Bio-Pionier: "Konsument sollte aufwachen"

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Foto: KURIER/Franz Gruber Bio-Pionier Werner Lampert gründete vor 20 Jahren  die Rewe-Marke "Ja!Natürlich", später die Hofer-Marke "Zurück zum Ursprung"

Werner Lampert über ahnungslose Politiker, teure Industrieware und den "Regional"-Schmäh.

KURIER: Die Agrarminister der EU überlegen, das Mindesthaltbarkeitsdatum für Tee, Kaffee, Teigwaren abzuschaffen. Eine gute Idee?

Werner Lampert: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es so ein Datum nicht gegeben hat. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand an saurer Milch gestorben ist. Dann hat die Politik uns plötzlich vorgedruckt, wann etwas nicht mehr genießbar ist. Das hat die eigene Wahrnehmung außer Betrieb gesetzt. Heute machen die Leute ein Joghurt gar nicht mehr auf, das einen Tag über der Haltbarkeitsdauer ist. Sie haben Angst, dass der Teufel aus der Packung springt.

Die EU und USA verhandeln derzeit das Freihandelsabkommen TTIP (Anm: siehe unten). Machen Sie sich Sorgen?

Ich verstehe nicht, warum die Agrarvertreter nicht dagegen Sturm laufen. Die USA produzieren Mais, Soja, Weizen und Rindfleisch in Riesenmengen und wollen Europa damit überschwemmen. Als die USA das Freihandelsabkommen mit Mexiko unterschrieben haben, sind ihre Exporte nach Mexiko um 330 Prozent gestiegen und Mexiko hat fast gar nicht profitiert. Das ist eine ganz schlimme Geschichte, die in Europa das Ende der bäuerlichen Landwirtschaft bedeuten würde.

Auch weil Europa nicht wettbewerbsfähig ist?

Ein Bauer in der EU bewirtschaftet im Durchschnitt 14 Hektar, in den USA sind es 180 Hektar. Es gibt US-Fleischproduzenten mit 32.000 Rindern. Das ist eine andere Form von Landwirtschaft. Das Futtermittelwerk ist dort Bestandteil des Tierhalters, es geht nur noch um Mastleistung, das Tier wird wie ein Ding behandelt. Die Frage ist, ob wir das wollen.

… Foto: KURIER/Franz Gruber Und ob wir das in der EU nicht auch schon haben ...

Holland und Deutschland sind in manchen Gunstlagen schon sehr industrialisiert. In Ungunstlagen, wie bei Bergbauernhöfen, ist das nicht möglich. Können die Bauern dort nicht überleben, geht die ganze Region unter. Sie müssen Wege finden, um von ihrer Arbeit leben zu können. Die heutigen Fördermittel wird es in 20, 30 Jahren nicht mehr geben. Woher soll das Geld dafür kommen? Die Politik hat die Verantwortung, sicherzustellen, dass sich die Bevölkerung im Notfall selbst ernähren kann. Das ist wichtiger als der Export.

Große Lebensmittelkonzerne arbeiten jedenfalls verstärkt mit Vertragsbauern zusammen. Eine gute Entwicklung?

Die gescheiten Leute wissen, dass die Versorgungssicherheit auf dem Spiel steht und es keinen anderen Weg gibt, um sich abzusichern. Es ist das Gebot der Stunde, das zu begreifen. Die Politiker scheinen völlig ahnungslos zu sein.

Was schlagen Sie vor?

Es ist höchste Zeit, dass die Bürger begreifen, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Sie können der Politik nicht mehr die Verantwortung für ihre Zukunft geben. So gesehen sind die aktuellen TTIP-Verhandlungen ein großer Segen, weil sie zeigen, was die Politik mit uns vorhat.

Politiker wie deutsche Kanzlerin Merkel argumentieren weiter, dass das Freihandelsabkommen die Preise für Lebensmittel senken würde.

Spätestens wenn ein Politiker so argumentiert, sollte der Konsument aufwachen und wissen, dass der nächste Teuerungsschub ansteht. Künftig wird die Versorgungssicherheit das Thema sein und nicht der Preis. Essen wird teuer. Aus vielen Gründen. Die Weltbevölkerung steigt, Rohstoffe werden verspritet, der Wassermangel ist ein immer größeres Problem.

Stößt die industrielle Landwirtschaft an ihre Grenzen?

Würde es eine Kostenwahrheit geben, würde jeder verstehen, dass Bio die billigste Anbaumethode ist und nicht die Agrarindustrie.

Wie meinen Sie das?

Die industrielle Landwirtschaft zerstört die Humusschicht, vergiftet das Wasser und ist der größte Emittent von CO2. Aber für all das zahlt sie nie die Rechnung. Die Rechnung zahlt die Allgemeinheit.

Werner Lampert… Foto: KURIER/Franz Gruber Ist Bio aus Südamerika damit besser als konventionelle Ware aus Österreich?

Ich bin ein Anhänger der lokalen Produktion, diese müssen wir verstärken. Vieles, was als lokal angepriesen wird, hält der Prüfung aber nicht stand.

Woran denken Sie?

Regionales Fleisch zum Beispiel. Die Sau hat Soja aus Brasilien und Gerste aus der Ukraine gefressen. Lokal war bei näherer Betrachtung nur das Tierleid.

Große Aufregung gab es um die Saatgutverordnung, die nun vom Tisch ist. Ein Etappensieg für seltene, alte Sorten gegenüber der Industrieware?

Die Saatgutverordnung wird sicher wieder Thema werden. Da geht es nicht um ein paar alte Tomatensorten, sondern um das große Ganze. Wer künftig die Menschheit ernährt, sagt, wo es langgeht.

Haltbarkeitsdatum

  • Soll das Ablaufdatum bei den angeführten Produkten gestrichen werden?

Verhandlungen

Streit um Freihandelsabkommen

Europa sorgt sich um Qualität von Lebensmitteln

Die Pläne für eine Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen den USA und Europa rufen auf beiden Kontinenten Gegner auf die Barrikaden.  Sie kritisieren, dass die Öffentlichkeit gar nicht genau weiß, worüber verhandelt wird, und fürchten, dass große Industrielobbys Standards aufweichen wollen.

Befürworter preisen TTIP dagegen als weltgrößten Wirtschaftsraum mit 800 Millionen Verbrauchern an. Handelsbarrieren wie Zölle sollen wegfallen, unterschiedliche Produkt-, Umwelt- und Sicherheitsstandards – die aufgrund doppelter Produktzulassungen und Testverfahren die Kosten in die Höhe treiben – angeglichen werden.  Betroffen  wären etwa die Auto-, Pharma- und Lebensmittelindustrie. Befürworter  rechnen in der Folge mit einem Wirtschaftswachstum von fünf Prozent. Ohne das transatlantische Abkommen würde Europa im Vergleich zu anderen Regionen der Welt ins Hintertreffen kommen, warnte etwa die deutsche Kanzlerin  Merkel.

Kritiker gehen davon aus, dass die Wirtschaft aufgrund des Abkommens um weniger als ein Prozent wachsen wird und unter anderem Lebensmittelstandards untergraben werden. Frank Hensel, Chef des Handelshauses Rewe Austria,  wandte sich mit einem offenen Brief an die österreichischen EU-Abgeordneten: „Die zuletzt bekannt gewordenen Entwürfe lassen leider befürchten, dass die hohe Qualität österreichischer Lebensmittel durch das Abkommen gefährdet werden könnte.“

(kurier) Erstellt am
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