Brustimplantate und Nervenfasern aus Spinnenseide

Forscher und Firmen versuchen, künstliche wie natürliche Spinnenfäden für medizinische Produkte zu nutzen.

Mehr als die Hälfte der weltweit ca. 40.000 bekannten Spinnenarten nutzen Seidennetze, um ihre Beute zu fangen. Die Fäden sind elastisch, extrem dünn und dennoch reißfest: Spinnenseide ist ein Wunderwerk der Natur. Ihre einzigartigen Eigenschaften machen sie auch für medizinische Produkte interessant. Hitze, Pilze und Bakterien machen ihr nichts aus: Werden die Fäden nass, ziehen sie sich zusammen und dehnen sich wieder aus, wenn sie trocknen. Außerdem ist der dünne Faden viermal so belastbar wie Stahl, kann dreifach in seiner Länge gedehnt werden und obendrein ist er biologisch abbaubar. Weltweit arbeiten unterschiedliche Forschergruppen daran, die Fäden entweder künstlich herzustellen oder sie aus Spinnen zu gewinnen. Die Spinnenseide soll etwa bei Verletzungen von Nervenfasern verwendet werden. Nach Unfällen oder Tumor-Operationen könnten die Fäden durchtrennte Nerven ersetzen. Dazu werden sie zwischen den beiden verletzten Enden vernäht und bilden eine Art Leitschiene, entlang derer die Nervenfasern die Bewegungsimpulse an die entsprechenden Muskeln weiterleiten können. Bereits sechs Monate, nachdem den Tieren die Nerven durchtrennt und mit Spinnenseide wieder verknüpft wurden, konnten alle Tiere wieder laufen. Wird der Nerv hingegen nicht verbunden, stirbt der abgetrennte Teil nach zwölf bis 18 Monaten ab und der Körper baut die zugehörigen Muskeln ab. Derzeit wird die erste Studie mit Spinnenseide bei Nervenverletzungen an Menschen vorbereitet. 2015 soll es erste Ergebnisse geben. Gewonnen wird die Spinnenseide der Hannover Forscher in der Medizinischen Hochschule. Rund 150 Radnetzspinnen weben im Labor ihre Netze. Sie werden regelmäßig "gemolken". Dazu wird jeweils ein Tier mit dem Rücken auf ein Schaumstoffpolster gebettet und mit einem Stück Mull bedeckt. 15 Minuten dauert die Prozedur. Sie ergibt ungefähr 100 Meter Spinnenseide. Zweimal pro Woche wird so von jedem Tier Seide gewonnen, wobei deutlich mehr möglich wäre. Die Forscher achten jedoch darauf, dass die Spinnen nicht zu oft gemolken werden, da dies für sie auch anstrengend ist. Andere Forscher stellen Spinnenseide künstlich her. An der Universität Bayreuth werden beispielsweise die Eiweiße, aus denen die Fäden bestehen, nachgebaut. Die Bayreuther Forscher experimentieren vor allem mit Implantaten und haben zum Beispiel Brustimplantate mit Spinnenseide beschichtet. Die Silikonimplantate sind mit Spinnenseide umgeben – Bakterien können sich somit nicht am Implantat festsetzen und für Entzündungen sorgen. Auch körpereigene Abwehrzellen können das Implantat nicht angreifen. Neben Brustimplantaten wäre die Technik auch für andere Implantate im menschlichen Körper denkbar. Die Spinnenseide reduziert die Narbenbildung sowie die Entzündungsgefahr durch Bakterien. Eine weitere mögliche Anwendung: Spinnenseide als Spray. Bei Hautkrankheiten soll dieser Spray Juckreiz lindern, die Haut feucht halten und die Ansiedlung von Bakterien verhindern. Auf Wunden aufgetragen, würde so der Heilungsprozess unterstützt werden. Anschließend baut sich die künstliche Spinnenseide von selbst wieder ab. Das Münchner Unternehmen AMSilk stellt in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität Kunstfäden nach dem Vorbild von Spinnenfäden her. Sie sind ähnlich reißfest und dehnbar wie das natürliche Original, allerdings sind keine Lebendspinnen zu ihrer Gewinnung notwendig. Sie werden aus Spinnenseidenproteinen oder aus Mischungen mit Kunststoffen hergestellt. Die Proteine werden aus gentechnisch veränderten Coli-Bakterien gewonnen. Die Münchner Firma vertreibt bereits Kosmetik mit Spinnweben-Eiweiß. Auch andere Produkte könnten aus Spinnenseide hergestellt werden. So wird weltweit etwa an leichter Sportbekleidung und schussfesten Westen aus Spinnenseide gearbeitet, auch die Automobilindustrie hat bereits Interesse bekundet.
(kurier) Erstellt am
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