Dass die Naisbitts nicht an Ruhestand denken, stößt in Österreich auf Unverständnis: „Warum muss denn Ihr Mann immer noch arbeiten?“

© KURIER/Gerhard Deutsch

2030
01/10/2016

Zukunftsforscher Naisbitt: "Europa stirbt gerade"

John und Doris Naisbitt: Warum sie Flüchtlinge als "Geschenk des Himmels" sehen – und wie Ö3 Gehirnwäsche betreibt.

Ein Megatrend wird das 21. Jahrhundert prägen, sind die Zukunftsforscher Doris und John Naisbitt überzeugt: Das Machtzentrum der Weltwirtschaft verlagert sich aus den USA und Europa zu einem "Süd-Gürtel" aus 150 Ländern, von Lateinamerika über Afrika bis nach Asien – mit China als dem dominanten Spieler. Das passiere schleichend, aber unaufhaltsam. Wo Österreich da noch Platz hat, erklärt das amerikanisch-österreichische Ehepaar im Auftakt zur neuen KURIER-Serie.

Österreich 2030: Worauf müssen wir uns da gefasst machen?

Doris Naisbitt: Das hängt von der Perspektive ab. Als ich noch nicht so viel gereist bin, erschien mir Österreich viel größer. Dabei haben wir weniger Einwohner als etliche chinesische Städte. Es ist verständlich, eine Rolle spielen zu wollen, als wären wir immer noch das Habsburger-Reich. Vielleicht liegt uns das in den Genen, aber es ist eine Illusion.

John Naisbitt: 200 Jahre lang hat der Westen die Welt dominiert, jetzt erleben wir den Aufstieg der Länder des globalen Südgürtels. Aber die westliche Welt verschließt davor die Augen.

Was sollte Österreich tun, um mit diesem globalen Machtwechsel klarzukommen?

John: Nein, nein, die Formulierung ist ganz falsch. Nicht klarkommen, Vorteile daraus ziehen! Es geht doch nicht ums Abwehren, sondern darum: Wie werden wir Teil des neuen Spiels?

Doris: Wir müssen aufpassen, wettbewerbsfähig zu bleiben. Wenn in Asien, Südamerika und Afrika eine riesige kaufkräftige Mittelschicht heranwächst, wenn China sein Kernprojekt, die Seidenstraße (die alten Handelsrouten zu Lande und zu Wasser) wiederbelebt, dann müssen wir dabei sein. Villach zum Beispiel denkt schon darüber nach, wie es von seiner Nähe zu Venedig und vom Drei-Länder-Eck profitieren kann. Die Chancen sind groß, aber man muss rechtzeitig planen.

Woran scheitert das?

John: An der politischen Realität, wir brauchen visionäre Politiker. Aber egal, ob Österreich oder USA, Politiker sind in Wahlzyklen gefangen oder werden durch ihre Karrierepläne gesteuert. China hingegen hat die Saat für den globalen Machtwechsel vor Jahrzehnten gelegt, durch Allianzen, Investments und strategische Anbahnung von Handelsbeziehungen. Westliche Politiker denken nie so weit voraus.

Trotzdem würde ich unsere Demokratie ungern gegen Chinas Ein-Parteien-System tauschen.

Doris: Um das deutlich zu sagen: Weder John noch ich wollen Chinas Politsystem importieren.

John: Wir hätten auch nicht die Mentalität dafür. Alle wissen nur einseitig über die Menschenrechte Bescheid. Aber wirtschaftlich ist dieses System wesentlich effizienter. Ob uns das gefällt oder nicht, die Asiaten sind hungriger, sie haben eine viel ehrgeizigere Arbeitsbevölkerung.

Sie haben erwähnt, dass es Sie ärgert, wie Ö3 an Freitagen das Ende der Arbeitswoche feiert.

John: Genau, erst lebt man von Wochenende zu Wochenende – und dann mit Blick auf die Pension.

Doris: Wenn man ständig vorgesagt bekommt, wie mühselig Arbeit ist, wirkt das wie eine Gehirnwäsche. Ich darf doch meinen Job nicht als Übel empfinden, den ich 40 Jahre durchleide, bevor ich endlich in Pension darf! Ich bin erst 64, John wird demnächst 87 Jahre alt, aber wir denken nicht daran. Allerdings, als ich kürzlich bei der Sozialversicherung etwas regeln musste, hat mich die Sachbearbeiterin mit Blick auf Johns Daten sehr mitfühlend gefragt: "Ja sagen Sie, warum muss denn Ihr Mann immer noch arbeiten?" Sie dachte wohl, ich zwinge ihn mit der Peitsche.

John, was ist die Wahrheit?

Doris: Er sieht doch nicht aus, als würde ich ihn schlagen.

John: Ja, ja. Notdürftig überschminkt (beide lachen).

Unsere Arbeitswelt ist auf ältere Mitarbeiter gar nicht vorbereitet. Müssten da nicht auch die Unternehmen umdenken?

Doris: Auch. Aber die Einstellung muss sich viel grundlegender ändern. Wer in Österreich erfolgreich ist, weckt Misstrauen, besonders als Frau: Ah, wer weiß, wie sie dazu gekommen ist. Und wir müssen die Hürden für Unternehmer abbauen, dringend! Unser Nachbar in Kärnten, der ein äußerst innovatives Unternehmen hat, baut eine neue Halle. Zuerst wurden größere Fenster verlangt, wegen zu wenig Licht – dann Beschattung, wegen zu viel Licht. Unsere kleine Trafikantin zittert vor den Registrierkassen. Was macht wo Sinn? Wer kann sich das leisten? Bitte etwas mehr Vernunft!

Sind Digitalisierung und Industrie 4.0 tatsächlich so ein großer Umbruch für die Arbeitswelt?

John: Ja, aber wir stehen noch ganz am Anfang. Wir wissen, da passiert etwas. Das gilt auch für die Digitalisierung in der Bildung. Ist das sinnvoll oder verrückt? Eine extrem spannende Phase.

Für viele Arbeiter ist das wohl eher beängstigend. Was wird aus den Industrie-Jobs?

John: Vor 115 Jahren arbeiteten 50 Prozent der Beschäftigten der USA in der Landwirtschaft. Heute sind es 0,7 Prozent, ein unfassbarer Wandel. Jetzt findet wieder so ein Umsturz statt. Die Menschen halten sich fest an dem, was ihnen vertraut ist, das ist normal. Aber das macht es so schwer, offen für das Neue, das Unbekannte zu sein.

Doris:Es gibt Studien, wonach etwas mehr Jobs wegfallen als neu entstehen. Dafür werden Dienstleistungen durch den Konsum der neuen globalen Mittelklasse massiv zunehmen. Es wird neue Tourismusströme geben. Umwelttechnologien werden zu den Wachstumsbranchen gehören, ebenso die Bildung.

Was müsste in Österreichs Bildungswesen passieren?

Doris: Wir zerstören die Kreativität der Kinder so weit, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie wirklich gerne machen. Alternative Modelle, ob Montessori oder andere, gibt es längst. Wir wissen, dass Kinder zu unterschiedlichen Zeiten besser Sprachen lernen oder Mathematik. Und dass sie nicht um acht Uhr Früh am Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit sind. Na, dann soll die Schule halt um neun beginnen! Aber nein, sie hat immer um acht begonnen, die Lehrer wollen um drei Uhr zu Hause sein, und, und, und.

Ihre Wertschätzung für Kreativität überrascht mich. Gerade in Asiens Bildungssystemen ist für Individualität wenig Platz.

John: Das stimmt. In China werden Schüler gedrillt, richtige Antworten zu liefern. Lächerlich, tatsächlich von gestern.

Doris: Richtige Antworten liefern heißt: Dem Lehrer nicht widersprechen. Auflehnung gegen Autoritäten, das wird eine Herausforderung. Es beginnt langsam aufzubrechen.

Bis 2030 wird Österreich sicher der Zustrom von Asylwerbern prägen. Optimisten glauben ...

John: Hier, das bin ich! Ich bin ein Immigranten-Kind der zweiten Generation. Die Familie meiner Mutter kam aus Dänemark, die meines Vaters aus Schottland in die USA. Menschen, die aufbrechen und eine bessere Zukunft anstreben, sind ein anderer Schlag als die, die bleiben und leiden. Das bringt Kreativität, Talente und Energie. Ein Geschenk des Himmels! Wo doch Europa gerade stirbt – ökonomisch und demografisch. Aber viele Menschen tun, als fiele eine Plage über den Kontinent herein.

Es werden sich aber wohl nicht sämtliche Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren lassen.

Doris: Natürlich sind nicht alle Flüchtlinge Anwälte oder Ärzte. Viele können nicht einmal lesen. Wir müssen ihnen rasch Bildung und Perspektiven geben, aber auch klarstellen, dass sie sich an die Regeln halten müssen – etwa im Umgang mit Frauen oder bei Gewalt in der Familie. Es ist legitim, dass wir unsere europäische Kultur beibehalten wollen. Ich würde nicht in einer arabischen Kultur leben wollen. Burkas sollten einfach verboten werden.

Die EU steht auf dem Prüfstand. Fürchten Sie ihren Zerfall?

John: Natürlich, die Richtung ist vorgegeben. Die EU fällt bei dem Test auf unglaubliche Weise durch. Jeder Staat tut, was er will. Wenn die Briten austreten, fällt das Ganze auseinander. Nichts passiert, nur Gerede.

Was würde es brauchen?

Doris: Führungsstärke.

John: Ein Konzept, um die Flüchtlingskrise zu lösen und ins Positive zu wenden. Stattdessen werden Zäune um einzelne Länder gebaut. Was für eine blödsinnige Reaktion!

Was halten Sie als Amerikaner von TTIP, dem Freihandelsabkommen der USA mit der EU?

John: Eine Uralt-Idee, nicht einmal darauf können sie sich einigen. Das ist Politik von gestern, die Einfluss sichern will. Währenddessen läuft der Handel auf Hochtouren. Wir brauchen neue Formen der Öffnung. Im Transpazifik-Abkommen (TPP, Anm.) wollten die USA Japan dabei haben, China aber nicht. Verrückt!

Das Gespräch wurde am 29. Dezember in Wien geführt. Mehr zum Thema unter: kurier.at/2030

John Naisbitt (86) wurde 1929 auf einer Farm in Utah geboren und stieg bis zum Vizebildungsminister der US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson auf. Sein Buch „Megatrends“ (1982), das den Begriff „Globalisierung“ prägte, erreichte eine Auflage von 30 Millionen.

Kongeniales Paar

Seit 2000 ist Naisbitt mit Doris, geboren in Bad Ischl, verheiratet. Sie war früher Chefin des Signum-Verlages, der Naisbitts Bücher veröffentlichte. Sie leben und schreiben gemeinsam in Wien und Tianjin (China), wo die Denkfabrik Naisbitt China Institute ihren Sitz hat. Doris Naisbitt ist überdies Präsidentin einer 1989 gegründeten Privatuni in Belgrad, die seit Juni 2015 den Namen John Naisbitt University trägt (vormals Megatrend Business School).