Der Mönch als Geschäftsmann

Johannes Pausch
Foto: KURIER/Jürg Christandl Johannes Pausch hat 1993 das Europakloster Gut Aich gegründet. Um es am Laufen zu halten, verkauft er auch Kräuter an Interspar

Johannes Pausch erklärt, warum er ins Kloster ging und das Leben dort nicht viel anders ist als in einem Unternehmen.

Mit 17 flog Johannes Pausch von der Klosterschule. 27 Jahre später, 1993,  gründete er sein eigenes Kloster: Das Europakloster Gut Aich in St. Gilgen am Wolfgangsee. „Ich war ein ’68er und bin es im Herzen geblieben“, sagt der Benediktinermönch im KURIER-Gespräch. Der Klosterbetrieb sei aber zu Wachstum gezwungen wie jedes andere Unternehmen auch.

KURIER: Als Prior eines Klosters sind Sie auch Unternehmer. Sind Sie damit zu ständigem Wachstum gezwungen?

Johannes Pausch: Natürlich müssen wir ständig wachsen, schließlich muss ich meine Mitarbeiter bezahlen. Die würden mir ja den Vogel zeigen, wenn sie so asketisch wie ein Mönch leben müssten. Und außerdem gehört Wachstum zur Natur.

Wie viele Menschen sind denn im Kloster beschäftigt?

Wir sind acht Mönche, haben 25 Angestellte und einen großen Freundeskreis von Unterstützern.

Sie haben ein Therapiezentrum, Gästezimmer, eine Kunstwerkstätte und vermarkten unter anderem Kräuter. Womit verdienen Sie am meisten Geld?

Alle unsere Betriebe müssen schwarze Zahlen schreiben, nur beim Hildegardzentrum drücken wir ein Auge zu.

Warum?

Ich sehe es als unseren sozialen Auftrag. Wir müssen dem allgemeinen Gesundheitswesen, das auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, etwas entgegensetzen. Die Krankenkassen pfeifen ja aus dem letzten Loch. Das meiste Geld verdienen wir mit verschiedenen Produkten, unseren Kräutern und mit Kräutern aus anderen europäischen Klöstern, zum Beispiel aus Ungarn und Kroatien. Wir  sind gut vernetzt und liefern an 50 Partner, meist kleine Läden.

Johannes Pausch Foto: KURIER/Jürg Christandl Seit Neuestem auch exklusive Kräuter für Interspar. Passt das zu einem Kloster?

Als der Herr von Spar kam und fragte, ob wir unsere Kräuter bei ihm verkaufen wollen, hab ich ihn für einen Ganoven gehalten und gesagt, dass ich mich nicht gerne mit mafiösen Gesellen einlasse (lacht). Gegen einen Konzern  wie Spar sind wir ja fuziklein. Alle haben gesagt, sie werden uns „das Weiße aus den Augen rausdrücken“. Außerdem wollte ich nicht unsere Seele verkaufen.

Und dann?

Wir haben viele Gespräche geführt, bis wir Sympathisanten wurden. Man mag skeptisch sein, aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Ich kann mir wünschen, dass ich mich in den Klosterladen setze und alle kommen zu mir einkaufen. Aber die Realität ist eine andere. Es gibt den Großhandel und große Konzerne. Und wenn es nicht möglich ist, dass die Großen mit den Kleinen kooperieren, verhungern zum Schluss alle.

Jedenfalls haben in den letzten Jahrzehnten viele Klöster mangels Geld ihre Pforten geschlossen. Was läuft schief?

Die Aufklärung und die Säkularisation hat viel Unheil in die Klöster gebracht, ohne die Verdienste der Aufklärung schmälern zu wollen. Der Glaube an alte Traditionen und Wissen, wie jenes der Kräuterheilkunde, ist verloren gegangen. Es ist viel kaputtgegangen, viel war auch nicht mehr mit der Spiritualität vereinbar.

Zum Beispiel?

Etwa, dass manche Klöster plötzlich riesige Hühnerfarmen hatten, mit Zuständen wie in der Massentierhaltung. Diese Klöster hatten dann keine vernünftigen Produkte mehr und haben gesagt, das rechnet sich alles nicht mehr.

Würden Sie sich als konsumkritisch bezeichnen?

Ich war ein 68er und bin es im Herzen geblieben. Konsumkritisch bin ich, wenn es um die Missachtung von Leben, von Mensch, Tier und Pflanzen geht. Und wenn ich sehe, wie viel weggeworfen wird.

Mehr Freude dürften Sie damit haben, dass heute das Wissen über Kräuter in Mode ist ...

Ja, man hat endlich wieder erkannt, dass man nicht einen Wirkstoff einer Pflanze isolieren und in eine Pille pressen kann, sondern alle Substanzen der Pflanzen gemeinsam die meiste Wirkung haben.

Gut für Ihr Geschäft. Auch die neue Mode, im Kloster Urlaub zu machen. Warum kommen die Leute zu Ihnen?

Die meisten sind Getriebene, die sich nach einem Rhythmus im Tag sehnen, wie es ihn im Kloster gibt.

Ihr persönlicher Terminkalender schaut aber auch nicht nach langen Ruhephasen aus ...

Aber ich habe meine Freiräume, gehe vier Mal am Tag beten. Der größte Atheist traut sich nicht, da etwas dagegen zu sagen. Zudem haben viele Menschen in ihrem Leben wenig Chance auf echte Kommunikation. Die sogenannten sozialen Netzwerke sind aus meiner Sicht ja oft nichts  anders als asozialer Terror. Zumindest kann ich an 60 Mails in der Mailbox, die sofort beantwortet werden sollen, nichts Soziales erkennen.

Kommen viele Gäste zu Ihnen auf Urlaub?

Ja, wir müssen aufpassen, dass wir nicht überrannt werden.  Kräuter- und Gesundheitswochen sind derzeit der Renner, auch Schweige- und Fastenwochen sind gefragt.

Wollen manche gleich im Kloster bleiben?

Ja, so gut wie jede Woche bekundet einer Interesse. Ich muss viele enttäuschen.

Warum?

Wir nehmen keine ganz jungen Leute auf. Sie wollen meist zu uns, weil sie enttäuscht wurden oder in der Welt nicht zurechtkommen. Wir sind aber auch nicht aus der Welt, auch  bei uns gibt es Probleme. Wenn diese sichtbar werden, laufen diese Leute gleich wieder davon.

Warum sind Sie eigentlich ins Kloster gegangen?

Um den Familienbetrieb zu entkommen, den ich übernehmen hätte sollen. Wir hatten ein großes Gasthaus mit Landwirtschaft. Eigentlich so ziemlich genau das, was ich heute im Kloster habe. Von wegen Liebe Gottes, das ist reinste Brutalität. Man kommt dem, was einem bestimmt ist, nicht aus. (lacht)

(kurier) Erstellt am
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