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KURIER Romy 2014
Die einen haben zu wenig, die anderen zu viel. Rein statistisch klafft zwischen Arm und Reich eine immer größere Lücke.
Die einen haben zu wenig, die anderen zu viel. Rein statistisch klafft zwischen Arm und Reich eine immer größere Lücke. - Foto: APA/HELMUT FOHRINGER
Die einen haben zu wenig, die anderen zu viel. Rein statistisch klafft zwischen Arm und Reich eine immer größere Lücke.
Die einen haben zu wenig, die anderen zu viel. Rein statistisch klafft zwischen Arm und Reich eine immer größere Lücke. - Foto: Reuters/LISI NIESNER

Letztes Update am 30.12.2012, 16:39

Arm gejammert und reich geredet. Die Einkommensschere geht auseinander, lässt aber viel Spielraum für Interpretationen.

Das ist Österreich: Die Zahl der täglich ausgegebenen warmen Mahlzeiten im Wiener Caritas-Obdachlosenzentrum Gruft hat sich binnen zehn Jahren auf 94.000 (2011) fast verdoppelt. Die Sozialmärkte verzeichneten in diesem Jahr mit 45.000 Berechtigungskarten einen neuen Höchststand.

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Foto: Grafik: Breineder
Auch das ist Österreich: Noch nie wurden so viele teure Autos gekauft wie heuer. BMW, Mercedes, Porsche und Ferrari verzeichneten bis November in einem schrumpfenden Automarkt zweistellige Zuwachsraten.


Werden die Armen also immer ärmer und die Reichen immer reicher? Alle gängigen Einkommens- und Vermögensstatistiken untermauern diese These. Während Vermögen und hohe Einkommen steigen, fallen die Bezieher niedriger Einkommen stark ab und verlieren kontinuierlich an Kaufkraft. Diese wachsende Einkommenskluft offenbarte vor Kurzem auch der Einkommensbericht der Statistik Austria im Auftrag des Rechnungshofes – siehe Grafik unten – und löste damit einen neuen Statistikstreit aus.

Mythos

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Foto: Grafik: Breineder
„Die Darstellung zu den Einkommenszuwächsen in Österreich ist stark verzerrt, vor allem durch Teilzeit- und geringfügige Einkommen“, argumentiert Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV) und bezeichnet die wachsende Einkommensschere schlicht als „Mythos“.

Die Statistik Austria beziehe sich nur auf das nicht teilzeitbereinigte Durchschnittseinkommen (Medianeinkommen), das deswegen sinke, weil wegen des Beschäftigungszuwachses die neuen Arbeitnehmer eher mit Löhnen unter dem Durchschnitts- bzw. Medianlohn in den Arbeitsmarkt einsteigen. „Dieses statistische Phänomen zeigt ein Mehr an Beschäftigung und nicht ein Weniger an Löhnen“, meint Neumayer.

In der Tat verteilt sich der Einkommenskuchen durch eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes auf immer mehr Köpfe. Schon fast 40 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten nicht mehr ganzjährig Vollzeit, sondern in atypischer Beschäftigung, also Teilzeit, geringfügig, mit Werkvertrag oder befristet. Bei den Frauen liegt dieser Anteil bei fast 60 Prozent. Der sogenannte Niedriglohnsektor, im wesentlichen Dienstleistungen (etwa Tourismus, Soziales, Handel), wächst kontinuierlich. Aber heißt Niedriglohn automatisch auch Armut?

Working Poor

Die Statistik gibt keine Auskunft darüber, wie viele Geringverdiener ausschließlich von ihrem Einkommen leben müssen, der Interpretationsspielraum ist groß. Laut Sozialbericht ist die Einkommensarmut, also die Zahl der Working Poor, zuletzt leicht zurückgegangen. „Was wir bei der Einkommensmessung aber nicht sehen, sind die Ausgaben“, gibt Sozialexperte Martin Schenk, Vorsitzender der Armutskonferenz, zu bedenken. Teuerungen bei Nahrungsmitteln oder Wohnen würden Einkommensschwache ungleich stärker treffen als Besserverdiener. Immerhin 40.000 Bezieher der Mindestsicherung hatten im Vorjahr eine Beschäftigung mit zu geringem Einkommen und erhielten daher vom Staat eine Teilunterstützung. Diese Zahl der „Aufstocker“ nimmt kontinuierlich zu. Laut Schenk blendet die Einkommensstatistik auch einen Teil der Armut schlicht aus. Sie würde nur Privathaushalte erfassen, nicht aber Personen, die keinen festen Wohnsitz haben, etwa in Heimen, Notschlafstellen oder Psychiatrien sind. „Verteilungsdebatte ist ein höchst politisches Thema, daher steckt hinter allen Statistiken ein Werturteil“, resümiert Schenk.

Tücken

Statistik-Tücken lauern aber auch bei den hohen Einkommen. Hier befinden sich überdurchschnittlich viele Männer über 50 mit stabiler Ganzjahresbeschäftigung und regelmäßigen Vorrückungen. Weil sie länger in Beschäftigung bleiben (müssen) als früher, steigt das mittlere Einkommen. Einen ähnlichen Effekt gibt es auch bei den Beamten. Der überdurchschnittliche Anstieg des Medianeinkommens hängt nicht nur mit dem höheren Akademiker- und niedrigeren Teilzeitanteil zusammen, sondern vor allem mit dem Rückgang an Pragmatisierungen. Kommt weniger Jugend nach, steigt das Durchschnittsalter und damit das mittlere Einkommen der ganzen Gruppe.

 


Fakten

Ungleich verteilt

Ganz oben 187 Personen, davon 179 Männer, hatten 2011 ein Brutto-Jahresgehalt von mehr als einer Million Euro.

Ganz unten Eine Million Arbeitnehmer verdienten weniger als 10.000 Euro im Jahr.

5 Prozent der österreichischen Haushalte besitzen 45 Prozent des gesamten Vermögens.

40 Prozent der Haushalte haben ein Nettovermögen von weniger als 50.000 Euro.

(KURIER) Erstellt am 30.12.2012, 16:39

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