Britische Krankenhäuser schlagen Alarm: "Zustände wie in der Hölle"
Verzweifeltes Warten auf medizinische Versorgung: Mehr als 35 Stunden hatte eine Frau nach einem Schlaganfall auf dem Flur gelegen. Zwei Tage später starb ein Mann dort an den Folgen einer Hirnblutung.
Krankenhäuser in Großbritannien schlagen Alarm: Vor allem die Notaufnahmen sind wie nie zuvor seit der Gründung des staatlichen Gesundheitsdienstes National Health Service (NHS) vor fast 70 Jahren unter Druck. Patienten und Angehörige berichten von weinenden Krankenschwestern und Zuständen "wie in der Hölle".
So starben zwei Patienten vor kurzem in Notbetten auf dem Gang einer Klinik in Worcester in der Nähe von Birmingham, wie Medien berichteten. Mehr als 35 Stunden hatte eine 66-Jährige nach einem Schlaganfall auf dem Flur gelegen, als ihr Herz aufhörte zu schlagen. Zwei Tage später starb ein Mann dort an den Folgen einer Hirnblutung.
"Mehrere Tage musste unser Freund, der Prostatakrebs hat, auf ein Krankenbett warten", berichtete eine Britin über dieselbe Klinik. "Und als wir ihn dort besuchten, sahen wir überall auf den lauten Gängen kranke Menschen in Rollstühlen oder mit Rollatoren, die noch kein Bett hatten."
Auch das Lewisham-Hospital im Süden von London erlebte einen enormen Ansturm von Patienten, Operationen wurden abgesagt. In der ersten Jännerwoche lösten 20 Krankenhäuser einen "Schwarzen Alarm" aus, berichtete die Zeitung The Independent. Das müssen sie tun, wenn sie "nicht in der Lage sind, eine umfassende Versorgung zu garantieren".
May: "Maßlos übertrieben"
Der Chef des Britischen Roten Kreuzes, Mike Adamson, sprach im Parlament in London von einer "humanitären Krise" im Gesundheitssystem und löste mit seiner Wortwahl Empörung aus. Die Situation sei doch "nicht vergleichbar mit Syrien oder dem Jemen", sagte die konservative Abgeordnete und Medizinerin Sarah Wollaston. Premierministerin Theresa May wies die Kritik als "maßlos übertrieben" zurück.
Trotz aller Probleme halten die Briten zäh an ihrem Gesundheitssystem fest. Der NHS basiert auf der Idee des Wohlfahrtsstaates, und viele schätzen das System, das ihnen eine fast kostenfreie Versorgung bietet. Es wird überwiegend aus Steuern finanziert, nur ein geringer Teil wird von Sozialversicherungsbeiträgen abgedeckt. Nachteile wie Einschränkungen bei der Ärztewahl werden akzeptiert.
May möchte trotz aller Kritik am NHS festhalten und strebt Verbesserungen an, die Finanzmittel seien ausreichend. Gesundheitsminister Jeremy Hunt räumte zwar eine "lückenhafte" Notversorgung ein, aber insgesamt stehe der NHS besser da als vor einem Jahr.
Auch die Krankenhäuser reagierten ungläubig auf die Äußerungen des Gesundheitsministers. Die Zustände seien "bisher einmalig", erklärte ein Krankenhaus-Chef in einem BBC-Interview. 2016 sollen mehr als 4.000 dringende Operationen abgesagt worden sein.
Polizei springt ein
Vielerorts wird angesichts der schwierigen Lage improvisiert. In Cambridgeshire im Osten Englands transportieren Polizei-Streifenwägen immer öfter Patienten. Wenn stundenlang kein Krankenwagen zur Verfügung stehe, müsse in Notfällen eben die Polizei einspringen, sagte der örtliche Polizeichef Alec Wood der Zeitung Cambridge News.