Zur mobilen Ansicht wechseln »
Kurier Fotowettbewerb 2014
Foto: Jürg Christandl

Letztes Update am 23.02.2013, 19:00

Fataler Appetit auf billiges Essen. Geiz ist "geil", dazu kommt eine Portion Bequemlichkeit. Ruiniert der Mensch mit seinem Konsumverhalten die Nahrung? Zeit, umzudenken.

Die Lasagne zum Spottpreis, die Pastasauce um ein paar Cent, das tägliche Fleisch als Diskontschnäppchen. Es scheint, als wäre die „Geiz ist geil“-Gesellschaft mit Hang zur bequemen Husch-Husch-Fertigware selbst schuld an den wiederkehrenden Lebensmittelmiseren. Machen sich die Menschen durch ihre Maßlosigkeit und Gier nach billigem Ess-Schrott kaputt?

Birgit Beck, Ernährungswissenschaftlerin beim Verein für Konsumenteninformation (VKI), verwahrt sich mit Nachdruck dagegen, den Konsumenten den Schwarzen Peter unterzujubeln. Was den aktuellen Pferdefleisch-Skandal betrifft, sagt sie: „Das war eindeutig Betrug.“ Günstige Diskontware sei keineswegs pauschal zu verurteilen: „Eine Lasagne um zwei oder um vier Euro sagt nichts über die Qualität des Produkts aus.“

Die Erfahrung der VKI-Tests zeige nämlich, dass billig nicht automatisch schlecht bedeuten müsse. Im Gegenteil: Eigenmarken vom Diskonter seien schon öfters als Testsieger hervorgegangen. „Viel wichtiger ist eine lückenlose Herkunftsbezeichnung der Hauptrohstoffe“, nimmt Beck vielmehr den Gesetzgeber in die Pflicht. Auch die Food-Trend-Expertin Hanni Rützler mag Fertiggerichte nicht verteufeln. „Das Wort für „Convenience“ steht ja auch für Arbeitserleichterung. Die Realität ist, dass es für viele Menschen heute gar nicht mehr ohne geht.“

Fehlendes Bewusstsein

Billigware – ab ins Rohr, in die Mikrowelle? Nicht für Bianca Gusenbauer, Foodbloggerin und Kochbuchautorin. Sie kritisiert das fehlende Bewusstsein im Umgang mit unserer Nahrung. „Die Konsumenten möchten möglichst billig die eierlegende Wollmilchsau auf den Teller. Mittagsbuffet um sechs Euro, Riesenschnitzel um fast nichts – da sehen sie nur mehr den Preis und stellen sich nicht die Frage, wie so eine Kalkulation möglich ist.“

Ihr Verdacht – speziell Fleisch betreffend: „Mittlerweile sieht der Durchschnittsmensch keine Verbindung mehr zwischen Lebewesen und einem in Plastikfolie abgepackten Stück Fleisch.“ Dadurch sei Massenproduktion erst möglich – und da hätten mündige Bürger auch eine Mitverantwortung.

Kulinarische Tabus

Hat dieser aus vergangenen Skandalen womöglich gar nichts gelernt? „Es ist die Wertschätzung, die fehlt. Natürlich sind Kontrollen wichtig, aber wenn ich meine Macht als Konsumentin irgendeiner Kontrollstelle überlasse, die Grenzwerte misst oder an sich fragwürdige Fertiggerichte auf Pferde-DNA analysiert, dann habe ich Chancen vertan und Pflichten vernachlässigt“, sagt die Kulinarik-Journalistin und Kochbuchautorin Katharina Seiser.

Und: „Eine vorportionierte Zwei-Euro-Lasagne aus dem Diskonter ist völlig losgelöst vom Verständnis, was es für eine Lasagne an Zutaten braucht, wie lange diese dauert, woher dieses Gericht kommt und dass eine Lasagne frisch nie nur für eine Person gemacht werden würde. Sondern immer, um mehrere Menschen rund um einen Tisch satt und zufrieden zu machen.“

Viele hätten keine Ahnung, was es konkret bedeutet, wenn Nahrungsmittel industriell hergestellt werden. „Das hat mit frischem Essen nichts mehr zu tun. Wenn Unternehmen mit ihren Produkten Profit erzielen wollen, greifen manche davon auch zu fragwürdigen oder illegalen Methoden. Das war schon immer so. Safran, das teuerste Gewürz der Welt, wird seit Jahrtausenden gefälscht“, sagt die Autorin.

Wie man trotzdem die echte Ware bekommt? „Durch Information und Erfahrung. Wir müssen uns besser informieren und bessere Informationen einfordern. Das geht heute einfacher als je zuvor.“


Grafik

Wie viel Fleisch wir essen


Hintergrund

"Auf dem Markt einzukaufen ist kein Privileg für Reiche"

Zur Diskussion, ob gutes Essen leistbar und mit vertretbarem Aufwand selbst herzustellen ist.

Nicht nur Konsumentenschützer und Ernährungsexperten, auch so mancher Spitzengastronom macht sich Gedanken über das tägliche Essen in unserer Gesellschaft.

Taubenkobel-Chef Walter Eselböck plädiert für weniger Konsumwahn und mehr Intelligenz beim Einkaufen. „Ich kenne Leute, die sich am Wochenmarkt für eine Woche eindecken. Man muss halt planen.“ Es heißt, auf den Markt zu gehen, wäre eine teure Angelegenheit – Eselböck: „Stimmt nicht.

Auf einem Bauernmarkt einzukaufen ist kein Privileg für Reiche.“ E s wäre einfach schwachsinnig, alles immer parat haben zu wollen: „Und der Kühlschrank muss nicht täglich voll sein.“

Wenig Zeitaufwand und günstig – der KURIER bat Walter Eselböck und Alain Weissgerber, Patron und Küchenchef im Taubenkobel im burgenländischen Schützen, um zwei Rezepte, die einfach, schnell und noch dazu günstig sind.

Pasta e Fagioli lässt sich in 20 Minuten zubereiten.

Greifen Sie zu getrockneten Bohnen aus dem Bioladen und rechnen Sie pro Person mit zirka 80 g. Die Bohnen müssen über Nacht in Wasser eingeweicht werden. Am Tag der Zubereitung werden sie mit Geselchtem, Lorbeer und Pfeffer weich gekocht. Fleisch herausnehmen, in Würfel schneiden. Nun wird Speck mit Zwiebel glasig gedünstet und mit dem Bohnen-Selchsud aufgegossen. Karottenwürfel dazu, etwas Stangensellerie, ebenfalls gewürfelt, alles gemeinsam weich kochen. Knoblauch nach Geschmack. Hälfte der Bohnen weich stampfen. Währenddessen Teigwaren in Salzwasser kochen. Gestampfte Bohnen, Majoran und den Rest mischen, aufwärmen. Salzen und pfeffern, Selchfleischwürfel zugeben. Fertig.

Bio-Huhn mit Wurzelgemüse und Duftreisist ein Familiengericht, das sich nebenbei machen lässt.

Dauer mit Fond: ca. 45 Min, ohne geht es schneller. Für vier Personen brauchen Sie ein Bio-Huhn (ca. 1.2 kg), 1 gelbe Rübe, ½ Stangensellerie, ¼ Knollensellerie, ½ Stange Lauch, 3 Zwiebel, 1 Lorbeerblatt, 5 Pfefferkörner, 3 Pimentkörner, Wasser. Brust und Keule auslösen, Haut entfernen. Karkassen und Keule mit kalten Wasser zum Kochen bringen. Abschäumen. Gemüse und Gewürze beigeben, ca. 45 min ziehen lassen. Keule aus dem Sud nehmen und von den Sehnen befeien. Hühnerfond abseihen, beiseite stellen. Wenn’s schneller gehen soll, Fond auslassen oder am Vortag zubereiten.

Hühnerbrust in Streifen schneiden. Für das Wurzelgemüse brauchen Sie 2 Karotten, 1 Gelbe Rübe, 2 Stangensellerie, ¼ Knollensellerie, 2 Knoblauchzehen, 3 Schalotten, 100g Champions, Sonnenblumenöl, Salz, Pfeffer, 2 Lorbeerblätter, 2 Zweige Rosmarin, etwas Zucker. Für die Sauce brauchen Sie 1/4 Weißwein. Gemüse waschen , schälen, in Stücke schneiden, im Öl goldbraun rösten. Hühnerbruststücke leicht anbraten, Gewürze und Zucker beigeben, mit Weißwein und Hühnerfond ablöschen. Hühnerkeule und Gemüse zufügen, mit Salz und Pfeffer abschmecken. 200g Basmati Duftreis in 300 ml Wasser mit 1 Prise Salz, ½ Zwiebel mit 2 Nelken gespickt, 1 Lorbeerblatt zum Kochen bringen. Abdecken und bei kleiner Stufe ca. 15–20 Minuten garen lassen.


Leitartikel

Konsumenten haben Macht

Im Essen ist der Wurm drin – nein, das Pferd. Hoffen wir auf vernünftige statt irrationale Konsequenzen.

Achtung, Ihre Lasagne ist weiter gereist als Sie! In Kärntner Wurst ist, logisch, ein „Gauleiter“ versteckt. Und manche vermuten jetzt Seepferdchen in Fischstäbchen. An Späßchen zum Lebensmittelskandal mangelt es derzeit nicht. Fleisch ist sozusagen in aller Munde – und es ist anzunehmen, dass auch in nächster Zeit noch neue falsch deklarierte Ware auftaucht. Was bei authentischen Kärntner Würsteln mehr schmerzt als bei denaturierten Billig-Fertiggerichten.

Doch die Affäre hat auch ihr Gutes: Die betroffenen Lebensmittel sind (ganz im Gegensatz zum seinerzeitigen Listerien-Quargel und den EHEC auslösenden Bio-Sojasprossen) Gott sei Dank nicht lebensgefährlich, ja nicht einmal gesundheitsgefährdend. Edle Salami enthält übrigens häufig Pferde- und Eselsfleisch. Allerdings erstens (hoffentlich) gekennzeichnet und zweitens von Zucht, die für die Lebensmittelherstellung gedacht war.

Das nicht deklarierte Pferdefleisch, das über verschlungene Wege zu uns gelangte, löst eine überfällige Diskussion über den Wert von Nahrung aus. Woher kommen die Zutaten eines Produkts? Haben die Hersteller faire Preise erhalten? Wie wurde mit den Tieren umgegangen, die leben, um von uns gegessen zu werden? Wie ist der ökologische „Fußabdruck“ von Wurst? Wie viele Transitkilometer erzeugen Tortelloni, Lasagne & Co? Bieder, aber wahr: Kartoffeln mit Butter statt Fertigmenüs sind besser und billiger. Keine Gesellschaft der letzten 200 Jahre verfügte über mehr Freizeit, kauft so viele Kochbücher, investiert in schicke (Schau-)Küchen und verwendet so wenig Zeit und Geld (in Prozent vom Haushaltseinkommen) für die Essens-Zubereitung.

Essen als pure Ideologie

Zu den vernünftigen Fragen gesellen sich mittlerweile auch irrationale. Müssen wir unsere Grenzen wieder dichtmachen und nur mehr vom Eigenproduzierten aus der Region leben? Solche Entwicklungen haben in der jüngeren Geschichte immer katastrophale Folgen gehabt. Handelshemmnisse für die heimische Wirtschaft, die vom Export lebt, bedeuten Wohlstandsverlust. Freier Waren- und Dienstleistungsverkehr ist die Kern-Idee der EU, und Österreich ist damit bisher gut gefahren.

In und um Lebensmittel lässt sich perfekt Ideologie verpacken. Die SPÖ will eine Kennzeichnung von Waren aus israelischen Siedlergebieten, um solche Produkte gezielt boykottieren zu können. Angesichts der österreichischen Geschichte (Stichwort: „Kauft nicht bei Juden“) und dem Import von Waren aus weitaus problematischeren Regionen ist das allerdings eher jenseitig.

Trotz so seltsamer Nebenschauplätze ist es gut, wenn die Konsumenten-Sinne geschärft werden. Sie haben Macht. Niemetz bescheren sie gerade ein „Bomben“-Geschäft, Amazon hingegen wird mittels Netz-Boykott zu besseren Arbeitsbedingungen gezwungen. Und der Telekom könnten sie nach dieser Gerichtswoche getrost zu einem neuen Werbespruch raten: „Falsch verbunden? Wurst – nehmt euch ein (Geld-)Packerl.“

(kurier) Erstellt am 23.02.2013, 19:00

Stichworte:



Diskussion

Kommentare aktualisieren
Bitte Javascript aktivieren!