Zeit für Tee
Nicht nur Life-Stylisten entdecken die Vorzüge des Tees.
Misst man die kulinarische Reife eines Landes an seinem Umgang mit der Zubereitung und dem Genuss von Tee, schaut es für Österreich leider nicht sehr gut aus. Über Jahrzehnte gab es unter dem Begriff nichts anderes als labbrige Beutel der Kategorie „russisch“ oder „Pfefferminze“. Das Wasser viel zu heiß, der Schauwert der Zeremonie bescheiden. Die wenigen Tee-Oasen befanden sich meistens in der Großstadt und sind bekannt, das Haas & Haas am Stephansplantz mit seinen ehrenwerten Versuchen, britische und neuerdings auch japanische Teekultur in Wien zu etablieren, sowie Demmers Teehaus mit seinem kleinen Imperium an Filialen und der Schönbicher in der Wollzeile. Das war’s dann auch schon gewesen. Tee galt als Getränk für alte Frauen und Hypochonder. Der Teebeutel hatte dem Getränk imagemäßig den Garaus gemacht.
Feinschmecker ließ das Gesundheitsargument kalt
In den 80er oder den 90er Jahren kam der Gesundheitskult und der Tee wurde plötzlich unverzichtbar in einer von zu viel Schweinsbraten und Bier geplagten Gesellschaft, deren Mägen und Därme nach einer Auszeit wimmerten. Kräutertees, aromatisierte grüne Tees und alles, worüber die Kräuterpfarrer und ihre Diakone berichteten, standen in jedem Küchenkastl. Feinschmecker ließ das Gesundheitsargument hingegen kalt wie Industrie-Eistee aus dem Packerl.
Auf einmal aber soll alles anders werden. Mit Tee als Bereicherung eines geschmackvollen Alltags. Wie beim Kaffee ist es auch in diesem Fall Wissen mit Migrationshintergrund, das uns Österreichern zur Freude am Heißgetränk gereichen soll. Manches haben wir von den Engländern, anderes von den Franzosen, vieles von den Asiaten. Diese brachten uns zum Beispiel den bereits genannten Matcha-Tee. Matcha (japanisch für: 抹茶 „gemahlener Tee“) ist Grüntee, der sich von anderen grünen Tees vor allem durch eines unterscheidet. Er wird zu feinstem Pulver vermahlener und dieses nicht wie andere Teeblätter üblicherweise entfernt, sondern im Getränk belassen. Matcha hat eine intensive, grüne Farbe – sie entsteht unter anderem dadurch, dass die Blätter vier Wochen vor der Ernte beschattet werden - sowie einen leicht süßlichen, in späteren Pflückungen vermehrt herben Geschmack. Das Pulver, das man im Spezialitätenladen für Asia-Gourmets bekommt, entsteht in einem aufwändigen Verfahren. Die Teeblätter werden gedämpft, getrocknet und anschließend in Steinmühlen zu feinem Pulver gemahlen. Ein Beispiel traditioneller asiatischerTeekultur, das nicht zuletzt wegen deswegen eher hochpreisig ist.
Matcha Latte und andere Erfindungen
Natürlich haben die Engländer alles aus ihren Kolonnien, aber das ist ja eine andere Geschichte. In den Länder mit dem bekanntermaßen gemäßigteren Klima ist Tee Kulturgut des Alltags. Bei den Briten ersetzt der Fünf-Uhr-Tee oft das Abendessen. Denn hier wird nicht nur duftender Schwarztee gereicht, oft mit Milch oder am besten pur, sondern auch allerlei Gebäck. Scones mit Whipped Cream und Marmelade sind typisch. Außerdem gibt es Sandwiches, der urbritische Beitrag zur internationalen Speisenkarte.
Der Gurkensandwich mutet für Festlandeuropäer etwas gewöhnungsbedürftig an, enthält hingegen Suchtpotential. In Londoner Hotels gibt es Fünf-Uhr-Tee nach Tischreservierung und die Zeremonie ist für Neulinge ein einziges Trooping the Colors. So wie es schwer ist, in London ein gescheites Schweinswiener zu bekommen, hält sich auch das Angebot an Fünf-Uhr-Tee in Österreich in Grenzen. Das großartig kosmopolitische Hotel Post in Lech am Arlberg bietet seit langem eine Tee-Jause und die ist so gut gebucht, dass es ohne Reservierung schwierig ist. Von einem vergleichbaren Gästeandrang träumt sicher auch der Herrenhof in der Wiener Innenstadt, ein smartes Haus, das immer wieder mit Innovationen von sich reden macht.