Deutschmatura: Text rechtfertigt Holocaust

IG AutorInnen und Autoren Geschäftsführer Gerhard Ruiss
Foto: Wilhelm Schraml Gerhard Ruiss von den IG Autoren: "Das ist ein Skandal"

Die IG Autoren übt heftige Kritik an der Auswahl des literarischen Textes bei der Deutschzentralmatura.

Heftige Kritik übt die IG Autoren an dem literarischen Text "Die Schnecke", der bei der Zentralmatura als mögliche Aufgabe gewählt werden konnte. Der Autor Manfred Hausmann sei ein Blut- und Boden-Literat, der während des Nationalsozialismus für das NS-Wochenblatt Das Reich  geschrieben hat.

„Die Geschichte ist eine Parabel zur Rechtfertigung des Holocausts“, empört sich  IG-Vorsitzender Gerhard Ruiss. Erschreckend sei, dass die Ersteller der Matura-Aufgabe „entweder völlig naiv an die Sache herangingen  oder den fürchterlichen Ideologemen (Gedankengut, Anm.) selbst beipflichten.“

Besonders ärgerlich sei, dass man den Schülern gar keine Möglichkeiten gegeben habe, in der Interpretation darauf hinzuweisen: "Da gibt eine Instanz vor, dass hier der Kampf des Menschen gegen die Natur beschrieben wird. Dabei geht es hier um etwas ganz anderes. Ersetzen Sie die Schnecke mit dem Wort Ungeziefer, dann haben Sie genau die Diktion, die im Nationalsozialismus verwendet wurde."

Das bifie will die Kritik nicht auf sich sitzen lassen. Auf KURIER-Nachfrage heißt es: "Die Matura-Aufgaben in Deutsch werden von einer Expertenkommission unter
internationaler Beteiligung freigegeben, der auch universitäre Vertreter angehören. Keiner der Expertinnen und Experten hielt den Text für ungeeignet. Das BIFIE nimmt die geäußerten Kritikpunkte sehr ernst und wird – wie von der IGAutoren angekündigt – den bereits vor Wochen vereinbarten Gesprächstermin nutzen,
um diese Kritikpunkte eingehend zu behandeln."  Den Vorwurf, dass die Aufgabenersteller/innen bzw. die wissenschaftliche
Expertengruppe „den fürchterlichen Ideologemen selbst beipflichten“, weist das bifie auf das Entschiedenste zurück.

Offener Brief der IG Autoren

Abschaffung oder vollkommene Neuorganisation der Deutsch-Zentralmatura

An die Bundesministerin für Bildung und Frauen Gabriele Heinisch-Hosek und an das bifie, Herrn Direktor Mag. Martin Netzer.

Die IG Autorinnen Autoren spricht sich gegen jede Weiterführung der zentralen schriftlichen Deutsch-Reifeprüfung unter den derzeitigen Voraussetzungen aus.

Mit Fassungslosigkeit nimmt die IG Autorinnen Autoren die literarische Themenstellung der zentralen schriftlichen Reifeprüfung 2014 zur Kenntnis. Das BIFIE übertrifft damit die schlimmsten Befürchtungen. Den Beteiligten muß nach dem bereits eingestandenen Nicht-Genügen der bisherigen Beispiele wohl endgültig die Eignung für diese verantwortungsvolle Aufgabe abgesprochen werden.

Auf der positiven Seite bleibt lediglich zu vermerken, daß Literatur nicht bloß als Impuls für die Abprüfung literaturfremder Textsorten eingesetzt und auf Wikipedia als Textquelle diesmal verzichtet wurde. Auch wurde die vom Autor gewählte Rechtschreibung unangetastet gelassen. Damit sind die erfreulichen Ergebnisse aus den jahrelangen Auseinandersetzungen der Autor/inn/en mit dem BIFIE über die zentrale schriftliche Reifeprüfung in Deutsch aber auch schon fertig aufgezählt – und alle Bemühungen um Verbesserungen zunichte gemacht.

Der deckungsgleich mit der realen Prüfungssituation beschriebene erforderliche situative Kontext der literarischen Themenstellung der Deutsch-Zentralmatura 2014 ist zwar nicht, wie bisher sonst zumeist, an den Haaren herbeigezogen, dafür aber vollkommen überflüssig.

Ausgesucht zur Behandlung wurde die „Kurzgeschichte“ „Die Schnecke“ des deutschen Autors Manfred Hausmann (1898–1986).

Schon die gewählte Gattungsbezeichnung „Kurzgeschichte“ für seinen Text führt in die Irre. Es handelt sich bei Manfred Hausmanns „Die Schnecke” keineswegs um eine kurze „Erzählung, die, geradlinig entwickelt, hart gefügt, punktuell-ausschnitthaft gedrängt, ein Geschehen schlaglichtartig der selbstverständlichen Alltäglichkeit enthebt und es,  o h n e   e s   a u s z u d e u t e n  [Hervorhebung Unterzeichner], als Ereignis (…) wieder in seinen gewohnten Rahmen sinken läßt”, wie es im Standardwerk „Handbuch literarischer Fachbegriffe” (Frankfurt 1982, S. 277) von Otto F. Best heißt, sondern um ein Mittelding aus Parabel und essayistischer Reflexion, das von Geradlinigkeit und Deutungsverzicht himmelweit entfernt ist.

Da es sich eben um keine Kurzgeschichte handelt, deren Merkmale den Kandidat/inn/en geläufig sein dürften, stiften die Aufgabenstellungen erhebliche Verwirrung, umso mehr, da der zu bearbeitende Text seinerseits zu einem Gutteil aus der vom Autor gleich mitgelieferten Interpretation der Begegnung des Protagonisten mit der Schnecke besteht. Dieser gilt es zunächst auch noch deskriptiv beizukommen, kein leichtes Unterfangen.

Die (zum besseren Verständnis des Textes?) mitgelieferte Infobox mit Angaben über den Autor aus einer fast zwanzig Jahre alten Quelle fällt nicht nur weit hinter den Stand der Forschung zu Manfred Hausmann zurück, sondern schließt nahtlos an die Praxis der 1950er Jahre an, in der es üblich war, die Jahre der NS-Zeit gnädig auszublenden (in der Infobox zu Hausmann die Zeit von 1930 bis 1945). Gerade wegen des gewählten Textes Hausmanns wäre es jedoch unerläßlich gewesen, darauf zu verweisen, daß Hausmann u. a. Mitarbeiter der berüchtigten NS-Wochenzeitung „Das Reich“ war, deren Leitartikel aus Goebbels‘ Feder stammten. Er war keineswegs der zurückgezogene „innere Emigrant“, wie seine Apologeten gern behaupten, sondern aktiv am öffentlichen Leben im Nationalsozialismus beteiligt. So nahm er u.a. 1940 am vom Reichspropagandaministerium veranstalteten Großdeutschen Dichtertreffen in Weimar teil, an der jährlich stattfindenden wichtigsten literarischen Veranstaltung in der NS-Zeit, und berichtete darüber. Zwischen 1933 und 1945 wurden ein Dutzend Bücher von ihm publiziert. Jean Amery zählt in seinem Mitte der 1970er Jahre verfaßten Aufsatz, „Die Feinde der Zivilisation. Hamsun und die Seinen“, Hausmann an vorderster Stelle zu den Geistesverwandten des Norwegers, die „bei einer irrationalistisch gestimmten Jugend der Zwischenkriegszeit gefährliche Wirkungen” auslösten.

Wenngleich es unredlich wäre, Hausmann zu unterstellen, begeisterter Nazi gewesen zu sein, so ist er doch jenen ideologischen Mustern verhaftet, aus denen sich der Nationalsozialismus speist. Um dem Text auch nur ansatzweise adäquat zu begegnen, bedarf es „– für jeden einigermaßen aufmerksamen Literaturwissenschafter ist das klar – einer eingehenden Auseinandersetzung mit den sprachlichen Diskurselementen folgender Philosopheme: organizistische, irrationalistische,  biologistisch-darwinistische, zivilisationskritische (Urwald – Siedlung), geist-, lebens- und naturmystizistische, weiters mythisierende und pseudoreligiöse sowie letztlich deterministische und metaphysizistische“. (Univ.-Prof. Dr. Karl Müller, Universität Salzburg)

Wie es gelingen kann, in der Formulierung der Aufgaben und – fast noch bestürzender – in der Kommentierung für die Lehrer/innen/schaft die auf der Hand liegenden Konnotationen des 1947 (!) entstandenen Textes komplett auszuklammern, ist kaum nachvollziehbar, wenn es um „Schönes versus Nützliches, Gewordenes versus Gewolltes, reiner Geist versus geistferne Bewußtlosigkeit und träumendes Blut“ geht. Es gibt letztlich, so sagt der Text, kein Sich-Wehren, es setzt sich schlicht etwas Archaisches, Blutsmäßiges, Vorrationales, Mythisches durch und findet seine Bahn hin eben auch zu „Furchtbarem“, das „allenthalben(!) geschieht”. In den Worten der vom BIFIE Beauftragten heißt es in blinder Affirmation dem Text gegenüber: „Aus Hilflosigkeit gegenüber der Schnecke als Repräsentantin der Natur, die als übermächtig und souverän geschildert und erlebt wird, erwächst Aggression, sie schlägt in Gewalt um. Die Tötung der Schnecke bewirkt aber wieder nur Angst und Verzweiflung, er [der Mann] scheitert an sich selbst.“ 

Mit diesem gefährlichen biologistischen Geschwurbel wird indirekt auch der zynische Utilitarismus der Nationalsozialisten als naturgesetzlich paraphrasiert, denn auch „der Jude“ wurde wie die Schnecke als übermächtig und souverän geschildert, weswegen er prompt barbarischer Aggression zum Opfer fiel, die, wie die Täter gerne formulierten, ganze Männer verlangte, weil das so an die Nieren ging. Und viel fehlt nicht, den BIFIE Kommentar wie den Text Hausmanns als exkulpierend interpretieren zu müssen.

Wer einschlägige Äußerungen von Hausmann und Hinweise auf seine Rolle im Nationalsozialismus finden hätte wollen, hätte sich nicht schwer damit getan: „Die Entwicklung der Menschheit geht zweifellos vom Ahnen zum Wissen, vom Instinkt zur Technik. (…) Darum sind die Möglichkeiten der weißen Rasse, die hauptsächlich die Trägerin des Wissens ist, gar nicht abzusehen. Und darum haben die coloured men, entgegen gewisser pessimistischer Prophezeiungen, keine Chance auf dieser Welt.“ (Olympiazeitung 1936) – „Wer noch nicht wußte, in welchem Ausmaß dieser gegenwärtige Krieg ein totaler Krieg ist, der konnte es hier [Weimarer Dichtertreffen] erfahren. Nicht nur alle militärischen Kräfte, nicht nur alle wirtschaftlichen Mächte, nicht nur alle propagandistischen Möglichkeiten sind aufgerufen und aufgefangen, sondern auch alle, aber auch wirklich alle Kraftströme, die aus dem historischen, politischen, fachlichen, philosophischen und dichterischen Schrifttum irgend hervorgehen. Wenn der deutsche Soldat heute der erste Soldat der Welt ist, so nicht zuletzt dank dem Schrifttum. (…) Im Deutschland von 1940 gehört das Buch zum Schwert, das Schwert zum Buch, gehört der Dichter zum Soldaten und der Soldat zum Dichter.“ (Großdeutsches Dichtertreffen in Weimar, Das Reich, 3.11.1940)

Die IG Autorinnen Autoren kommt daher zum Schluß, daß jene Personen, die diese bedenkliche Arbeitsaufgabe ersonnen haben, ohne den Maturant/inn/en die Perspektive zu bieten und die Möglichkeit zu geben, die Gedankenwelt Hausmanns jenseits der engen Textinterpretation kritisch zu würdigen, entweder völlig naiv an die Sache herangingen oder den fürchterlichen Ideologemen selbst beipflichten. Die neueste SORA-Studie zum Geschichtsbewußtsein der Österreicher/innen belegt, daß sich 29% Prozent nach dem starken Mann sehnen und 36% glauben, die NS-Zeit habe sowohl Gutes als auch Schlechtes gebracht. Was soll in diesem besorgniserregenden Kontext eine literarische Reifeprüfungsthemenstellung der österreichischen Schule, die als Widerklang unseliger Praktiken aus den 1950er Jahren daherkommt, zeitgeschichtliche Aspekte vorsätzlich ausblendet und Erbsündengeraune, Darwinismusfixiertheit usw. affirmativ behandeln läßt?

Und was ist, wenn mutige Kandidat/inn/en statt des als Kommentierung getarnten Erwartungshorizontes der Beispielgebenden die tatsächlich im Kontext von Hausmanns Prosa wichtigen Fragestellungen verhandeln? Haben die korrigierenden Lehrkräfte dies negativ zu würdigen? Fragen über Fragen.

Die jüngsten organisatorischen Pannen des BIFIE bei der Durchführung der Zentralmatura (Änderung des Beurteilungsschlüssels in Englisch ohne vorhergehende Information, fehlende Aufgaben in Mathematik) sind schlimm genug und bei einem Unternehmen, das sich seit Jahren auf die Durchführung der Zentralmatura vorbereitet, unentschuldbar, das inhaltliche Versagen im Fach Deutsch übertrifft jedoch alles Bisherige, es stellt nach übereinstimmender Einschätzung von Autor/inn/en und Universitätsgermanist/inn/en elementare Unterrichtsinhalte in Frage.

Der Vorstand der IG Autorinnen Autoren hat daher in einem Beschluß am 9.5.2014 den Geschäftsführer Gerhard Ruiss sowie das fachlich zuständige Vorstandsmitglied zur Betreuung dieses Themas, Ludwig Laher, damit beauftragt, ein klärendes Gespräch mit dem BIFIE beim für den 14. Mai 2014 bereits vereinbarten Gesprächstermin auf der Basis dieses Papiers zu führen und die allgemeine Öffentlichkeit und die Zuständigen umfassend über die Haltung der IG Autorinnen Autoren zu informieren und darauf hinzuwirken, daß Konsequenzen gezogen werden, da derartige Reifeprüfungsthemen weder mit dem Unterrichtsprinzip „Politische Bildung” noch mit dem Stand der Technik, was den Umgang mit Texten, und auf der Höhe der Kenntnisse, was die Literaturwissenschaft anlangt, als vereinbar angesehen werden können.

(KURIER) Erstellt am