Michaela Reitterer: "Behörden schauen bei Airbnb weg"

Michaela Reitterer
Foto: KURIER/Jürg Christandl Michaela Reitterer wandelte das Hotel „Zur Stadthalle“ schrittweise um.

ÖHV-Chefin fordert, dass Zimmervermieter Gewerbe anmelden und Steuern zahlen.

Der KURIER sprach mit Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), über die wachsende Online-Konkurrenz durch die US-Privatvermieter-Plattform Airbnb, neue Lehrberufe und Jobchancen für Flüchtlinge.

KURIER: So wie Hoteliers Airbnb kritisieren, glaubt man, alle Urlauber buchen ausschließlich über solche Plattformen. Wie groß ist das Problem in Wien wirklich?

Michaela Reitterer: Wir haben in Wien 66.000 Hotelbetten, die 14 Millionen Gästenächtigungen im Jahr generieren. Dazu kommen 11.000 Betten von Airbnb, die bestimmt eine schlechtere Auslastung haben.

Dann könnten Sie den neuen Privatvermietern ihr Geschäft ja vergönnen!

Wenn ich sehe, dass jemand über Airbnb 9000 Euro im Monat schwarz verdient und gleichzeitig Unternehmer mit 30.000 Euro Jahresumsatz mit der Registrierkassenpflicht genervt werden, werde ich aber fuchsig. Ich fordere, dass Airbnb-Vermieter auch ein Gewerbe anmelden und Steuern zahlen müssen.

Also, dass auch sie anständige Auflagen bekommen?

Es geht nicht darum, dass Airbnb-Vermieter so gequält werden wie wir, sondern darum, dass die Behörden bei uns vom Gas gehen. Was mich ärgert, ist das Wegschauen der Politik. Sie sagen, sie sind machtlos gegenüber Schwarzvermietern und quälen dann Gewerbebetriebe.

Wo werden Sie denn gequält?

Nur zwei Beispiele: In meinem Hotel wurden sechs Stunden lang die Teppiche und Vorhänge wegen der Entflammbarkeit kontrolliert. Bei Airbnb ist das kein Thema. Da reichen 1-Euro-Vorhänge vom Möbeldiskonter. Bei mir muss im Frühstücksraum acht Stunden das Fluchtwegschild beleuchtet werden, obwohl nur die halbe Zeit Gäste dort sind, bei Airbnb-Unterkünften braucht es nicht einmal einen Fluchtweg.

Ein anderes Problem der Hoteliers ist, dass sie als Lehrherren nicht gerade angesagt sind. Wird der neue Lehrberuf "Hotelkaufmann" da helfen können?

Wir haben zehn Jahre für diesen Lehrberuf gekämpft, in dem es vor allem um den Verkauf über soziale Medien oder Yield Management (Preis- und Ertragsoptimierung, Anm.) geht. Heute kann man sich die Festsetzung von Zimmerpreisen vorstellen wie jene von Börsekursen.

An der Börse rechnen Maschinen die Kurse aus. Wird das nicht auch in der Hotellerie Usus werden?

Natürlich gibt es schon heute Programme, die die Preisentwicklung von zehn Benchmark-Hotels beobachten, aber man muss ja auch verstehen, was hinter den Systemen steckt. Solche Yield-Manager haben gute Verdienstaussichten, so wie die Küchenchefs.

Der Hotelier, der das Programm kauft, wird dem Lehrling aber nicht unbedingt erklären können, wie es funktioniert, oder?

Es gibt Software-Anbieter, die Hotel-Lehrlinge gerne für zwei Monate aufnehmen, um ihnen zu zeigen, wie ihre Systeme funktionieren. Künftig müssen wir in der Ausbildung breiter denken.

Da wird sich der Hotelier freuen, wenn ihm die Arbeitskraft zwei Monate ausfällt?

Ich könnte mir vorstellen, dass gerade in der Ferienhotellerie Betriebe in Stehzeiten sogar froh sein werden.

Spricht der Name "Hotelkaufmann" Jugendliche an?

Ich bin auch unglücklich damit. Der Name musste der Gewerkschaft und nicht der Jugend gefallen.

Klingt nach keinem besonders guten Verhältnis mit der Gewerkschaft ...

Zum Glück gab es dort einen Generationenwechsel. Dadurch haben wir zuletzt bei Verhandlungen auch etwas weitergebracht.

Bei der Neuregelung der Ruhezeiten?

Genau. Hat ein Hotelrestaurant am Abend offen und morgens Frühstück, können die Zeiten jetzt freier eingeteilt werden. Die Gewerkschaft hat erkannt, dass Mitarbeiter in der Ferienhotellerie kommen, um möglichst viel Geld zu verdienen, und nicht, um 40 Stunden zu arbeiten.

Sie selbst wollten in Ihrem Hotel Flüchtlinge aufnehmen. Was ist daraus geworden?

Ich wollte nur für ein paar Nächte helfen, aber die bürokratischen Hürden waren damals zu hoch. Langfristig könnte ich niemanden aufnehmen, weil ich keine Kochmöglichkeiten in den Zimmern habe. Ich habe jetzt aber einen Syrer im Haus. Allerdings helfe nicht ich ihm, sondern er mir.

Was heißt das?

Er hat einen positiven Asylbescheid und arbeitet am Samstag und Sonntag jeweils vier Stunden bei mir. Was ich erst später herausgefunden habe: Er bekommt das Geld, das er bei mir verdient, von der Mindestsicherung abgezogen, arbeitet also umsonst. Und tut es trotzdem, weil er Deutsch lernen will. Wie viele Österreicher würden das tun?

(kurier) Erstellt am
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