Auch Darbo ließ Heimkinder arbeiten

Darbo
Foto: Stephan BoroviczenyKURIER Der Marmeladenhersteller Darbo setzte die Mädchen im Bereich Verpackung ein, der Kristallkonzern Swarovski ließ sie Kristallbänder herstellen. Den Lohn dürfte das Heim einbehalten haben.

Der Marmeladen­hersteller hat, wie Swarovski und die Leuchtenfirma EGLO, mit dem Skandalheim kooperiert.

Der Tiroler Landespolitik war es angeblich bisher nicht bekannt: Heimkinder mussten in den 1960er- und ’70er-Jahren für renommierte Firmen arbeiten. Geld haben sie dafür so gut wie nie gesehen. Geschuftet haben die Mädchen aus dem landeseigenen Erziehungsheim St. Martin für ange­sehene Unternehmen wie den Kristallkonzern Swarovski (der KURIER berichtete), den Marmeladen- und Fruchtsaft-Hersteller Darbo und den Tiroler Beleuchtungsspezialisten EGLO.

Wie aus KURIER-Recherchen hervorgeht, dürften die Firmen für die Arbeit der 15- bis 18-Jährigen sehr wohl bezahlt haben. Kassiert haben allerdings andere.

Glitzerbänder

Darbo Foto: Darbo Martin Darbo will mit den ehemaligen Arbeiterinnen aus dem Heim St. Martin in Verbindung treten. Notfalls wird sein Unternehmen Regressansprüche gegen Dritte prüfen.

Wie berichtet, ließ Swarovski Ende der 60er-Jahre in der berüchtigten Schwazer Erziehungsanstalt Kristallbänder anfertigen. Die dafür benötigten Maschinen wurden dem Heim zur Verfügung gestellt. "20 bis 25 Maderln", sollen laut dem ehemaligen Heimkind Johanna P. täglich die Glitzerbänder im Akkord hergestellt haben. Die Mädchen sahen nach eigenen Angaben kaum oder gar kein Geld dafür. Den Lohn dürfte die Heimleitung eingestreift haben. Swarovski hat keine Aufzeichnungen mehr.

Doch nicht nur der Kristallkonzern, auch das Familienunternehmen Darbo hatte Heimkinder beschäftigt. "Ich habe an einer Maschine ge­arbeitet. Dort ist Honig abgefüllt worden", erinnert sich Lydia, die 1979 bis 1981 in St. Martin untergebracht war. Auch Patricia, die etwa zur selben Zeit im Heim war, arbeitete "einige Male" für Darbo. "Wir mussten hinter der Lagerhalle die guten von den faulen Äpfeln trennen." Geld habe sie persönlich dafür nie bekommen.

Firmenchef Martin Darbo antwortete schriftlich: "Ich kann Ihnen mitteilen, dass ungefähr in dem von Ihnen angegebenen Zeitraum Heimbewohnerinnen von St. Martin in unserem Betrieb mitgearbeitet haben." Die Mädchen seien 15 Jahre und älter und vorwiegend im Bereich Verpackung eingesetzt gewesen. Darbo: "Vereinbarungsgemäß wurde der Lohn dem Heim überwiesen."

Regress

Kinderheim St. Martin in Schwaz in Tirol Foto: Chronik Schwaz Das Heim St. Martin.

Darbo will sich jetzt mit den Arbeiterinnen in Verbindung setzen und eruieren, wie viel den Mädchen damals ausbezahlt und "was von Dritten pflicht­widrig einbehalten worden ist". Er möchte sicherstellen, dass niemand umsonst für sein Unternehmen gearbeitet hat und will Regressan­sprüche gegen Dritte prüfen.

An eine Verwechslung glaubte man erst beim international tätigen Leuchtenhersteller EGLO. Gesellschafter Ludwig Obwieser (siehe Interview) ließ aber auf KURIER-Anfrage in seiner Firma Nachforschungen anstellen. Sein Fazit: "Sie haben recht, wir haben mit St. Martin zusammengearbeitet."

Heimkind Lydia fertigte in Hausarbeit (im Heim) Lampenschirme für EGLO an. "Das waren altmodische Muster mit Fransen", er­innert sie sich an ihre Werkstücke, die fixfertig ins EGLO-Werk gebracht wurden.

Auch EGLO hat wie Darbo und Swarovski wahrscheinlich für die Arbeiten bezahlt. Doch mehrere ehemalige Heimkinder bestätigen, dass sie keinen Lohn erhalten haben. Höchstens Groschen-Beträge, die sie wiederum nur im heiminternen Kiosk ausgeben konnten.

"Dann war das eine richtige kleine Mafia"

Auch für die Beleuchtungsindustrie wurden Tiroler Heim­zöglinge als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Ludwig Obwieser, Gesellschafter des international tätigen Tiroler Unternehmens EGLO, bestätigt dies im KURIER-Interview. Und er fordert die Klärung der Vorwürfe.

KURIER: Mädchen aus dem Kinderheim St. Martin sollen Ende der 1970er-Jahre für die Firma EGLO gearbeitet haben.

Ludwig Obwieser: Ich habe einen ehemaligen Betriebsleiter von uns kontaktiert. Der hat bestätigt, dass wir mit St. Martin zusammengearbeitet haben. Es war aber nur von kurzer Dauer.

Wie ist diese Kooperation abgelaufen?

Der Kollege erinnert sich an die Zusammenarbeit mit einem Mann und einer Frau vom Heim. An Namen kann er sich nicht mehr erinnern. Das ist ja mehr als 30 Jahre her.

Was wurde im Erziehungsheim für Ihr Unternehmen hergestellt?

In St. Martin wurden Lampenschirme für uns produziert. Das Heim hat das Material bei uns abgeholt und die fertigen Schirme an uns geliefert. Bei der Lieferung ist von uns für die Arbeit bezahlt worden.

Wie wurde die Arbeit von Ihnen bezahlt?

Die Bezahlung erfolgte nach dem System des Stücklohns. Pro Stück wurde von uns ein Preis bezahlt, der einheitlich war. Das hat jeder gekriegt. Wir haben früher auch mit der Strafanstalt Innsbruck und einer geschützten Werkstätte im Vomp zusammengearbeitet. Auch dort ist pro Stück bezahlt worden.

Liegen noch Rechnungen vor?

Rechnungsbelege gibt es nach 30 Jahren leider nicht mehr. Was das Heim mit dem Geld gemacht hat, ist für uns auch nicht nachvollziehbar.

Ehemalige Heimkinder vermuten, dass die Heim­leitung das Geld in die eigene Tasche gesteckt hat.

Wenn sich da jemand an den Mädchen bereichert hat, dann muss das geklärt werden. Wenn das alles so war, dann war das eine richtige kleine Mafia.

Swarovski beschäftigte auch Zwangsarbeiter

Die Kristall- und Glasdynastie Swarovski war mit den nationalsozialistischen Macht­habern engstens verbunden. Das berichtet der Historiker Horst Schreiber in seinem 1994 erschienenen Buch "Wirtschafts- und Sozial­geschichte in der Nazizeit in Tirol".

Firmenchef Alfred Swarovski war, so wie auch andere Familienangehörige, bereits vor dem "Anschluss" an Nazi-Deutschland ille­gales NSDAP-Mitglied. Schreiber zitiert Gauleiter Franz Hofer, dass "die Firma Swarovski, Wattens in Tirol, schon während der Jahre des Kampfes einwandfrei nationalsozialistisch geführt war und deren Betriebsführer und seine Familie schon in der Zeit vor dem Parteiverbot der NSDAP angehörten".

Das Unternehmen profitierte von seiner engen Verbindung mit den Macht­habern. Im Krieg stellte man vorwiegend auf Rüstungsprodukte um. Bis Kriegsende wurden alleine 183.000 Feldstecher produziert. Im Jahr 1944 soll Swarovski auch ausländische Zwangsarbeiter eingesetzt haben.

Während Schreiber die Firmenarchive Swarovskis seinerzeit verschlossen blieben, stehen dem Wirtschaftshistoriker Dieter Stiefel nun laut Swarovski sämtliche Informationen zur Verfügung. Der Wissenschaftler arbeitet seit 2011 an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit der Familie und des Unternehmens. Mitte 2013 soll der Bericht veröffentlicht werden.

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(kurier) Erstellt am
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