Letztes Update am 24.08.2012, 17:43
Game Changer im US-Wahlkampf.
Oft braucht es nur einen peinlichen TV-Auftritt, eine plumpe Lüge oder eine Überraschungskandidatin, damit die Stimmung im Wahlkampf kippt.
Milliarden US-Dollar werden in US-Wahlkämpfe investiert, doch manchmal wirft eine Kleinigkeit jede ausgeklügekte Strategie über den Haufen. "Game Changer" werden Faktoren genannt, die das Potential haben den Wahlkampf in eine Richtung zu beeinflussen bzw. "das Spiel umzudrehen".
In den vergangenen US-Wahlkämpfen gab es bereits einige erinnerungswürdige "Game Changer", darunter die Videobotschaft eines Terroristen, der Fernsehauftritt eines Womanizers und eine "Hockey-Mum".
Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008 versuchte das Team rund um den republikanischen Kandidaten John McCain mit dem "Game Changer" Sarah Palin die Umfragewerte zu beeinflussen. Das Ganze ging aber nach hinten los.
Sarah Palin, frühere Gouverneurin von Alaska, bis dahin der amerikanischen Öffentlichkeit eher unbekannt und selbsternannte "Hockey-Mum", sollte das nötige Gegengewicht zu Obama schaffen.
Perfekt gestylt, aber ausgestattet mit peinlichen Wissenslücken vor allem in puncto Außenpolitik und Geografie, drehte sich der anfängliche "Game Changer" bald ins Gegenteil um.
Dem Einsatz Palins im Wahlkampf 2008 und dem Phänomen des "Game Changer" widmete sich kürzlich sogar ein eigens produzierter TV-Film. Die US-Schauspieler Julianne Moore und Ed Harris spielen in "Game Change" (USA 2012, HBO) die Hauptrollen.
Auch die Strategie des demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis ging nicht auf: Er wollte 1988 seine Führungsqualitäten demonstrieren und ließ sich in einem Panzer fotografieren.
Ein lächerlicher Auftritt, wie die amerikanische Öffentlichkeit befand. Am Ende verlor Dukakis gegen George Bush senior (im Bild links).
Ein "Game Changer" nahm auch Vizepräsident Richard Nixon 1960 die Chance auf den Sieg. Das erste Fernsehduell zwischen den beiden gegensätzlichen Kandidaten verschaffte Senator John F. Kennedy den vielleicht entscheidenden Vorteil. Nixon konzentrierte sich auf das Lernen von Fakten und ging gut vorbereitet, aber abgearbeitet in die Sendung.
Kennedy hatte hingegen mit seinem Stab tagelang nur den Auftritt geübt und sich auf das Äußere konzentriert. Der charmante und gut aussehende Kennedy traf auf den trockenen, düsteren Nixon.
Umfragen ergaben später, dass Radiohörer Nixon die besseren Noten gaben - Fernsehzuschauer Kennedy. Letztlich entfielen 34 220 984 Stimmen auf Kennedy und 34 108 157 auf Nixon. Bei mehr als 68 Millionen Stimmen hatten gerade einmal gute 100 000 die Wahl 1960 entschieden.
Ein einzelnes Zitat hatte Nixon zudem Stimmen gekostet. Sein Chef, der scheidende Präsident Dwight Eisenhower (im Bild rechts), hatte auf die Frage nach den wichtigen Beiträgen seines Vizepräsidenten geantwortet: "Geben Sie mir eine Woche Zeit, dann fällt mir vielleicht etwas ein."
Gut 30 Jahre später ging es George Bush senior ähnlich. Er hatte versprochen, dass es keine neuen Steuererhöhungen geben würde. Immer wieder darauf angesprochen, platzte es schließlich aus ihm heraus: "Read my lips, no new taxes!", "Lies es von meinen Lippen: Keine neuen Steuern!"
Gesagt, anders getan: Es gab neue Steuern, und als Bush 1992 wiedergewählt werden wollte, empfing ihn überall das schon sprichwörtliche "Read my lips". Bush verlor.
Sein Gegenkandidat war 22 Jahre jünger und verkörperte in der Zeit des Umbruchs eine neue Generation. Bill Clinton nutzte selbst ein Zitat: "It`s the economy, stupid", "es ist die Wirtschaft, Du Dummkopf".
Clinton wirkte jung und frisch und sagte das, was die Amerikaner interessierte: Jobs. Clinton gewann.
2004 war El-Kaida-Führer Osama bin Laden ein "Game Changer". Kurz vor der Wahl konnte sich der Demokrat John Kerry Hoffnungen machen, George W. Bush, der unter umstrittenen Umständen an die Macht gekommen war, abzulösen.
Doch nur vier Tage vor der Wahl tauchte ein Video von Osama bin Laden auf. Darin bekannte sich der Terroristenführer offiziell zu den Anschlägen vom 11. September 2001 und verdammte die Regierung Bush.
Bush bekam durch die Drohung nur noch mehr Stimmen. Kerry verlor.
Im Vorwahlkampf der Demokraten 2008 versuchte Hillary Clinton einen "Game Changer" ins Spiel zu bringen und sich selbst damit wieder in die Favoritenrolle zu katapultieren.
Nach einem enttschäuschenden dritten Platz in Iowa, versuchte Clinton in New Hampshire mit inszenierten Tränen zu punkten – mit mäßigem Erfolg. Sie gewann New Hampshire aber am Ende nicht die Vorwahlen insgesamt.
Bei einem Gespräch mit Wählern brach Clinton auf die Frage, wie sie das alles nur schaffe - und wer sie frisiere, fast in Tränen aus: "Dies ist für mich sehr persönlich", sagte sie stockend. "Nicht nur politisch. Es geht um unser Land. Es geht um die Zukunft unserer Kinder."
(dpa, apa, KURIER)
Erstellt am 16.07.2012, 14:06