Ökonomen fordern: 5000 Euro für jeden

Geldscheine (1)
Foto: Fotolia Namhafte Ökonomen fordern Tabubruch, um Wirtschaft anzukurbeln.

Um die Wirtschaft der Eurozone beleben, fordern namhafte Experten jetzt einen Tabubruch – die Zentralbank soll Bürgern Geld schenken oder die Schulden streichen.


Es klingt nach einer völlig aberwitzigen Idee: Die Europäische Zentralbank (EZB) soll per Knopfdruck neues Geld erschaffen und jedem Bewohner oder Haushalt der Eurozone 5000 Euro aufs Konto überweisen. Einfach so. Die Überlegung: Die Menschen würden den unerwarteten Geldregen für bisher aufgeschobene Anschaffungen nützen. So ließen sich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, glauben einige Ökonomen: Es würde die lahmende Wirtschaft angekurbelt. Und die Preise würden steigen – somit wäre die Gefahr sinkender Preise (Deflation) gebannt.

Für Notenbanker wäre es freilich ein völliger Tabubruch, Geld direkt an die Menschen zu verteilen. Diesen Job erledigen bisher ausschließlich die Banken, indem sie Kredite vergeben. Doch genau da hakt es: Obwohl die Banken das Geld bei der EZB praktisch zum Nulltarif erhalten, kommt bei den Unternehmen wenig an: Es werden weniger statt mehr Kredite vergeben.

Geld aus dem Helikopter

Der US-Wirtschaftsprofessor Mark Blyth und der deutsche Berater Daniel Stelter raten deshalb, den Umweg über die Banken zu vermeiden. Zumal das viele billige Geld der EZB weder die Wirtschaft belebe noch Schuldnern helfe. Es profitieren vor allem Reiche, wie sogar EZB-Direktor Yves Mersch bestätigte.

Die Idee, Geld zu verschenken, ist übrigens nicht neu: US-Ökonom Milton Friedman schlug in den 1960ern vor, notfalls Geld aus dem Helikopter abzuwerfen, um eine Deflation zu bekämpfen. Ob das aber der Wirtschaft dauerhaft nützt, ist strittig – vermutlich wäre es nur ein Strohfeuer. Deshalb sei noch ein weiterer Tabubruch nötig, sagt Stelter: Ohne radikalen Schuldenschnitt werde die Erholung nicht in Gang kommen.

Realistisch sind solche spektakulären Aktionen freilich nicht. Der Widerstand wäre groß, vor allem in Deutschland. "Ich bin bald in Berlin. Hoffentlich werde ich nicht attackiert", scherzt Blyth.

Mark Blyth

"Noch viel schlimmer als in Japan"

Die EZB sollte den Menschen statt den Banken Geld geben.

Mark Blyth,  Professor of International Political …
Foto: /Jason Grow

Geld für jeden, einfach so: Klingt zu schön, um wahr zu sein ...
Okay, was ist die Alternative? Jetzt führen marode Banken ein Giftdepot bei der EZB. Sie holen sich billiges Geld, kaufen Staatsanleihen und gehen dank der Zinsspanne nicht pleite. Zur Realwirtschaft sickert da wenig durch.

Sie wären dafür, zwei bis fünf Prozent des BIP zu verteilen, um den Konsum anzukurbeln. Die EZB soll wirklich jedem Haushalt im Euroraum einfach 3600 Euro aufs Konto buchen?
Ja, oder 5000 Euro, ganz egal.  Es wäre immer noch effizienter als das, was die EZB jetzt macht. Das  ist nämlich der verdrehteste Weg, die Probleme zu lösen.

Was, wenn das Geld nicht ausgegeben, sondern gespart wird?
Glaube ich nicht. Und selbst wenn: Wunderbar, dann hilft das Geld, die Bankbilanzen zu reparieren und kurbelt die Kreditvergabe an.  Eine Win-win-Situation.

Gibt das nicht falsche Anreize?
Was glauben Sie: Ein Mensch, der seit fünf Jahren ohne Job herumsitzt und von einem Bruchteil des früheren Einkommens lebt, sagt sich: „Oh, jetzt habe ich 5000 Euro, ich werde nie mehr arbeiten.“ Klingt nicht  plausibel, oder?

Und wenn das Strohfeuer verpufft: Immer wieder, immer mehr? Handeln wir uns so nicht galoppierende Inflation ein?
Selbst wenn wir am Ende in einer ganz fürchterlichen Hyperinflation landen: Dazu müssten wir erst eine Erholung erleben. Werfen wir doch das Geld ab, schauen was passiert. Und wenn das Inflationsziel erreicht ist: Stopp!

Unser Geldsystem baut rein  auf Vertrauen auf. Würde das nicht massiv erschüttert?
Wichtig sind nur zwei Dinge: Ein Staat muss über Generationen hinweg Steuern einheben können. Und Käufer von Schuldscheinen müssen darauf vertrauen, diese zu Geld machen zu können. Hat man nicht gerade einen Ruf wie Argentinien, ist alles okay.

Was würde sonst drohen? Jahrelange Stagnation wie in Japan?
Europa ist absolut auf diesem Weg. Und  wäre damit noch gut bedient: Japan hatte nie 25 Prozent Arbeitslosigkeit.  Ihr müsst alle Probleme, die der Banken und die fehlende Nachfrage, zeitgleich angehen: Geld für Infrastruktur? Tut es. Helikoptergeld? Tut es. Strukturreformen? Tut es.

Was sollte Österreich als kleine, offene Volkswirtschaft tun?
 Was ihr am besten könnt: Versteckt euch. (lacht)

Mark Blyth (47) ist gebürtiger Schotte. Sein Bestseller „Wie Europa sich kaputt spart: Die gescheiterte Ideeder Austeritätspolitik“  ist gerade auf Deutsch erschienen. 

Daniel Stelter

"Politik scheut den großen Knall"

Der deutsche Berater fordert drastischen Schuldenschnitt.

Daniel Stelter…
Foto: /beyond the obvious

Sie sagen, die Politik der EZB ist unwirksam. Warum ändert die EZB nichts?
Mit tiefen Zinsen die Menschen und Firmen zur Kreditaufnahme zu verleiten, nützt im aktuellen Umfeld nichts: Die Menschen haben Angst, ihren Job zu verlieren. Da verschulden sie sich nicht. Und die Unternehmen investieren nicht, weil die Wirtschaft nicht wächst. Die EZB kauft mit der Politik des billigen Geldes aber Zeit.

Was sollte die Politik mit dieser erkauften Zeit tun?
Die Politik hat diese Zeit bisher nicht genutzt. Sie scheut den großen Knall. Die Politiker müssten endlich anerkennen, dass eine Reihe von Ländern in Europa ihre Schulden nie zurückzahlen können.  Das sind Portugal, Spanien, Irland, Griechenland, aber auch Italien.

Ein großer Schuldenschnitt als Ausweg?
Ja, alle diese überdimensional hohen Schulden müssen abgeschrieben werden. Dazu gehört eine Kombination aus Gläubigerverzicht, Stundung und Zinssenkung auf europäischer Ebene. Das ist natürlich sehr unpopulär.

Die Sparer würden europaweit Geld verlieren ...
Ja, die Gläubiger in Europa unterliegen der Illusion, ihr Geld sei sicher. Wir brauchen einen geordneten Prozess der Schuldenrestrukturierung. Italien könnte das eventuell innerhalb des Landes lösen. Bei Portugal würden dagegen ausländische Gläubiger verlieren.

Sind die Schulden das alleinige Hemmnis für Wachstum?
Schulden sind jedenfalls derzeit ein großes Wachstumshemmnis. Solange wir das Schuldenproblem nicht lösen, können wir die Wachstumsschwäche nicht überwinden. Japan sollte uns allen eine Mahnung sein. Die haben seit 20 Jahren kein Wirtschaftswachstum mehr geschafft.

Der Schuldenschnitt bleibt trotzdem politisch unrealistisch. Sehen Sie eine andere Möglichkeit?
Die EZB könnte Geld an die Bürger verteilen. Damit würde der Schuldenturm zumindest stabilisiert. Denn jetzt gibt die EZB den Banken Geld, die damit ihre faulen Kredite verdauen können. Ein Spanier, der mit Kredit eine Wohnung gekauft hat, deren Wert in der Krise verfallen ist und der seinen Job verloren hat, hat von der EZB-Hilfe gar nichts. Die Bank verlangt weiterhin das Geld von ihm.

Daniel Stelter arbeitete bei Boston Consulting und ist mittlerweile selbstständiger Berater. Sein Buch „Die Schulden im 21. Jahrhundert“ ist kürzlich erschienen. 

(kurier) Erstellt am
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