Öffis: Notbremse bei der Tarifreform
Das rot-grüne Versprechen, die Tarife für Öffis zu senken, beginnt zu zerbröseln. Experten warnen sogar vor Verbilligungen.
Nach monatelangen Verhandlungen steht einige Tage vor der Präsentation der versprochenen rot-grünen Tarifreform fest: Der große Wurf wird ausbleiben, es wird höchstens zu sanften Anpassungen kommen.
Die versprochene 100-€-Jahreskarte haben sich die Grünen längst abgeschminkt. Man will zwar noch mit der 365-€-Forderung (derzeit 449 €) in den letzten Verhandlungspoker gehen. Ein Kompromiss könnte aber deutlich darüber liegen. Grund: Die Wiener Linien brauchen dringend Geld, um den hohen Standard halten zu können. Sie fordern deshalb sogar eine Tariferhöhung.
Massive Unterstützung erhält man nun von Verkehrsexperten und vom Fahrgastbeirat. Tenor: "Die Jahreskarte darf nicht billiger werden!" Durch Preissenkungen würden kaum Neukunden gewonnen, Qualitätseinbußen könnten aber Fahrgäste vertreiben.
Bei einer Diskussion in der Verkehrswissenschaftlichen Gesellschaft (ÖVG) wurden die Gründe genannt. So sieht der deutsche Tarifberater Stefan Weigele von "civity" für eine große Tarifreform" keinen Grund. In Wien würde das Preissystem "gesund" sein und unter dem europäischen Schnitt liegen. Monatskarten etwa sind in Wien um 21 % billiger.
Alternative "Winterabo"
"Eine Preissenkung würde kaum Nachfrage generieren", meinte der Verkehrswissenschaftler Sebastian Kummer. Seine Empfehlung: Statt über Preise sollte man über eine Differenzierung des Angebots reden. Etwa ein "Winterabo" für fünf Monate zum halben Preis der Jahreskarte.
Hermann Knoflacher vom Fahrgastbeirat sprach sich gegen eine Tarifsenkung aus und plädierte für eine Anhebung der Parkgebühr auf 2,50 € pro Stunde. Ist das Parken vor der Haustüre unattraktiv, steigt die Bereitschaft zu Fuß zur nächsten Haltestelle zu gehen.
Der Experte Weigele präsentierte auch einen europäischen Städtevergleich: Im Schnitt liegt der Einzelfahrschein bei 2,30 €, in Wien kostet er derzeit 1,80 €. Monatskarten kosten im Schnitt 61,96 € in Wien aber nur 49,50 €. Spitzenreiter ist Hamburg mit 91,50 €.
Reaktionen auf die Diskussion: Grün-Gemeinderat Rüdiger Maresch: "Verkehrspolitik machen Politiker und nicht Lobbyisten." SP-Verkehrssprecher Karlheinz Hora: "Wir haben bereits moderate Preise in Wien. Ich persönlich schließe mich der Meinung der Experten an. Aber es gibt nun einmal das Koalitionsabkommen mit den Grünen."
U-Bahn-Ausbau in den Süden gerät ins Stocken
N eben den Tarifen stehen auch die Ausbaupläne für die Verlängerung der Linien U1 und U2 auf dem Prüfstand. Vor allem die U2-Verlängerung vom Karlsplatz über das Stadtentwicklungsgebiet St. Marx bis zur Gudrunstraße macht Probleme. 650 Millionen Euro hat die Stadt dafür veranschlagt. Derzeit prüfen Experten der Wiener Linien die Trassenführung. Erstes heikles Problem: Die U2 soll direkt durch ein Botschaftsviertel fahren. Immerhin sind Botschaften theoretisch bis zum Erdmittelpunkt Exterritorialgebiete. So müsste ein U-Bahn-Fahrgast am Weg nach St. Marx Russland, China oder Italien passieren. "Noch ist die Trassenführung nicht fixiert", sagt Wiener Linien-Sprecher Dominik Gries. Man werde aber Gespräche führen müssen.
Nächstes Problem ist die Station Rennweg. Hier liegt die S-Bahn-Station der ÖBB unterirdisch, für eine U-Bahn fehlt der Platz. "Darunter zu graben wäre zu teuer", bestätigt Gries. Man müsste wohl ausweichen. Wo die U2 enden soll ist derzeit völlig offen. Zuletzt überraschte Wiener-Linien-Geschäftsführer Eduard Winter mit der Aussage, dass eine U2 bis zum Hauptbahnhof nicht zwingend nötig sei. Zumal eine Verlängerung der Linie D schon fix ist. Bleibt das Areal St. Marx, in das der ORF einziehen dürfte. SP-Verkehrssprecher Karlheinz Hora sieht auch hier keine Notwendigkeit für einen U-Bahn-Anschluss. "Wir haben die S7 in der Nähe, da müsste man die Intervalle verdichten." Die Regierung werde die U2-Verlängerung noch einmal genau prüfen.
Auch die U1 wird langsam zum Sorgenkind. Obwohl die Arbeiten an der Verlängerung schon begonnen haben, ist noch immer unklar, wo die U1 künftig endet. Wegen zu hoher Forderungen von Grundeignern liegt die Endstation Rothneusiedl derzeit auf Eis. Eine andere Variante mit der Endstation Oberlaa ist fragwürdig, ist dort doch das Personenaufkommen sehr gering. "Auch Park-&- Ride-Anlagen für Pendler aus dem Süden wären hier nicht möglich", sagt VP-Geschäftsführer Alfred Hoch. Stadtteile wie Rothneusiedl nicht an die U-Bahn anzuschließen, sei nicht möglich.