Letztes Update am 26.08.2012, 08:45
Viele Reden, noch viel mehr Show – auf ihrem Parteitag wollen die Republikaner ihren Kandidaten Mitt Romney auf Sieg einstimmen.
Man stelle sich vor: Werner Faymann oder Michael Spindelegger bitten zum Parteitag ihrer SPÖ/ÖVP ins Wiener Praterstadion. Seit Monaten ist das über 50.000 Besucher fassende Stadion ausgebucht. Hochstimmung herrscht vor dem Mega-Event. Die berühmtesten Regisseure des Landes haben die Inszenierung der Show übernommen, jedes kleinste Detail ist vorausgeplant. Zigtausende Luftballons werden steigen, ein Konfettiregen wird auf die wie Rockstars gefeierten Politiker niedergehen, die Menge wird toben. Ein Parteitag – das ist Showtime!
Was in Österreich unvorstellbar ist, ist in den USA unverzichtbar. Ein Parteitag vor anstehenden Präsidentenwahlen, das ist der Schlüsselmoment des Wahlkampfes. Ein mediales Mega-Ereignis, das seine Besucher von den Sitzen reißen und Millionen TV-Zuseher begeistern muss.
Für Mitt Romney, bisher stets hölzern und ein wenig abgehoben wirkender Präsidentschaftskandidat der Republikaner, geht es in diesen kommenden Tagen um alles: Kann der 65-jährige Multimillionär beim am Dienstag, beginnenden Parteitag der Konservativen, seine eigene, skeptische Basis in den Bann ziehen? Kann er den Funken des Sieges zünden?
Drehbuch
Er muss, wenn es nach seinen Beratern und Strategen geht – und jede einzelne Sekunde des viertägigen Spektakels in Tampa, Florida, ist darauf hingetrimmt. Wenn Romney am Donnerstag seine große, programmatische Rede hält, ist diese "von A bis Z auf Punkt und Beistrich durchgestylt", sagt Heidi Glück. Die Strategieberaterin und ehemalige Kanzlersprecherin von Wolfgang Schüssel weiß, "dass nichts dem Zufall überlassen wird. Wochenlang haben Romneys Berater an jeder Zeile der Rede gefeilt. Immer wieder wird sie bei bestimmten Zielgruppen abgetestet: Wie kommt sie an?"
Ein spontaner Gedanke während der Rede? Verboten. Räuspern? Tabu. Hüsteln? Unerwünscht – alles könnte sich für die weitgehend charismafreie Nr. 1 der Republikaner ungünstig auswirken. Zumal Romneys Hauptauftrag am Parteitag laute, wie das Demokraten-nahe Blatt Politico ätzte: "Bloß keinen Schaden anrichten."
Selbst das Publikum hat sich ans Drehbuch zu halten. "Wann die Zuschauer klatschen sollen, wann sie ihre Wimpeln schwenken und wie diese überhaupt aussehen müssen, all das ist vorgegeben", schildert Heidi Glück dem KURIER. "Hinter der Bühne sitzen Leute und geben Kommandos, wann geklatscht und gejubelt wird."
Tränen und Freude
Was wie verordnete Euphorie klingt, gewinnt doch auf jedem amerikanischen Parteitag an gewaltiger Dynamik. "Ich bin noch heute beeindruckt", erinnert sich Josef Kalina, PR-Berater und ehemaliger Generalsekretär der SPÖ. Er besuchte 2008 in Denver den Parteitag der Demokraten. "Sie müssen sich vorstellen: Neben mir sind die Leute in Tränen ausgebrochen, als die Einigung zwischen Barack Obama und Hillary Clinton kam. Sie hatten sich ja bis zuletzt offengehalten, wie sie sich verhalten würden. Vielleicht auch aus Taktik. Und dann das große Happy End. Von den Leuten ist eine richtige Last abgefallen."
Unvergesslich ist Kalina die "gigantische Sicherheitsmaschinerie". – "Zwei Stunden sind wir im Freien für Sicherheitschecks angestanden. Wir waren als Gruppe eingeladen und hatten nur bestimmte Zeitfenster, in denen wir hinein durften."
In Österreich, so meint Kalina, "sind Parteitage zur Debatte da, aber in den USA zur Mobilisierung. Deshalb muss in den USA auch die Breitenwirkung so groß sein."
Das bedeutet: 15.000 akkreditierte Journalisten werden die Krönungsmesse des konservativen Kandidaten Mitt Romney und seines "running mates" Paul Ryan ins Land und in die Welt hinaustragen. Live, landesweit und zur Primetime, versteht sich.
Romney & Ryan: Fehltritte und Fettnäpfchen
Die Polit-Show der Republikaner in Tampa kann über eines nicht hinwegtäuschen: Die "Grand Old Party" steigt geschwächt in den Ring. Die konservative Tea-Party-Basis wurde auf Kosten gemäßigterer Wählergruppen bedient. Zudem bot Mitt Romneys Weigerung, alle seine Steuererklärungen zu veröffentlichen, den Demokraten Angriffsfläche. Auch Romneys frühere Führungsrolle beim Investmentfonds Bain Capital, die seine Wirtschaftskompetenz unter Beweis stellen sollte, geriet dem Ex-Manager zum Schaden, wurde er doch als Jobvernichter und Heuschrecke attackiert.
Mit ihrem Plan, die Einwanderungsgesetze zu verschärfen, verschreckten die Republikaner die Latinos; mit der strikt ablehnenden Haltung zur Abtreibung (auch bei Inzest und Vergewaltigung) viele Frauen. Die Debatte um den republikanischen Senatskandidaten Todd Akin, der von "wirklichen Vergewaltigungen" sprach, die "selten zu Schwangerschaften führen" würden, war da nur noch das Tüpfelchen auf dem "i" .
Und auch viele Senioren, eine traditionell starke Wählergruppe der Republikaner, wurden durch das Team Romney/Ryan verunsichert: Die Fiskalpläne des Vizekandidaten würden zu schmerzhaften Einschnitten bei der Gesundheitsversorgung von Pensionisten führen.
Aber sein größter Feind im Wahlkampf war Romney oft selbst: Patzer pflasterten seinen Weg durch die Vorwahlen.
Seamus und Co.
Bei den Olympischen Spielen beleidigte er die Briten, sie seien nicht gut genug vorbereitet. In Israel nannte er Jerusalem die "Hauptstadt" und erzürnte die Palästinenser. Nach einem Attentat auf Sikhs in Wisconsin verhaspelte sich Romney und sprach von "Scheichs".
Unbedachte Äußerungen über Geld machten nicht den Eindruck, Romney verstehe das Leben des "kleinen Mannes": "Ich mache mir keine Sorgen um die Armen, wir haben ja ein soziales Netz!" Mit seinem Ex-Konkurrenten Rick Perry wollte er eine Wette eingehen – und bot 100.000 Dollar als Einsatz.
Als grober Fauxpas gilt der "Seamus Incident": Seit herauskam, dass Familie Romney bei einer Urlaubsreise in den 1980er-Jahren ihren Hund Seamus aufs Autodach schnallte, wird der Kandidat mit Häme überhäuft – bis heute.
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