Fall Bulger: Kindermörder kommt frei
Sie waren gerade einmal zehn Jahre alt, als sie den zweijährigen James Bulger in Liverpool zu Tode folterten.
Der Fall löste vor 20 Jahren weltweit Entsetzen aus: Am 12. Februar 1993 starb der zweijährige James Bulger in Liverpool – entführt und zu Tode gefoltert von zwei zehnjährigen Buben. Im November 1993 wurden Jon Venables und Robert Thompson für die Tat zu lebenslanger Haft verurteilt. Mindestens acht Jahre sollten sie in Jugendarrest verbringen, mit anschließend lebenslanger Bewährung.
2001 wurden beide zu ihrem eigenen Schutz mit neuen Identitäten ausgestattet und kamen auf Bewährung frei. Im Juli 2010 kam Venables wegen Besitzes und Verbreitung von Kinderpornos wieder ins Gefängnis. Nun soll der heute 29-Jährige erneut aus der Haft entlassen werden, erklärte ein Berufungsausschuss am Donnerstag.
Tathergang
Obwohl Bulger offenbar weinte und Widerstand leistete, und Passanten nachher aussagten, er habe eine Verletzung an der Stirn gehabt, brachten die beiden Burschen es fertig, ihn unbehelligt auf ein Bahngelände zu verschleppen. Sie bewarfen ihn mit Farblack, stopften ihm Batterien in den Mund, schlugen mit Steinen und einer Eisenstange auf ihn ein. Anschließend legten sie das sterbende Kind auf die Bahngleise, wo sein Leiche zwei Tage später entdeckt wurde – sein Körper war von einem Güterzug zerteilt worden. Zu diesem Zeitpunkt war Bulger bereits tot gewesen.
Die Obduktion der Leiche ergab, dass James 42 verschiedene Verletzungen an Kopf und im Gesicht, darunter allein zehn Schädelfrakturen, erlitten hatte. Alle Verletzungen wurden ihm zugefügt, als er noch lebte, stellte der Pathologe damals fest. Außerdem wurde ermittelt, dass die Misshandlungen sich über eine Stunde dahinzogen haben mussten.
Gerichtsvefahren
Die Hauptverhandlung sorgte für enormes Medieninteresse. Nicht nur die Tatsache, dass es sich um zwei so junge Mörder handelte, die offenbar kein Motiv für ihre Tat hatten, schockierte die Öffentlichkeit. Auch, dass insgesamt 38 Passanten das Trio gesehen hatten, und das grausame Verbrechen trotzdem nicht verhindert worden war, beschäftigte die Menschen über Großbritanniens Grenzen hinaus.
Hunderte Demonstranten versammelten sich am ersten Verhandlungstag vor dem Gerichtsgebäude in Preston, manche von ihnen gingen auf das Polizeiauto los, in dem Venables und Thompson saßen. Die Familie von Venables und Thompson sahen sich mit Morddrohungen konfrontiert und mussten mit einer neuen Identität die Stadt verlassen.
Das Gericht verurteilte die beiden Jungen zu lebenslanger Haft, und legte fest, dass sie mindestens acht Jahre hinter den Gittern einer Jugenstrafanstalt verbringen sollten.
Petition
Dies empfanden viele jedoch nicht als ausreichend. Über 300.000 Menschen unterschrieben eine Petition, die vom damaligen Innenminister Michael Howard eine härtere Strafe forderte. Howard erhöhte daraufhin die Strafe auf 15 Jahre Haft. 1997 wurde diese Entscheidung vom House of Lords jedoch revidiert und als rechtswidrig aufgehoben.
Im Oktober 2000 wurde die Mindeststrafe für die beiden Täter wegen guter Führung nochmals auf acht Jahre verkürzt, womit das ursprüngliche Strafmaß von acht Jahren wiederhergestellt wurde.
Eltern "enttäuscht und bestürzt"
Dass Venables nun erneut freikommen soll, ist für die Familie von James Bulger ein Schlag ins Gesicht. "Venables kommt frei. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich erneut durchmache", twitterte James' Mutter Fergus. Der Vater des Buben äußerte sich "enttäuscht und bestürzt". Für ihn gehe "der Albtraum weiter". Venables sei ein Sexualtäter, der schon einmal getötet und klar gemacht habe, dass für ihn der sexuelle Missbrauch von Kindern der "ultimative Kick" sei.