Österreich und die Habsburger-Krise

Aussöhnung per Händedruck: Otto Habsburg und Bundeskanzler Bruno Kreisky 1972 in Wien
Foto: VOTAVA

Rückblick: In der Nachkriegszeit eskalierte der Konflikt um Otto Habsburg - und hätte beinahe die Große Koalition zu Fall gebracht.

Seit ihrer Verbannung aus Österreich 1919 waren die Habsburger ein Spielball und Reibebaum der österreichischen Politik. Besonders steigerte sich die Auseinandersetzung nach dem Untergang der Hitler-Diktatur 1945.

Dass sich der Konflikt mit der Republik Österreich in der Zweiten Republik sosehr zuspitzte, hatte sich Otto Habsburg einerseits selbst zuzuschreiben: Schon dass er den Chef der Provisorischen Staatsregierung, den Sozialdemokraten Karl Renner, in einem Brief an US-Präsident Roosevelt als Kryptokommunisten denunzierte, trug ihm die Feindschaft der Sozialdemokraten ein. Habsburg blieb bis ins hohe Alter bei seiner Meinung. Noch 2007 erklärte er im KURIER-Interview: "Karl Renner - der hat Hitler 1938 begrüßt, dann hat er 1945 diesen Liebesbrief an Stalin geschrieben und ist von ihm eingesetzt worden. Dass der einen Menschen, der das nicht getan hat, ungern hat, versteh ich."

Zum Zerwürfnis mit der österreichischen Politik trug Otto Habsburgs langes Zögern bei, für alle Zeiten auf eine Wiederherstellung der Habsburger-Monarchie in Österreich zu verzichten. Aber auch Österreichs politische Parteien hatten ab 1945 kein Interesse an den Habsburgern: Das einstige Herrschergeschlecht war seit 1919 des Landes verwiesen und enteignet, ihre Adelsrechte abgeschafft. Österreich, von den vier Alliierten besetzt, war bis zum Staatsvertrag 1955 in einer prekären Lage: Sowjet-Diktator Stalin begann nach dem Sieg über Hitler-Deutschland, Osteuropa als sowjetisches Einflussgebiet zu unterjochen.

Feindbild in Moskau

Eine Wiederbelebung der Idee der Donaumonarchie, ein friedlicher Zusammenschluss der Völker Zentraleuropas wurde von Moskau daher vehement bekämpft. Otto Habsburg wurde nach den Nazis auch bei den Kommunisten zum Feindbild.

Österreich lag daher wenig daran, ihm großen Stellenwert einzuräumen. Seine Versuche ab 1945, das Einreiseverbot nach Österreich zu umgehen - vor allem über die Grenze nach Tirol - wurden lange vereitelt. Nach Ende der alliierten Besatzung 1955 eskalierte der Streit in Österreich um Otto Habsburg: Er selbst strebte beharrlich seine Rückkehr an, gab aber die von der Republik geforderte Verzichtserklärung erst am 31. Mai 1961 ab.

Zu diesem Zeitpunkt war Habsburg schon längst Spielball der österreichischen Innenpolitik. Die ÖVP wertete seinen Verzicht auf Herrschaftsansprüche letztlich als ausreichend. Seine Beziehungen zu ÖVP-Politikern beschrieb Otto Habsburg so: "Mit Figl waren sie ganz bestimmt sehr gut, mit Raab bis zu einem ziemlich weitgehenden Ausmaß. Später ist dann Mock dazugekommen, der in der Europa-Politik ja Entscheidendes für Österreich getan hat."

Die SPÖ wandte sich scharf gegen den letzten Kaisersohn - und schmiedete 1963 im Nationalrat trotz Koalition mit der ÖVP eine Allianz mit der oppositionellen FPÖ. Die Große Koalition ÖVP/SPÖ stand am Rande des Bruchs. Zugleich wurde dies zum Vorspiel für eine SPÖ-FPÖ-Allianz in der Zeit der Minderheitsregierung unter Bundeskanzler Bruno Kreisky 1970-1971, als dieser auf FPÖ-Stimmen im Parlament angewiesen war. Als Otto Habsburg am 31. Oktober 1966 erstmals wieder nach Österreich einreisen durfte, mobilisierten SPÖ und ÖGB Großproteste. Habsburg im Rückblick: "Es war nicht sehr schön, was da geschehen ist. Aber in der Politik darf man auf Dankbarkeit nicht rechnen."

Händedruck

Allerdings war längst klar, dass Otto Habsburg keinerlei Bedrohung für die Republik Österreich mehr darstellte. Der legendäre Händedruck zwischen Kanzler Kreisky und Otto Habsburg am Rande des Paneuropa-Kongresses im Mai 1972 in Wien war nur logische Folge: Er markierte das Ende der hochbrisanten innenpolitischen Auseinandersetzungen um die Person Otto Habsburg. Danach stellte sich im Habsburger-Streit Ermattung ein. Das Begräbnis für Kaiser-Witwe Zita 1989 in Wien wurde zum historischen Erinnerungs-Event.

Otto Habsburg äußerte sich seitdem meist nur wohlwollend: Er sah sich "mit Österreich ausgesöhnt". 1978 nahm er neben der österreichischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft an. Für die bayerische CSU zog er von 1979 bis 1999 in das Europa-Parlament ein. Dass Otto Habsburgs Verhältnis zu Österreich dennoch problematisch blieb, zeigte sich 2008: In seiner Rede bei einer Gedenkveranstaltung im Parlament zum März 1938 meinte er offenbar im Überschwang der Gefühle, es gebe "keinen Staat in Europa, der mehr Recht hat, sich als Opfer zu bezeichnen, als es Österreich gewesen ist".

Otto Habsburg hatte nicht bedacht, dass die Republik Österreich nach heftigem Ringen endlich zur Erkenntnis gefunden hatte, Österreich sei nicht nur Opfer, sondern auch Mittäter der NS-Verbrechen gewesen. Heftige Proteste gegen Otto Habsburg waren die Folge - und das republikanische Österreich ging erneut auf Distanz zum letzten Kaisersohn.

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(kurier) Erstellt am

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