rational-aufgeklärten Weltbild hatte sie bloß keinen Platz an der Sonne. Massimiliano Gioni, der Chefkurator der Biennale, holt die Idee in spektakulärer Weise vor den Vorhang: In der Hauptausstellung der Biennale, die sich über den zentralen Pavillon und das Arsenale-Gelände erstreckt, wimmelt es von verschrobenen Bildersammlern, Allmachtsphantasten und Esoterikern. Ach ja, Künstler sind auch dabei.
Höhere Wesen
Gioni hat aber auch keine Berührungsängste mit der Esoterik: Prominent zeigt er die geometrischen Zeichnungen der übersinnlich begabten Schweizerin Emma Kunz (1892 – 1963), die diese bei „Heilungsritualen“ verwendete, oder die seltsam modern anmutenden Bilder, die die Schwedin Hilma af Klint (1862 – 1944) auf Eingebung höherer Wesen malte. Sie durften laut Testament erst 20 Jahre nach dem Tod af Klints gezeigt werden.
Auch bei jenen Protagonisten, die ihre Bilder zu Lebzeiten ins Kunstsystem einbrachten, präferiert Gioni die Eigenbrötler: Eben die heurige Löwen-Preisträgerin Maria Lassnig, oder Walter Pichler, dessen „bewegliche Figur“ prominent im Hauptpavillon steht.
Ironische Brechung
Eine gewisse Obsessivität – ob nun im Entwerfen von eigenen Welten oder im Sammeln und Katalogisieren – verbindet die Werke der Schau. Ironisch gebrochen wird diese Leidenschaft in der Serie „Plötzlich diese Übersicht“ des Künstlerduos Fischli und Weiss. Sie zeigen in kunstkammerartigen Vitrinen eine Ansammlung von Tonfiguren, die sie von allem Möglichen anfertigten – etwa von Kartoffeln, Comicfiguren oder Ziegelsteinen (siehe Bildergalerie unten).
Grundsätzlich nimmt die Schau alle Teilnehmer, ob Künstler oder Amateur, ob Autist, Spiritist oder Wissenschafter, ernst. Und sie führt damit eindrücklich vor Augen, welche elementare Funktion das Bildermachen für Menschen besitzt.
Es ist eine inspirierende Schau, deren Botschaft über die Kunst hinausgeht und die Bescheidenheit lehrt: Denn auch die Idee, mit Hilfe der Digitalisierung das Weltwissen in den Griff zu bekommen, könnte sich als Trug erweisen. Die oft belächelten, dafür aber poetischen Weltmodelle von Eigenbrötlern bekommen vor diesem Hintergrund noch einmal eine Chance.
Einblick
Erster Auftritt
Erstmals nimmt heuer der Vatikan an der Biennale Venedig teil: „In Principio“, Am Anfang, heißt die Schau, die vier Künstlerpositionen in den Sälen des Arsenale präsentiert.