Sehenden Auges ins Energie-Gewitter

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Foto: gjp311 - Fotolia/gjp311/Fotolia Mangel an Leitungen und dauerhaft verfügbaren Kraftwerken macht Europas Stromversorgung unsicherer.

Der Chef der Internationalen Energie Agentur, Fatih Birol, warnt im KURIER-Gespräch vor schweren Turbulenzen am europäischen Energiemarkt.

Europa hat seit dem Jahr 2000 mehr Geld in erneuerbare Energien investiert als die USA in die Erdgasförderung. Die USA sind heute dank billiger Energie so wettbewerbsfähig wie schon lange nicht mehr. Europa hingegen ist in zunehmendem Ausmaß abhängig von teurem russischem Erdgas, zahlt viel für Ökostromförderung und läuft Gefahr wegen der hohen Energiepreise seine Leitbetriebe zu verlieren.

"Europas Energiewirtschaft ist in einer sehr schwierigen Situation. Wenn wir diese nicht bald lösen, wird es in einigen Jahren zu Turbulenzen kommen. Blackouts wären die Folge", sagt Fatih Birol, Chef-Volkswirt der Internationalen Energie Agentur (IEA), im Interview mit dem KURIER.

To match Interview IRAQ-OIL/IEA Foto: REUTERS/MOHAMMED AMEEN Chefökonom der IEA, Fatih Birol Zum einen beunruhigt den Top-Energieexperten die wachsende Abhängigkeit von russischen Gasimporten. Das sei ein sehr ernstes Thema für die europäische Industrie, aber auch für die Menschen auf der Straße. "Sich vor allem auf ein Land zu verlassen, ist schlecht", betont er.

Ersatz für Nabucco

Europa müsse sich dringend um zusätzliche Erdgaslieferanten umsehen – etwa aus dem Kaspischem Raum, dem Nahen Osten oder dem Irak. Dass das Pipeline-Projekt Nabucco, das Gas aus Aserbaidschan durch die Türkei nach Westeuropa hätte bringen soll, gescheitert ist, bedauert Birol. "Europa braucht Alternativ-Routen. Ich bin sicher, dass es schon bald neue Pipeline-Projekte geben wird. Und Österreich wird dabei sein", gibt sich der IEA-Chef-Ökonom überzeugt. Wann so eine Pipeline kommt, werde weniger von den Energieunternehmen abhängen als von der Politik. "Eine Pipeline muss eine politische Willensäußerung sein. Europa muss dabei mit einer Stimme sprechen", sagt Birol.

Kritik übt der IEA-Experte an Europas Ablehnung von Schiefergas. Viele Länder hätten solche Gasreserven, sie sollten sie auch nutzen, fordert Birol. Schiefergas könnte ein wichtiger Bestandteil in mehr Unabhängigkeit von Gasimporten sein.

Sorge Nummer zwei gilt dem europäischen Strommarkt. Der Großhandelspreis für elektrische Energie sei wegen des Überflusses an Ökostrom derart tief gefallen, dass die Versorger ihre Investitionen in neue Kraftwerke gestoppt hätten. "Europa hat viel erneuerbare Energie, aber zu wenig zuverlässige dauernd verfügbare Kraftwerke. Die Gefahr, dass die Lichter ausgehen, ist groß", warnt Birol. Eigentlich müsste der Großhandelspreis für Strom steigen, damit die Energiekonzerne wieder investieren. Doch genau dieser Preisanstieg wäre gefährlich für Europa. "Unsere Wettbewerbsfähigkeit würde sich weiter verschlechtern", befürchtet der Experte.

Europa müsse seinen Energiemarkt völlig neu gestalten. Zentrales Element dabei sei, die Verstärkung der Leitungen zwischen den Nationalstaaten. Jetzt gebe es zu viele Engpässe, die den Stromaustausch und vor allem den Abtransport der Wind- und Sonnenenergie verhinderten. Ein weiterer Schwerpunkt ist für Birol die Energieeffizienz. Nur wenn Europa es schaffe, den Strom- und Gasverbrauch zu senken, könne die Energiewende hin zu CO2-armer Erzeugung gelingen.

Sorge vor Engpässen und Black Outs hat auch die Austrian Power Grid (APG), die Verbund-Netztochter. Sollte es in Österreich weitere Kraftwerks-Schließungen geben, könnte es zu Versorgungsproblemen kommen, befürchtet APG-Vorstand, Ulrike Baumgartner-Gabitzer. Die APG fordert von der Regierung ein Gesetz für eine "strategische Netzreserve".

(kurier) Erstellt am
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