Chronik/Österreich

Das tödliche Geschenk: Der Giftmord an Heinz Kern

Es ist der 13. September 1972, als ein Mann gegen 14 Uhr das Postamt in Graz betritt und ein Paket aufgeben möchte. Bekommen soll es Heinz Kern, ein bekannter Tanzlehrer aus der Gegend. Die Frau am Schalter macht den Mann darauf aufmerksam, dass die Empfänger-Adresse nur ein paar Schritte entfernt liegt, er könne das Paket doch am besten selbst hinbringen. Darauf war er wohl nicht vorbereitet, etwas konsterniert besteht er auf den Versand. 

Einen Tag später läutet der Postbote bei der Adresse von Heinz Kern. Seine Frau Helga nimmt das Paket entgegen, nicht wissend, dass darin der Tod auf ihren Mann warten sollte. 

Es handelt sich um einen Schuhkarton, gefüllt mit unterschiedlichen Lebensmitteln. Beigelegt ist ein auf Schreibmaschine verfasster Dankesbrief, in dem der Absender einen “guten Appetit” wünscht. Dieses Schreiben ist mit dem Namen Josef Mautner unterzeichnet. 

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Weder Josef Mautner noch Heinz Pitzer, der Absender-Name auf dem Schuhkarton, existieren. Beide Namen wurden erfunden. 

Es dauert nicht lange, bis sich Heinz Kern über das Lebensmittelpaket hermacht, vor allem das Verhackerte hat es ihm angetan. Der Täter wusste offenbar von Kerns Vorliebe zu dem Fleischaufstrich. 

Am nächsten Tag ist Heinz Kern tot. Der Aufstrich war vergiftet, er wurde mit Arsen versetzt. 

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Chefermittler Kurt Linzer sitzt in seinem Büro und runzelt die Stirn. Immerhin hat er es hier mit Europas ältestem Cold Case zu tun. “Die Zeit ist ein großes Problem bei diesem Fall. In der Zwischenzeit sind 48 Jahre vergangen. Wir sind es der Rechtsordnung schuldig und sehen das als Selbstverständnis an, dass wir diesen Fall nicht zu den Akten legen. Sondern immer wieder versuchen, diesen Fall am Leben zu erhalten.” 

Dazu gehört, das Umfeld des Opfers zu untersuchen, so als begäbe man sich auf Zeitreise. Wie war das Leben damals für Heinz Kern? Wer kannte ihn gut? Wen kann er dermaßen verärgert oder verletzt haben? Woher konnte zu dieser Zeit das Gift bezogen werden? Wer war der Mann am Postamt?

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“Heinz Kern war sehr erfolgreich. Erstens als Inhaber und Betreiber der Tanzschule Kern in Graz. Zum anderen war er Spitzensportler im Turniertanz. Seine Frau Helga und er wurden einige Male österreichische Staatsmeister und sogar den Weltcup haben die beiden gewonnen”, sagt Linzer.

Er wolle das Wort Feind nicht in den Mund nehmen, mich Sicherheit aber hätte es eine Reihe an Neidern und Konkurrenten gegeben. “Wir sehen am Verhalten des Täters, nämlich in den Vorbereitungs-Handlungen, die der Täter zur Vollendung der Straftat praktiziert hat, schon sehr starke Täter-Opfer-Beziehungs-Elemente.  Ein Paket zu verschicken, versetzt mit einem tödlichen Gift. Das setzt schon eine sehr hohe kriminelle Energie voraus”, führt Linzer aus.

Wer war Heinz Kern?

Heinz Kern wurde als ältester von vier Söhnen im Jahr 1939 geboren. Ehrgeiz, Fleiß und Drang zur Perfektion begleiteten ihn von Beginn an. Seine Mutter besaß einen Krämerladen, der florierte und sie lehrte den Söhnen von klein auf, dass Leistung und Erfolg besonders wichtig seien im Leben. Stimmen aus dem Umfeld beschreiben die Kerns ähnlich einem Clan, nichts ging über die Familie. 

Schon bald erkannte Heinz Kern seine Affinität zum Turniertanz. Als er 21 Jahre alt war, lernte er die damals 16-jährige Helga Theissl kennen. Sie war groß, sie war schlank - genau so eine Tanzpartnerin sollte es sein. Dass sie bis zu diesem Zeitpunkt keine Tanzschule von innen gesehen hatte, störte ihn nicht. Immerhin sei sie dann noch nicht von falschen Lehrern verdorben, entgegnete Heinz Kern. “Er hat mich ausgesucht, so könnte man das formulieren”, erzählt die heute 77-jährige Helga Kern-Theissl, als der KURIER sie in der Lobby eines Grazer Hotels trifft.

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“Von da an haben wir zusammen den Tanzsport betrieben, sein Ehrgeiz sprang auf mich über und wir feierten zahlreiche Erfolge”, erzählt Helga Kern-Theissl weiter. Im Jahr 1969 erreichten die beiden schließlich den internationalen Höhepunkt, sie gewannen den Weltcup und beschlossen, die Karriere zu beenden, wenn sie am schönsten ist.

Der Fokus richtete sich fortan auf die Gründung einer klassischen Tanzschule in Graz. Und das könnte dem einen oder anderen bitter aufgestoßen haben. Zu diesem Zeitpunkt existierten bereits vier renommierte Tanzschulen in der Stadt, dass der ambitionierte und immer erfolgreiche Heinz Kern nun auch in dieser Branche Fuß fassen wollte, sehen einige als mögliches Mordmotiv.

Bloß konnte zu keinem Zeitpunkt jemandem etwas nachgewiesen werden. Ein Name, der in diesem Zusammenhang zu hören ist: Ernst Schweighofer - einer der vier anderen Tanzschulbesitzer. Eigentlich waren Heinz Kern und er viele Jahre sehr gute Freunde. Angeblich hätte Heinz Kern ihm versprochen gehabt, niemals ebenso eine Tanzschule in Graz zu eröffnen.

Doch in der Saison 1969/70 brach Kern das Versprechen und drängte auf den Markt. “Dabei war es eigentlich meine Idee”, erzählt Helga Kern-Theissl heute. “Schweighofer war so erzürnt und beleidigt, dass er komplett mit uns gebrochen hat. Das kostete uns in Folge viele Freundschaften, wir waren dann komplett isoliert.”

Ernst Schweighofer lebt heute nicht mehr, hört man sich in der Grazer Tanzcommunity jedoch um, so glaubt niemand daran, dass er den Mord begangen haben könnte. Keiner traut ihm das zu. Für seine Freunde und Bekannten wäre es auch viel zu augenscheinlich. Selbst Helga Kern-Theissl kann sich nicht vorstellen, dass Ernst Schweighofer es war, der hinter dem  Giftpaket steckt. “Er hat sich damals bei den Vernehmungen der Polizei sehr ungeschickt angestellt. Aber das ist typisch für ihn gewesen.”

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Ein Besuch beim Leiter der Staatsanwaltschaft in Graz, Dr. Thomas Mühlbacher, gibt Aufschluss über die aktuellsten Ermittlungen, die beweisen, dass selbst bei einem fast 50 Jahre zurückliegenden Fall immer noch neue Spuren entdeckt werden können. “DNA-Analysen, moderne Fallanalysen, erneute Zeugeneinvernahmen und das Finden neuer Zeugen. All das gehört dazu”, sagt Mühlbacher.

Der letzte große Schritt war ein kriminal-linguistisches Gutachten des beigefügten Schreibens. “Dadurch können wir aufschlussreiche Ergebnisse über Sprachgewohnheiten in gewissen Gesellschaftsschichten und gewissen Regionen gewinnen”, erzählt er weiter. Die Auswertung sei aktuell in Arbeit. Aber auch im Bereich der DNA-Analysen habe sich etwas bewegt. Dieses Giftpaket, samt Inhalt, ging in diesen fünf Jahrzehnten durch unzählige Hände.

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Schließlich habe man aber herausgefunden, dass sich auf der Stelle hinter der Briefmarke doch noch DNA befand. “Nun müssen wir warten, bis die Technik so weit ist, auch aus diesen alten Spuren nähere Schlüsse ziehen zu können. So weit sind wir leider noch nicht. Aber diese Wissenschaft macht rasante Fortschritte”, sagt Mühlbacher.

Die Sache mit dem Gift

Außerdem konnten die Ermittler herausfinden, dass es sich bei dem verwendeten Arsen, genauer Arsenik, um unreines Scherben-Arsen handelt, das früher als Aufputschmittel verwendet wurde oder für die Rosstäuscherei. Verabreichte man es den Tieren, dann waren sie voll Elan und das Fell hat geglänzt, der Preis konnte erhöht werden. Drei Tage danach war das Ross nur noch ein Schatten seiner selbst, aber verkauft.

Es war leicht zu bekommen, allerdings mit den Jahren immer schwieriger. “Auch im Jahr 1972 war es nicht mehr so einfach, das Gift zu beschaffen”, sagt Mühlbacher. Aber wir arbeiten hier nach dem Sherlock-Holmes-Prinzip: Eine Bezugsquelle nach der anderen ausschließen.”

Heinz Kerns letzte Stunden waren qualvoll. Er ist gestorben und niemand hatte es geahnt. Seine Frau und selbst das Krankenhauspersonal dachten an verdorbene Lebensmittel, bis sein Kreislauf und seine Nieren schließlich versagten und alles zu spät war. “Arsen greift in den Stoffwechsel ein, in die Physiologie. Man muss hier unterscheiden zwischen der akuten Wirkung und der chronischen Wirkung. Bei der akuten Wirkung einer toxischen Dosis werden vor allem Enzyme inaktiviert, die für den Stoffwechsel relevant sind. Es kommt zu Durchfall, Erbrechen. Das heißt, der Körper versucht das Gift wieder los zu werden”, erklärt der Toxikologe Günter Gmeiner.  “Danach folgen langsam auch jene Wirkungen, die ins Nervensystem drängen, nämlich Krämpfe und Koliken. Das kann bis zum Koma reichen und der Tod tritt letztlich durch Kreislauf- und Nierenversagen ein.”  

Helga Kern-Theissl vermutete eventuell ein ärztliches Versäumnis, doch als sie nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung erfahren musste, dass es ein Giftmord war, brach sie zusammen. Wochenlang sperrte Helga Kern-Theissl sich zuhause ein und verwehrte sich den Fragen und Anschuldigungen der Boulevardpresse. Sie war zu diesem Zeitpunkt noch in frühem Stadium schwanger. Das Paar wusste überhaupt nicht, dass sie in Erwartung waren. Als sie heute davon erzählt, wird die Stimme zittrig, ihr kommen die Tränen. Stille. 

Wäre all das nicht schon schlimm genug, quälen sie noch weitere Gedanken. “Was wäre gewesen, wenn auch ich von den Lebensmitteln gegessen hätte? Was wäre gewesen, wenn Heinz das Paket mit in die Tanzschule genommen und dort verteilt hätte? Wie konnte sich der oder die Täterin sicher ein, dass ausschließlich Heinz Kern davon essen würde?” Gar nicht. Er oder sie ging kaltblütig das Risiko ein, mehrere Menschen zu töten.

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Wer hat es getan?

Die Tanzsport-Karriere war im Jahr 1969 beendet. Man könnte daher davon ausgehen, dass es kein internationaler Konkurrent war, der Heinz Kern tot sehen wollte. Aber wir wissen es nicht. Schnüren wir den regionalen Kreis enger und blicken auf die Steiermark, Graz, dann bleibt die Tanzschule-Szene, in der die Kerns zuletzt nicht sonderlich beliebt waren. Neben Ernst Schweighofer haben mehrere Community-Mitglieder mit den Kerns gebrochen, vielleicht ist dort ein Schuldiger oder eine Schuldige zu finden. 

Es gibt da aber noch Heinz Kerns andere Seite, die ihm vielleicht zum Verhängnis wurde. Selbst Helga Kern-Theissl macht kein Geheimnis daraus, dass ihr damaliger Mann gerne “der Hahn im Korb” war. Er hätte gerne geflirtet, tat dies sogar, wenn sie dabei war. Manchmal wäre es ihr zu viel gewesen, aber “das war halt die Zeit”. Bei den fremden Damen wäre er sehr beliebt gewesen: ein charmanter, großgewachsener, gutaussehender und arrivierter Mann.

Es sei ihr erst lange nach dem Mord so richtig bewusst geworden, aber heute geht Helga Kern-Theissl mit Sicherheit davon aus, dass ihr Mann Affären hatte. “Er war oft in Schladming und hat dort Tanzkurse gegeben. Vielleicht hatte er dort oder auf der Strecke zurück nach Graz irgendwo Freundinnen oder Anbeterinnen”, sagt sie. “Und vielleicht ist da eine sehr vergrämte dabei.” Helga Kern-Theissl hält dies für weitaus wahrscheinlicher, als die Variante, dass Heinz Kern von einem Tanz-Konkurrenten umgebracht wurde. 

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Hört man sich in der Grazer Tanz-Community etwas um, so festigt sich dieses Bild. “Die Täterin muss nicht zwingend die weibliche Affäre gewesen sein, vielleicht war es auch der Mann dieser Affäre, weil er es herausgefunden hat”, sagt Manfred Mohab, ein ehemaliger Tänzer aus Graz. 

Der Mann am Postamt wurde von der Mitarbeiterin am Schalter als äußerlich unauffällig beschrieben, er sei zwischen 30 und 35 Jahre alt gewesen. Im Alter Heinz Kerns. 

Chefermittler Kurz Linzer wendet sich mit folgendem Aufruf an die Öffentlichkeit: “Das Ersuchen unsererseits ist, dass sich Menschen bei uns melden, die in den Jahren 1971 und 1972 Tanzkurse bei Heinz Kern besucht haben. Er hat über verschiedene Institutionen Tanzkurse in der gesamten Steiermark und über die Steiermark hinaus organisiert. Wenn sich jemand an diverse Vorfälle erinnern kann, an Kerns Auftreten oder Agieren, bitte uns einfach nur kontaktieren. Hier kann wirklich jeder Anruf helfen. Vielleicht kann man auch mit den Eltern und Großeltern darüber sprechen, der Fall liegt ja weit zurück.”

Wenn Sie Hinweise zu diesem Fall haben, dann schreiben Sie bitte an dunklespuren@kurier.at oder wenden Sie sich direkt an das Bundeskriminalamt unter der Nummer: 01/24836/985025