Erste Ausfahrt mit der Westbahn
Viel wurde zuletzt gestritten, jetzt muss die neue Westbahn-Gesellschaft zeigen, was sie kann: Ihre erste Ausfahrt war soweit passabel.
Letztes Update am 11.12.2011, 19:04
Das Rauchen ist in einem recht engen Raucherabteil bis auf Weiteres erlaubt.
Spät, aber doch durfte die neue Westbahn zum ersten Mal richtig – mit Fahrgästen – aus dem Wiener Westbahnhof ausfahren.
Auch ein KURIER-Team war wenige Stunden vor dem offiziellen Start (zum Fahrplanwechsel am Sonntag in der Früh) mit an Bord. Der erste Eindruck, so viel lässt sich sagen, ist durchaus angenehm. Die ÖBB-Strategen dürfen sich warm anziehen, doch es gibt auch noch einige Kinderkrankheiten – und erste Kritik im Detail.
Der neue Zug ist gut, sogar sehr gut. Ist auch zur Zufriedenheit der Schweizer Bundesbahnen für die Eidgenossen im Einsatz. Sieben solcher Garnituren hat die private Westbahn GmbH in Altenrhein von Stadler Rail bauen und vom Wiener Atelier Spirit Design auf österreichische Verhältnisse aufmotzen lassen. Pikantes Detail am Rande: Chefdesigner Daniel Huber hat mit seinem Team zuvor für die ÖBB das viel gelobte Konzept für den Railjet entwickelt. Offenbar ein gefragter Mann.
Was ab Sonntag dank der Liberalisierung des Schienenverkehrs in der EU und des Engagements des Bautycoons Hans Peter Haselsteiner fein ist, zumindest für Menschen, die mit der Westbahn verkehren: Künftig fahren tagsüber gleich drei Züge pro Stunde von Wien Richtung Salzburg ab, und umgekehrt (halten auch in Sankt Pölten, Amstetten, Linz, Wels, Attnang-Puchheim, siehe auch Grafik unten).
Auch gut: Man steigt in die noch fabriksneu riechenden Doppelstockzüge barrierefrei ein. Und gleich wird das erste Manko klar: Doppelstock bedeutet, dass man für sein Gepäck relativ wenig Platz hat. In die Hutablage passt genau ein Hut. Für größere Gepäckstücke gibt es zwar am Abteil-Ende Stauraum (mit Option, den Koffer gegen ein Pfand von einer Münze zu versperren). Bereits die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage sollten uns aber darüber Auskunft geben, ob da nicht am falschen Platz gespart wurde.
Klassen-Gesellschaft
Ebenso angenehm wie im Railjet und deutlich gemütlicher als in den Intercity-Zügen der ÖBB sitzt man in den spanischen Komfort-Ledersitzen. „Fahren Sie mit uns erster Klasse und zahlen Sie dafür nur so viel wie beim Mitbewerber in der zweiten Klasse!“, erklärt eine Westbahn-Mitarbeiterin vollmundig.
Klassen-Gesellschaft gebe es nur in Indien. Klingt gut, stimmt aber nicht ganz: Knapp über 21 € kostet ein Ticket für eine einfache Fahrt. Möchte der geneigte Fahrgast, dass sein Nebensitz frei bleibt (wie in der ersten Klasse in den meisten ÖBB-Zügen), dann kommt die bequemere Fahrt bereits auf gut das Doppelte. Und der Nebensitz sollte für Anspruchsvolle besser frei bleiben. Denn vier Sitze in einer Reihe bieten nun einmal weniger Platz als nur drei Sitze in einer Reihe bei den ÖBB.
Aber wollen wir nicht gleich alles Neue schlechtreden: Angenehm ist in jedem Fall der Fahrkartenkauf ohne Aufpreis im Zug. Und: Dass man sich seinen (übrigens exzellenten Kaffee) selber für einen Euro aus der Maschine drücken kann.
Tageszeitungen gibt es in der angeblich ersten Klasse der neuen Westbahn nicht. Dafür sind die Toiletten eine Wohltat: Männer und Frauen getrennt, für Männer ein eigenes Pissoir. Das sollte jenen, die Bahntoiletten bisher aus gutem Grund gemieden haben, helfen. Der Steward ist auch nicht nur für den Ticketverkauf und das Bistro verantwortlich, sondern – abgeschaut aus der Fliegerei – auch dafür, dass die Toiletten benützbar bleiben. Geht das WC-Papier aus, muss er neu bestücken.
Raucherabteil
Mal sehen, was dem Gesundheitsministerium noch einfallen wird, bei der Probefahrt durfte jedenfalls in einer kleinen Nische (mit 16 Sitzplätzen) im mittleren Teil des Zuges ordentlich gepofelt werden. Ebenso wie Raucher sind beim neuen Anbieter auch die Radler nicht lästige Kundschaft. Die Mitnahme eines Fahrrads wird faire 5 € kosten.
Die Stewards wirken hoch motiviert, auch noch ein bisserl jungfräulich. Kein Wunder: Der Einzige mit ÖBB-Erfahrung hat Mitte der Woche die Segel gestrichen. Sie verdienen angeblich über dem Kollektivvertrag, aber deutlich weniger als ältere Bundesbahner. Die Lokführer dagegen kommen zum Teil von den ÖBB, auch aus Ungarn und Bayern – gelebte Europäische Union halt.
Weiterführende Links
Letztes Update am 11.12.2011, 19:04
Artikel vom 09.12.2011 15:40 | KURIER | Uwe Mauch | « zurück zu Wirtschaft