Atomexperte prognostiziert "schleichenden Niedergang"

Kopie von Atomkraftwerk Temelin
Foto: dpa/Armin Weigel Kühltürme des Atomkraftwerkes Temelin in Tschechien.

Mycle Schneider, Träger des Alternativen Nobelpreises, sprach über den "Fukushima-Schock" und die Zukunft der Atombranche.

Mit brandaktuellen Zahlen im Gepäck legte Mycle Schneider einen Zwischenstopp in Österreich ein und einen Bericht über den Zustand der Atombranche vor. Gleich eingangs gab der unabhängige Atompolitikexperte und Träger des "Right Livelihood Award" ("Alternativer Nobelpreis") zu verstehen, worum es ihm geht: um eine Trendanalyse. Es sei trügerisch, voreilig von "Renaissance oder schleichendem Niedergang" - so der Titel des Vortrags in der WU Wien - der Atombranche zu sprechen, "ohne sich zuerst die Entwicklungen über längere Zeiträume anzuschauen."

Weltweit produzieren nur 31 Länder Atomstrom, die Branche sei "sehr konzentriert", die größten fünf Staaten seien für zwei Drittel des produzierten Stroms verantwortlich.

Der Höchststand bei der Anzahl der AKW wurde 2002 erreicht, mit 444 Anlagen weltweit. Auch bei der installierten Kapazität wurde der Peak bereits überschritten. Der Abwärtstrend kann drittens an der Stromproduktion abgelesen werden, dabei wurde das historische Maximum im Jahr 2006 erreicht, mit 2.660 TWh. 2012 waren es nur mehr 2.236 TWh. Einzige Ausnahme ist Tschechien: Im Nachbarland wurde der Höchststand der Stromproduktion 2012 erreicht.

Eine Branche im Niedergang?

Schneider warnt vor allem vor einem Problem: "Das Durchschnittsalter der in Betrieb befindlichen Anlagen steigt. Derzeit sind es 28 Jahre." Rund 190 Anlagen seien über 30 Jahre alt. "Wissen Sie noch, wie die Autos 1984 ausgesehen haben?" Als moderne Technologie könne dies kaum bezeichnet werden, bemerkt Schneider trocken.

Auch räumt Schneider mit Mythen auf: Die Annahme, dass "wenn das Ding einmal steht, die Operationskosten billig sind, ist nicht mehr der Fall." Allein die Kostenschätzungen für Neubauten haben sich in zehn Jahren mehr als vervierfacht. Längere Bauzeiten ergeben sich oftmals durch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und langandauernde Rechtsstreitigkeiten. Die Probleme der Endlagerung sind da noch gar nicht erwähnt.

Eine Antwort, warum viele Staaten nicht vom Atomstrom abrücken, hat Schneider parat: "Entscheidend bleibt, dass man im exklusiven Club der Länder, die Atompolitik betreiben, weiter mitspielen kann." Allein aus militärischen Gründen.

"Fukushima-Schock"

Fokus Asien: Tepco-Aktien waren eine "todsichere" Anlage. Mit dem GAU in Fukushima sanken sie "im Wert um 95 Prozent - an einem Tag." Vor allem Kleinanleger seien geschädigt worden. In Japan stehen 48 Reaktoren - "davon produziert derzeit kein einziger Strom", konstatiert Schneider, der selbst mehr als 25 Mal die Insel besuchte. Kurz: Fukushima erhöhte weiter die Kosten - ob Finanzierung, Sicherheit oder Versicherungen.

Nachbar China zählte zu den Ländern, die am dramatischsten und schnellsten auf die Katastrophe reagierten. "Es kam zu Bauverzögerungen bei den vor Fukushima begonnenen Reaktoren - nämlich bei allen", betont Schneider. Zwischen Dezember 2010 und November 2012 sei zudem mit keinem Neubau begonnen worden. Das Riesenreich produzierte jahrelang "PV-Paneele für alle Welt, aber nicht für das eigene Land. Das ändert sich jetzt."

Fazit: Frankreich wichtiger Faktor in EU

"Atomkraft spielt eine sinkende Rolle im internationalen Energiesektor, diese Entwicklung hat vor 20 Jahren begonnen." Und Europa? Allein Frankreich produziere in Europa knapp die Hälfte des Atomstroms. Für Europa werde es entscheidend sein, wie sich die Grande Nation verhält. Doch in Frankreich habe ein "Bruch mit der bisher praktizierten Atompolitik" stattgefunden. 20 AKW würden Mitte der 2020er Jahre nicht mehr benötigt werden. "Da wäre der deutsche Atomausstieg ein Witz dagegen", formuliert der nahe Paris lebende Deutsche überspitzt.

Doch wie sollen Betrieb, Sicherheitsvorkehrungen oder Stilllegung künftig finanziert werden, wenn Investoren den Geldstrom versiegen lassen? Angesprochen auf das Dilemma, ist Schneider gegenüber dem KURIER vorsichtig: "Ein Ansatz müsste sein, Reaktoren zu verringern und sich dann auf die Sicherheit der noch bestehenden (und damit geringeren) Anzahl von Akw zu konzentrieren."

Zur Person

Mycle Schneider

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Foto: Stefan Hofer

Mycle Schneider ist Koordinator und Hauptautor der "World Nuclear Industry Status Reports" und berät seit 25 Jahren Vertreter des europäischen Parlaments, das French Institute for Radiation Protection and Nuclear Safety, die IAEA, die Heinrich-Böll-Foundation, Greenpeace International, UNESCO, WWF und viele andere mehr.

Er lebt in der Nähe von Paris und ist seit 1997 Träger des Right Livelihood Award, auch bekannt als "Alternativer Nobelpreis".

Links

IG Windkraft

World Nuclear Industry Status Report 2013

The Right Livelihood Awards

(KURIER) Erstellt am
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