Adiós, Telekom: Mexikaner kaufen Streubesitz

A cyclist talks on his mobile phone as he passes a
Foto: REUTERS/HEINZ-PETER BADER   

Republik steigt aus und erhält Infrastruktur-Teil. Kommende Woche soll der neue A1-Chef bestellt werden.

Kein Börsenstart in Österreich wurde derart enthusiastisch gefeiert wie jener der Telekom Austria. In Wien und an der Wall Street knallten im Spätherbst 2000 die Champagner-Korken. Eine "Volksaktie" sollte das Papier werden, an private Investoren wurden Rabatt-Gutscheine verteilt. 91.500 Kleinanleger griffen zum Preis von neun Euro zu, in die Staatskasse flossen 1,16 Milliarden Euro.

Der Höchststand von über 21 Euro, den die Volksaktie 2007 erklomm, sollte nie wieder erreicht werden. In der wechselvollen Geschichte des skandalgebeutelten Unternehmens ging es mit dem Kurs nur noch bergab. Derzeit grundelt die Aktie bei fünf Euro. Bald könnte die Telekom Austria an der Wiener Börse überhaupt Geschichte sein. Damit rechnen nicht nur Kapitalmarkt-Experten. In Eigentümerkreisen liegen die Konzepte bereits auf dem Tisch. Dabei geht es nicht nur um ein Delisting. Sondern auch um den Ausstieg der Republik und was der Staat stattdessen für seine Beteiligung von 28,42 Prozent bekommt. Möglicherweise den Infrastruktur-Teil der Telekom.

Einfach wird’s nicht. Weder bewertungs- und aktientechnisch und schon gar nicht politisch.

11,88 Prozent Streubesitz

Ursprünglich nur in SPÖ- und Gewerkschaftskreisen verteufelt, wird inzwischen auch im bürgerlichen Lager die Kritik am 2012 erfolgten Einstieg des Telekom-Giganten América Móvil (AMX) immer lauter. Der ursprüngliche Junior-Partner hat bereits 59,70 Prozent. Der Streubesitz hält nur noch dürftige 11,88 Prozent.

Ein Syndikatsvertrag zwischen der Staatsholding ÖBIB und dem Konzern des Milliardärs Carlos Slim soll die österreichischen Interessen schützen. So steht’s auf dem Papier.

Im Vertrag steht auch, dass América Móvil bis Oktober 2016 den Streubesitz auf 20 Prozent erhöhen muss. Da aber beginnt das Problem. Sollte AMX vertragskonform Aktien verkaufen, würden die Mexikaner beim aktuellen Kurs einen Verlust in der Größenordnung von mehr als 130 Millionen Euro einfahren. Sie hatten sich wesentlich teurer in die Telekom eingekauft und den Kleinaktionären zuletzt 7,15 Euro geboten.

Logischer und lukrativer wäre es, angesichts des hinuntergeprügelten Kurses (von wem?) die Telekom von der Börse zu nehmen und den Streubesitz abzufinden. Den Aktionären müsste der Durchschnittskurs der letzten sechs Monate gezahlt werden, das wären derzeit gerade mal 5,19 Euro. Würde in Summe 409 Millionen machen.

Da auch den Kleinaktionären klar ist, dass der derzeitige Kurs nicht dem Unternehmenswert entspricht, müsste Carlos Slim noch etwas drauflegen. Um die sechs Euro wären "fair", meinen Analysten. Ergäbe in Summe 473 Millionen. Würde die Staatsholding auch zu diesem Preis ausgekauft, müssten die Mexikaner zusätzlich 1,13 Milliarden Euro hinlegen. Peanuts für einen der größten Telekom-Konzerne weltweit.

Schlechtes Geschäft?

Verhalten sie sich vertragskonform, machen die Mexikaner also ein schlechtes Geschäft. Halten sie sich nicht an die Abmachung und finden mit der Republik keine andere Lösung, ist eine Pönale fällig. Deren Höhe wird geheim gehalten, doch erste Klarheit wird die Rubrik "Eventualverbindlichkeiten" im Geschäftsbericht 2015 bringen.

Schelling will nicht mitziehen

Dazu kommt, dass Finanzminister Hans Jörg Schelling keine Lust hat, bei künftigen Kapitalerhöhungen der Telekom mitzuziehen und mit Steuergeld die Expansionspläne der Mexikaner in Ost- und Südosteuropa zu finanzieren. Eine Kapitalerhöhung ist derzeit aber noch kein Thema. Schlicht und einfach, weil kein entsprechend großes Übernahme-Objekt in Sicht ist.Für die Republik könnte ein Ausstieg durchaus Sinn machen. Vorausgesetzt, der Plan geht auf, dass die österreichische Infrastruktur, also das Fest- und das Mobilnetz samt den Funkstationen, herausgelöst wird. Dieser Teil soll in eine eigene Gesellschaft eingebracht werden. Der Staat hält 51 Prozent, der Rest kommt an die Börse oder wird an institutionelle Investoren verkauft. In Mexiko beispielsweise hat AMX die Funktürme in einer eigenen Börsegesellschaft.

AMX müsste sich nur mit der Staatsholding einigen und hätte nicht das Risiko, wegen Bewertungsstreitigkeiten von Kleinaktionären geklagt zu werden. Die lästigen Quälgeister wären ja schon ausgekauft. Diese Lösung wäre außerdem wettbewerbsfreundlich. Der Zugang zu den Netzen würde für die Konkurrenz einfacher.

Womit wir zur schon öfters diskutierten großen Infrastruktur-Holding kommen. Dieses Konstrukt wurde zuletzt in ÖVP-Kreisen bei der Neu-Ausrichtung der Staatsholding angedacht, scheiterte aber im Widerstand der Roten. Weil die Schwarzen auch noch mit ÖBB und Asfinag liebäugelten.

Aufgeschreckt durch den geplanten Russen-Deal der OMV ließ jetzt allerdings SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder mit der Idee einer staatlichen Energieinfrastruktur-Holding aufhorchen. In diese sollten die Versorgungs-Assets der OMV und des Verbund eingebracht werden. Da würden die Telekom-Netze ganz gut hineinpassen. Auch ideologisch.

Aufsichtsratsitzung

Ein leidiges Personalproblem dürfte bei der Aufsichtsratssitzung kommende Woche endlich gelöst werden. Österreich hat laut Syndikatsvertrag das Vorschlagsrecht für den Vorstandsvorsitzenden der Telekom-Holding. Weil man gegen einen Mehrheitseigentümer ohnehin nicht ankommt, nominierte die Staatsholding den Kandidaten der Mexikaner, Alejandro Plater. Dafür sagte AMX zu, rasch einen starken Chef für die Tochter A1 zu installieren, die das Österreich-Geschäft betreibt. Schriftlich wurde jedoch nichts fixiert. Hannes Ametsreiter, der im Vorjahr von Bord ging, übte beide Funktionen aus.

Das mündliche Versprechen wurde bis dato nicht erfüllt. Erst als Finanzminister Hans Jörg Schelling im Weihnachtsurlaub im Headquarter in Mexiko vorbeischaute und laut profil seinen Unmut darüber kundtat, kam Bewegung in die Sache. Gute Chancen werden A1-Vertriebsvorstand Alexander Sperl und Margarete Schramböck, Chefin von Dimension Data Austria, attestiert.

Der nur gebrochen Deutsch parlierende Plater mag zwar ein guter Rechner und Restrukturierer sein, hat aber ein Problem mit den Kunden. "Ist kaum vorbereitet und macht nur Small Talk", wundern sich Großkunden. Sie wollen nicht von irgendeinem Vorstand, sondern vom CEO persönlich betreut werden.

Davon profitiert der Konkurrent T-Mobile. Dessen Chef, der ehemalige AUA-Vorstand Andreas Bierwirth, fischt erfolgreich bei der Telekom. Die wird bei den Kunden längst nicht mehr als österreichisches, sondern als mexikanisches Unternehmen gesehen. Vor allem Firmen, die im öffentlichen Bereich Aufträge haben, schlossen bei der Telekom ab. Das ist vorbei. Die AUA wechselte schon zu T-Mobile. Die ÖBB hat neu ausgeschrieben. Mit einem jährlichen Auftragsvolumen von vier bis fünf Millionen Euro zählte die Staatsbahn bisher zu den drei Top-Kunden der Telekom.

Seine soziale Inkompetenz bewies Plater auch noch bei der Weihnachtsfeier fürs Management. Coram Publico gab er, wie der KURIER berichtete, statt einer weihnachtlichen Ansprache einen "Gynäkologen-Witz" zum Besten. Schelling war über diese Geschmacklosigkeit gar nicht amused und auch Aufsichtsrats-Chef Wolfgang Ruttenstorfer soll umgehend reagiert haben.

(kurier) Erstellt am
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