Conchita Wurst: "Wünsche mir eine Woche mit Putin"

Conchita Wurst
Foto: Kurier/Juerg Christandl Conchita Wurst über ihre Zukunft: „Nur singen wäre mir zu wenig“ 

Die Song-Contest-Gewinnerin über ihre Zukunft, Wladimir Putin und ihren schnellen Aufstieg.

KURIER: Conchita Wurst, vor einer Woche starb Udo Jürgens. Konnten Sie in den letzten Monaten eine persönliche Beziehung zu ihm aufbauen?

Conchita Wurst: Leider konnten wir uns nicht mehr kennenlernen. Dass ein Treffen nicht geklappt hat, bereue ich nun sehr. Seine Stimme hat mich von klein auf begleitet. Udo Jürgens Stimme empfand ich als sehr beruhigend. Es gibt Sänger, etwa wie Christina Aguilera, die sind sofort da, springen dich richtig an. Aber Udo Jürgens Stimme klang wie Samt aus dem Mund.

Wenn Sie Conchita Wurst beziehungsweise Tom Neuwirth jetzt und vor einem Jahr vergleichen: Wie hat der Erfolg Sie verändert?

Conchita Wurst Foto: Kurier/Juerg Christandl

Ich habe definitiv gelernt, ohne schlechtes Gewissen Nein zu sagen. Außerdem habe ich erkannt, wenn ich gewisse Erwartungshaltungen nicht erfüllen kann, dann ist es nicht mein Fehler. Zumal ich nie etwas versprochen habe. Aus diesem Grund gibt es auch kein Album. Ich wollte einfach erleben, was ich erleben durfte. Das haben viele kritisiert. Selbst wenn es unhöflich klingt – es ist mir egal. Sollte die Entscheidung falsch sein, dann muss ich es ohnehin nur vor mir verantworten.

Wann kommt jetzt das erste Album?

Ich nehme es im Frühjahr auf. Natürlich bin auch ich ungeduldig, weil es mein erstes Solo-Album wird. Aber für ein Album einen Termin mit Jean Paul Gaultier oder Karl Lagerfeld sausen zu lassen? Das war es mir nicht wert.

Wissen Sie schon, wohin die Karriere von Conchita Wurst gehen soll? Ist es das Pop-Genre, oder lieben Sie mehr die Shows?

Diese schwierige Frage stelle ich mir selbst oft. Bis jetzt habe ich in meiner Karriere kaum Songs veröffentlicht. Erst im Frühjahr werden wir sehen, wie funktioniert Conchita als Musikact? Ich denke auch nicht, dass ich ein Musikact im klassischen Sinn bin. Ich brauche die Inszenierung. Wenn ich eine Show auf die Beine stellen müsste, dann wäre das wie ein Theaterstück, in dem ich singe, spreche und tanze. Aber CDs aufnehmen wäre mir zu wenig.

Udo Jürgens hat seinen Erfolg genützt, um gesellschaftskritische Texte zu schreiben. Werden Sie Conchitas Botschaft der Toleranz in den nächsten Jahren noch mehr in den Mittelpunkt stellen?

Definitiv. Um ehrlich zu sein: Alles, was ich tue, hat einen sehr, sehr egoistischen Ursprung. Ich stelle mich nicht vor das EU-Parlament, um jemandem zu gefallen, sondern weil ich das will. Ich treffe mich nicht mit UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, nur weil es gut für mein Image ist. Er ist einer der wichtigsten Menschen, wenn es um Menschenrechte geht. Deswegen kann ich mit Titeln wie Vorbild oder Symbolfigur nichts anfangen. Das ehrt mich zwar, aber es stimmt im Prinzip nicht. Ein Vorbild hat für mich etwas mit Selbstaufgabe zu tun.

Das, was ich mache, kostet mich keine Anstrengung, ist auch keine Selbstaufgabe. Alles, was ich sage, sage ich, weil ich es muss. Das ist nicht immer klug, manchmal unhöflich oder vielleicht auch vorlaut. Ich serviere vielen eine Wahrheit, die sie nicht hören wollen. Deswegen ist es mir so wichtig, Inhalte zu transportieren. Alle, die es hören wollen, lade ich ein, meine Songs zu konsumieren. Für alle anderen gibt es andere Künstler.

Ein Treffen mit Ban Ki-moon hat viel Symbolkraft, ist aber noch kein Akt von Mut. Wie wäre es mit einem Auftritt in Russland, um ein Zeichen zu setzen?

Das möchte ich absolut. Ich habe auch viele Fans in Russland. Das ist wahnsinnig schön, weil es mir zeigt, dass viele Russen mit den Entscheidungen ihrer Regentschaft nicht einverstanden sind. Aber auch ein Treffen mit Putin würde ich nicht ablehnen. Allerdings möchte ich eine Woche mit Putin verbringen. Einfach, um ihn zu verstehen.

Was bedeutet es, Wladimir Putin zu sein? Welcher Druck lastet auf ihm? Damit entschuldige ich nicht seine diskriminierenden Gesetze. Aber durch dieses Verständnis würde ich ihm gerne sagen: "Du weißt schon, dass es anders besser wäre." Denn am Ende des Tages möchte Putin nur respektiert werden. Dieses Verlangen nach Respekt teilt Putin mit Minderheiten.

Beim Song Contest werden Sie die Moderation im Green-Room übernehmen. War das ein Wunsch von Ihnen?

Niemand weiß, wie man sich fühlt, wenn man im Green-Room noch nicht gesessen ist. Der Green-Room hat etwas Magisches. Die Stimmung ist so geladen, gespannt und fokussiert. Ich weiß einfach genau, was da in einem Künstler abgeht.

Vier Frauen werden nun den Song-Contest moderieren ...

Es ist toll, dass es vier Frauen sind. Ich habe gleich getwittert: "It’s a girlband." Am meisten freue ich mich für Arabella Kiesbauer. Wir haben eine Verbindung seit Starmania. Ich weiß noch, wie ich 17 Jahre alt war, im Studio saß, und plötzlich kam die Arabella Kiesbauer. Diese Erinnerung verbindet.

Apropos Starmania: Sie galten als der ewige Zweite. Wie wurden Sie zum Siegertypen?

Ich habe nie aufgegeben. Aber es stimmt: Zu siegen war ich nicht gewohnt. Ich war die Erste, die selbstironisch immer gesagt hat: "Achtung! Hier kommt die ewige Zweite." Deswegen sage ich es mir auch noch sechs Monate nach dem Sieg laut vor, was in Dänemark passiert ist. Als Kind habe ich mit meiner Mutter jahrelang den Song Contest angesehen. Das war so weit weg, so unerreichbar,und plötzlich gewinne ich.

Sie haben Ihren Eltern lange Ihre Homosexualität verschwiegen. Bereuen Sie es?

Es tut mir leid, dass ich meinen Eltern die Zeit genommen habe, darüber nachzudenken. Als ich in die Pubertät kam, existierte plötzlich ein Wort für meine Empfindungen. Ich habe ganz, ganz lange mit mir gekämpft, weil ich dachte, es ist falsch.

Conchita Wurst Foto: Kurier/Juerg Christandl Interview mit KURIER-Redakteurin Ida Metzger

Diesen Prozess bis zu dem Zeitpunkt, wo ich akzeptierte, wer und was ich bin, den habe ich meinen Eltern genommen. Aber wie sagt meine Mutter immer? "Ein Pflaster soll man schnell von einer Wunde reißen. Das schmerzt weniger, als wenn man es langsam ablöst."

Was wünschen Sie sich für 2015? Haben Sie Angst, den Erfolg nicht halten zu können?

Diesen Druck verspüre ich natürlich. Aber nicht von außen, sondern weil man sich den Erfolgsdruck selbst auferlegt. Das bremst mich nicht, es motiviert mich. Ich habe aber auch die Einstellung: Am Ende des Tages will ich glücklich sein. Wenn man Misserfolg hat, dann kann man sich im Mitleid suhlen, oder man steht auf und macht weiter. Sollte Conchita Wurst 2016 nicht mehr existieren, dann werde ich traurig sein. Aber ich weiß, dass mir etwas einfällt, dass ich wieder glücklich werde.

Wie sehen Sie Conchita Wurst in 20 Jahre. Ist Conchita alterslos schön?

Wenn ich einen grauen Bart bekommen würde, setze ich mir sicher eine Perücke mit grauen Strähnen auf. Ich liebe Frauen. Das hat für mich kein Label und kein Alter. Meine Großmutter ist für mich eine wunderschöne Frau. Aber ich liebe auch die Victoria’s-Secret-Models. Schönheit hat für mich keine stereotypen Merkmale.

Viele fragen mich: "Warum malst du dich dann so an?" Einfach, weil ich mich so schön finde. Und ja, ich würde es lieben, eine Grande Dame zu werden.

Wie eitel sind Sie?

Ich bin unheimlich selbstkritisch. Manchmal habe ich so blöde Gedanken, wo ich zu mir sage: "Wenn ich jetzt den Bauch einziehe, sitzt es noch besser." So extrem bin ich nur bei mir. Nehmen wir an: Hier steht Tom und hier steht Conchita. Tom sagt: "Ich lass mir die Nase operieren." Dann antwortet Conchita: "Du spinnst wohl."

Und wie oft diskutieren Tom und Conchita über Schönheit?

In letzter Zeit immer weniger. Als Tom habe ich trainiert, wollte mehr Muskeln, um den Stereotypen zu entsprechen. Seit ich professionell Dragqueen und Frau bin, habe ich mich mit meinem Körper versöhnt. Es ist ein lebenslanger Prozess, sich selbst genug zu sein. Das ist eine Aufgabe, die ich für mich gefunden habe, auch einmal zu sagen: "Das hast du gut gemacht."

Sie sind von mehreren Medien zur Persönlichkeit des Jahres gewählt worden. Vor einem Jahr waren Sie noch ein Nobody. Wie stolz macht Sie das?

Das ist überwältigend. Ich hatte viel Gegenwind, ich hatte viele Menschen, die mich total abgelehnt haben. Jetzt plötzlich ist man in der Situation, total akzeptiert zu sein.

Für mich ist es ein großer Schritt, dass eine bärtige Frau die wichtigste Persönlichkeit in einem Land sein kann. Es ist so wunderschön zusehen, dass wir als Gesellschaft das Recht haben, zu wachsen. Und ich hoffe, dass es so weitergeht. Nichtsdestotrotz gibt es auch starke Tendenzen in die konservative Richtung. Der Sieg beim Song Contest war ein starkes Zeichen, aber ein Zeichen reicht noch nicht aus, bis wir alle liberal werden.

(kurier) Erstellt am