Beißkorb für Wachhunde sitzt sehr locker

Die Ratingagentur Standard & Poor's könnte den Bonitätsausblick Frankreichs schon in den kommenden Tagen herabstufen.
Foto: Reuters/BRENDAN MCDERMID Ratingagenturen wie S&P hätten die Finanzkrise zwar nicht verursacht, aber verstärkt, sagen Experten.

Die EU reguliert die viel kritisierten Bonitätswächter. Die Regeln sind alles andere als streng.

Für die einen sind sie viel zu mächtig. Die drei großen Ratingagenturen Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, die den Markt dominieren, würden Krisen in Unternehmen und Staaten mit ihrer undurchsichtigen Notenvergabe verstärken, manchmal sogar auslösen, sagen die Kritiker. Manche sehen in den Agenturen sogar den verlängerten Arm von Großinvestoren, die kräftig mitverdienen, wenn Bonitätsnoten verändert werden. Wie etwa beim Verlust der Höchstnote für Großbritannien am Freitag: Moody’s stufte die Briten von AAA auf AA1 herunter.

Andere wiederum werfen den Bonitätswächtern vor, oft zu spät zu reagieren (siehe Zusatzbericht) und realen Entwicklungen hinterherzuhinken – was der Branche den (Schimpf-)Spitznamen „Rate-Agenturen“ eintrug.

Vor Kurzem fand in Wien eine (von der AK Wien organisierte) sehr kontroversiell geführte Diskussion zum Thema Ratingagenturen statt. Ergebnis: Für die „Wachhunde der Finanzwelt“, wie sie oft bezeichnet werden, müssen Beißkorb und Leine angeschafft werden. Das wirft allerdings eine Reihe von Problemen auf.

Nach zähem Ringen einigte man sich auf EU-Ebene auf neue Regeln. „Zu langsam, zu spät, zu wenig“, sagt EU-Abgeordnete Evelyn Regner (SP). „Aber die Richtung stimmt.“

Ein Blick auf die Regeln:

Haftungen Für die Konsequenzen ihrer Benotungen mussten die Agenturen bisher keine Haftungen übernehmen. Das soll sich nun zumindest dann ändern, wenn der Ratingagentur ein klarer Regelverstoß nachzuweisen ist. „Haftungen, die man einklagen kann, klingen toll“, sagt Helmut Ettl, Vorstand der Finanzmarktaufsicht. Aber: „Das US-Gesundheitssystem ist so teuer, weil es so hohe Haftungen gibt. Man muss schauen, dass Haftungen nicht ein Riesengeschäft für die Versicherer werden.“

Raus aus Verträgen Bis 2020 sollen alle herkömmlichen Ratings aus den Regulatorien verschwinden. Aus der Beamtensprache übersetzt heißt das: Großanleger wie etwa Pensionskassen müssen sich für ihre Veranlagungsvorschriften Alternativen suchen. „Bis diese da sind, wird es dauern“, meint Ettl. Schätzen die heimischen Pensionskassen die Risiken ihrer Veranlagung selber ein, würden ihre Kosten steigen.

Sprechverbot Die Ratingagenturen müssen künftig lange vorher die Termine festlegen, an denen sie Länderratings bekannt geben. Damit soll verhindert werden, dass neue Noten immer just zwei Tage vor wichtigen europäischen Treffen verlautbart werden – was als Einfluss auf die Politik interpretiert wurde.

Neue europäische Agenturen sollen die Macht der US-Größen brechen. „Eine neue Ratingagentur wäre aber schärfer, um sich abzusetzen“, sagt Bank-Austria-Chefvolkswirt Stefan Bruckbauer. „Das kann nach hinten losgehen.“

Was sind Ratingagenturen? Ratingagenturen bewerten gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit (Bonität) von Unternehmen und Staaten. Sie selbst sind private Unternehmen, somit gewinnorientiert. Gläubiger setzen auf eine objektive Beurteilung durch die Agenturen. Sie bewerten auch die Ausfallwahrscheinlichkeit von Forderungen. Wie funktioniert die Bewertung? Verteilt werden Noten, die von AAA oder Aaa (sicher) bis D (zahlungsunfähig) reichen. Anleger entscheiden anhand dieser Noten, ob sie den Ländern oder Firmen Geld leihen oder nicht. Warum sind Bonitätsnoten für ein Land wichtig? Die Noten der drei führenden Agenturen S&P, Moody`s und Fitch sind maßgeblich für die Finanzierungskosten der Staaten am Kapitalmarkt. Die Faustregel: Je besser die Bonitätsnote, desto günstiger das Zinsniveau, zu dem ein Land Geld aufnehmen kann. Worauf gründen Ratingagenturen ihre Entscheidungen? Grundsätzlich legen die großen Agenturen ihre Methodik nicht im Detail offen. Kritiker bemängeln besonders im Zusammenhang mit der Schuldenkrise im Euroraum, dass die Ratingunternehmen lediglich den Marktentwicklungen folgen und auf neue Zuspitzungen reagieren, auch wenn diese fundamental nicht immer gerechtfertigt seien. Wie groß ist die Macht der Ratingagenturen? Ratingagenturen sind zwar keine offiziellen Aufsichtsbehörden, sie erfüllen aber inzwischen im Prinzip diese Rolle. Der Einfluss besonders der drei wichtigsten Agenturen Standard & Poor`s, Moody`s und Fitch ist daher enorm. Was macht Moodys & Co so mächtig? Die Bewertung der Bonität staatlicher Emittenten ist wenig durchschaubar; die Anleger verlassen sich wegen vieler gesetzlicher Regeln zu stark auf die Noten der Agenturen; diese sind nicht unabhängig genug von den Emittenten, die die Agenturen bezahlen. Wer steckt hinter den drei großen Agenturen? Standard & Poor´s ist Teil des Gemischtwarenladens McGraw-Hill - ein börsennotierter Medienkonzern, der unter anderem Schulbücher verlegt. An McGraw-Hill wiederum sind große Investmentfonds beteiligt sowie Unternehmenschef Harold McGraw. In diesem Jahr soll der US-Konzern aufgespalten werden in eine Bildungs- und eine Finanzmarktsparte, zu der dann auch S&P gehört. Moody´s, selbst börsennotiert, ist der härteste Konkurrent von S&P. Anteile halten eher unauffällige Investmentfonds, aber auch Investoren-Legende Warren Buffett, der mit seiner Firma Berkshire Hathaway auf mehr als zehn Prozent der Moody`s-Anteile kommt. Als S&P 2011 die Kreditwürdigkeit der USA von der Topnote AAA auf AA herabstufte, kritisierte Buffett dies scharf. Die kleinere Nummer drei, Fitch, geht ebenfalls auf einen US-amerikanischen Gründer zurück, gehört heute aber zu 60 Prozent dem börsennotierten französischen Finanzinvestor Fimalac. Die restlichen Anteile hält der US-Medienkonzern Hearst ("Cosmopolitan", "Elle", ESPN). Hinter Fimalac steht der in Frankreich weit vernetzte Geschäftsmann und Unternehmer Marc Ladreit de Lacharriere. Fitch sitzt in New York und London.

Vorwürfe

Gute Noten für Katastrophen

Ratingagenturen haben nicht oder zu spät gewarnt.

US-Hypothekarkredite, zu Paketen verpackt, lockten riesige Geldmengen von internationalen Investoren an. Konnte man sich als Anleger doch auf die gute Benotung durch die Ratingagenturen verlassen. Als der US-Immomarkt einbrach – was schließlich in einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise mündete – war klar: Die Agentur-Noten waren viel zu gut gewesen. Warnungen, dass Anleger ihr Geld nicht oder nur teilweise zurückbekommen, kamen gar nicht oder zu spät.

Die dubiose Rolle, die die Ratingagenturen bei der Bewertung der US-Hypothekenpapiere spielten, ist aber bei Weitem nicht der erste Sündenfall dieser Agenturen. Ein Beispiel ist die Pleite des US-Energieriesen Enron Ende 2001. Nur durch Bilanzfälschung konnte sich Enron über Wasser halten, bis das Lügengebäude dann doch zusammenbrach. Von den Agenturen gab es für Enron fast bis zuletzt gute Noten. Erst vier Tage vor der Pleite wurde vor einer deutlich gestiegenen Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls gewarnt.

Ähnlich tief geschlummert scheinen die Agenturen im Fall Parmalat zu haben. Der italienische Nahrungsmittelriese, der Ende 2003 eine Megapleite hinlegte, bekam fast bis zuletzt gute bis recht gute Noten. Auch bei Parmalat waren die Bilanzen gefälscht, um ein riesiges Finanzloch zu kaschieren.

Dass die Ratingagenturen die Krise in Südostasien 1997/’98 nicht kommen sahen, wurde ihnen ebenfalls vorgeworfen.

(kurier) Erstellt am
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