Bücherkrise Teil 1: Der Kampf um Leser
110.000 neue deutsche Bücher gibt es pro Jahr. Doch die Verlage schreiben rote Zahlen. Verleger Wieser im Interview über den Existenzkampf.
Deutschsprachige Europäer lesen im Durchschnitt täglich eine halbe Stunde in einem Buch. Neuneinhalb Stunden verbringen sie mit Internet, Fernsehen, Radio, Tageszeitung, Zeitschrift und Hörbuch. So eine Studie des Deutschen Buchhandels. Am liebsten werden Krimis gelesen, gefolgt von Sach- und Kochbüchern (sic!). Zu dumm für Verleger Lojze Wieser, dass er sich nicht darauf spezialisiert hat.
Der Verlag, vor 24 Jahren mit Sitz in Klagenfurt gegründet, musste im März Insolvenz anmelden. Wieser, der sich unter anderem mit der vielsprachigen Reihe "Europa erlesen" einen Namen gemacht hatte, war mit mehr als 800.000 Euro überschuldet – unter anderem wegen der Kombination aus krisenbedingt sinkenden Verkaufszahlen und gekürzten Subventionen, vor allem in den osteuropäischen Ländern.
Seine Krise ist symptomatisch. Noch 2010 galt: Der Buchmarkt hat die Wirtschaftskrise gut weggesteckt. Im Gegensatz zum Einzelhandel erlitt die Verlagsbranche keinen Einbruch. Zwei Jahre später ist alles anders. Von Jänner bis April 2011 verzeichnete der österreichische Buchhandel ein Umsatzminus von 3,2 Prozent.
"Es fehlen die großen Bestseller", erklärt Gerald Schantin, Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels.
Barbara Mader
Interview: Lojze Wieser vom Wieser Verlag
Der Klagenfurter Verleger Lojze Wieser, 57, musste im März Insolvenz anmelden. Rund 1000 Bücher mit einer Gesamtauflage von 1,3 Millionen Exemplaren hatte er auf den Markt gebracht. Aber jetzt, schon drei Monate später, geht es weiter: Wieser startet neu durch.
KURIER: Was haben Sie falsch gemacht?
Lojze Wieser: Alles oder nichts. Was neu gemacht werden muss, kostet viel Geld. 1981, als ich angefangen habe, gab es kein einziges slowenisches Buch in Übersetzung. Mittlerweile hat allein der Wieser Verlag 100 Bücher.
Sie waren vorher Versicherungsmanager und haben Ihr Vermögen reingesteckt?
... dann kamen 1994 die Briefbombe, zwei Attrappen und Morddrohungen gegen mich. Für eine Woche wurde ich zur meistgefährdeten Person in Österreich erklärt. Und plötzlich gab es in diesem Zusammenhang die Anzeige, ich hätte 34.000 Schilling Subventionsgelder betrügerisch kassiert.
Im Prozess hat ein Ministerialrat ausgesagt, eigentlich müsste Ihnen der Staat noch etwas nachzahlen. Sie wurden also reingewaschen.
Ja, aber 18 Monate war ich unter Verdacht. Die Subventionen wurden eingestellt, die Sponsoren verabschiedeten sich. Davon hat sich der Verlag nie mehr erholt.
Am Ende standen 900.000 Euro minus.
Und die 250.000 Bücher, die ich auf Lager habe – auf welchen Wert, glauben Sie, wurden die geschätzt?
Ein Euro pro Buch?
Schön wär’s gewesen. Auf insgesamt 5000 bis 7000 Euro. Aber wir haben nichts verramscht. Wir haben alle Bücher gerettet. Weil uns die literarische Leistung der Autoren wichtig war.
Innerhalb von drei Monaten haben Sie mit Ihrem Team die 20-Prozent-Quote erledigt. Wer half?
Die alte slowenische Regierung zum Beispiel. Und RZB-General Walter Rothensteiner. Der hat zu mir gesagt: "Wir werden das Programm Ö1 unter den österreichischen Verlagen nicht sterben lassen."
Geht’s denn nicht allen Literaturverlagen ähnlich schlecht?
Wir waren nur die Spitze des Eisberges. Die gesamte Branche – also Buchhandel und Verlagswesen – ist gefährdet. Wahrscheinlich in ganz Europa. Deshalb müssen alle über die Zäune schauen. Vielleicht gelingt jetzt endlich wenigstens eine gemeinsame Einkaufspolitik für das immer teurer werdende Papier. Das könnte 20 Prozent einsparen.
Ändert sich bei Ihrem Neustart etwas?
Ich bin noch nicht bei der Erkenntnis angelangt, dass etwas anders geworden ist. Dem Geld habe ich immer nachrennen müssen. Wir werden Patenschaften für einzelne Bücher verkaufen. Erst wenn ein Manuskript auf diese Art finanziert ist, werden wir ein Buch daraus machen.
Weil gerade das literarische Herbarium "Artischockenherz und Mandelkern" des Kroaten Zivko Skracic hier auf dem Tisch liegt: Alles in allem – was kostete Ihren Verlag dieses Buch ungefähr?
10.000 Euro.
Auflage?
1000 Stück.
Und wenn es die Leut’ nicht kaufen wollen? Warum tut man sich das dann an?
Weil der Parzival gesagt hat: Mensch, was brauchst du? Und weil wir in der derzeitigen Krise an die Grenze des wirtschaftlich Machbaren gekommen sind und wir erkennen, dass der Mensch nicht nur vom Geld lebt. Die Kultur ist das Salz der Gesellschaft. Iss einmal eine ungesalzene Suppe! Wenn wir schon Banken mit 5500 Milliarden Euro retten, werden wir doch wohl zur Seelenrettung der Menschen eine Milliarde übrig haben! Und 82 Milliarden Dollar jährlich, um die ganze Dritte Welt vor dem Hunger zu bewahren.
Peter Pisa
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