Karl Habsburg: "Neue Ära beginnt"

Im Interview: Karl Habsburg, seit 2007 Chef des Erzhauses
Foto: WALTER SCHWEINoeSTER FREMD/Walter Schweinoester(1)

In der "Villa Austria", wo Otto Habsburg (98) friedlich eingeschlafen ist, sprach sein Sohn Karl mit Conny Bischofberger.

Totenwache für "Seine Kaiserliche und königliche Hoheit Erzherzog Otto von Österreich, Königlicher Prinz von Ungarn" in Pöcking am Starnberger See: Die kleine St. Ulrich-Kirche ist voll; zwanzig Mitglieder der Familie haben in den ersten Reihen, gleich hinter dem Sarg, Platz genommen. Auch Karl Habsburg, den wir später über die steile Allee mit Linden und Buchen hinauf in die "Villa Austria" begleiten, wo sein Vater letzten Montag gestorben ist. Vor der Eingangstür stehen Autos mit Kennzeichen aus ganz Europa, eine hölzerne Madonna und ein in die Jahre gekommenes Kinderkarussell. Im verwunschenen Garten mit Rosenhecken und niedergebrannten Kerzen sitzt uns ein souveräner Kaiserenkel gegenüber, der sich heute weltweit um Kulturgüter in Kriegsgebieten kümmert.

Im Interview: Karl Habsburg, seit 2007 Chef des Erzhauses Foto: WALTER SCHWEINoeSTER FREMD/Walter Schweinoester(1) Im Interview: Karl Habsburg, seit 2007 Chef des Erzhauses

KURIER: Ihr Vater hat alle seine Kinder, sogar einige Enkel, um sich gehabt, als er gestorben ist. Was war das für ein Moment?

Karl Habsburg: Ich bin froh, dass sein Tod nicht überraschend gekommen ist. So konnten wir es einrichten, dass die ganze Familie da war - wie bei unserer Mutter vor einem Jahr. Der Tod ist ja zweifellos einer der intimsten Momente im Leben eines Menschen. Diesen Moment unseres Vaters, den ich ungemein geliebt, mit dem ich sehr, sehr viel Zeit verbracht habe, mit dem mich so viel verbindet, mitzuerleben, war für uns alle wunderschön.

Hat Otto Habsburg sich das gewünscht?

Das musste er sich nicht expressis verbis wünschen, das war selbstverständlich. Seit seinem Sturz haben wir uns natürlich immer um ihn gekümmert. Es gab keinen Augenblick, in dem nicht jemand von der Familie hier in Pöcking war. Da ist es dann vorteilhaft, wenn man sieben Kinder hat. - Schmunzelt.

Ihr Vater hat in einem Interview mit mir gesagt: "Der Tod ist etwas, das der liebe Gott bestimmt. Darüber mache ich mir als Christ überhaupt keine Sorgen." Beten Sie in diesen Tagen oft?

Wir sind alle katholisch erzogen. Trotzdem ist das für uns keine Erziehungsfrage, sondern eine Überzeugungsfrage. Gerade in so einem spirituellen Augenblick wie der Tod es ist, kommt das Gebet ganz natürlich. Auch in der Kirche, wo mein Vater aufgebahrt ist, wird ständig gebetet, Tag und Nacht. Mein Vater ist genau 98 Stunden aufgebahrt.

Für jedes Lebensjahr eine Stunde.

Reiner Zufall. Auch in diesen 98 Stunden ist immer jemand von der Familie bei ihm. Von überallher kommen seit Montag Menschen nach Pöcking - von Vorarlberg bis Ungarn. Schon vor der Aufbahrung waren die ersten Leute da. Das ist sehr berührend und wunderschön.

Was waren seine letzten Gedanken, die er mit Ihnen geteilt hat?

In den letzten Jahren lebte er ganz stark in dem Wissen, ein ungemein erfülltes Leben gehabt zu haben. Ein Leben mit vielen Höhen und Tiefen, mit schwierigsten Situationen, aus denen er eine Idee und Ideale entwickelt hat, die fantastisch sind.

Was bedeutet es für Sie als Chef des Hauses Habsburg, dass mit Otto Habsburg der letzte Zeitzeuge der Monarchie gestorben ist?

Mit seinem Tod beginnt eine neue Ära, das ist ganz klar. Auf der anderen Seite hat mein Vater dafür gesorgt, dass die meisten Dinge in Kontinuität fortgesetzt werden. Er hat mich über die letzten Jahre in alles eingeführt und mir erlaubt, sehr viele Dinge mit zu entscheiden. Mein Vater war ein ungemein moderner Mensch, jemand, der die Geschichte als einzige Quelle, worauf man Zukunft aufbauen kann, ganz genau gekannt hat…

Inwiefern war Otto Habsburg, den die ZEIT als "Jahrhundertmann" beschreibt, modern?

Witzigerweise in jeder Beziehung. Er war neuen Ideen stets aufgeschlossen, aber auch allen modernen Entwicklungen wie Computer oder mobile Kommunikation. Dabei hat er Dinge nie in kurzen Zeiträumen, sondern immer in ihrem historischen Kontext gesehen. Das versuche ich von ihm in diese neue Ära mitzunehmen.

Welche Rolle spielen denn die Habsburger heute noch?

Es amüsiert mich, wenn manche Leute sagen: Endlich sind die Habsburger weg vom Fenster. Dann schau ich mich in unserer Familie um und sehe von der schwedischen Abgeordneten über den ungarischen Botschafter bis hin zur georgischen Botschafterin in Berlin, dass diese Familie in ganz Europa vertreten ist, sich politisch engagiert und sehr wohl eine entsprechende Rolle spielt.

Was ist Ihre Rolle? Verkuppeln, managen und beten?

Köstlich. Ich wünschte, ich hätte diese Fähigkeiten. - Lacht. - Beten kann ich. Zu managen gibt es nicht sehr viel, und das Verkuppeln liegt mir sicher nicht.

Blicken Sie manchmal neidvoll nach Monaco oder England, zum Beispiel bei königlichen Hochzeiten?

Neid ist das letzte, das ich verspüre. Ich bin heilfroh, dass ich ein halbwegs ruhiges, unbehelligtes Leben führen, vernünftig arbeiten kann. Wenn Ihre Frage darauf abgezielt war, ob ich mich in die Monarchie zurücksehne: Das kann ich gar nicht, weil ich sie ja gar nicht miterlebt habe.

Apropos Hochzeiten: Sind die habsburgischen Familiengesetze immer noch so streng, dass das Oberhaupt der Familie gefragt werden muss?

Mein Vater hat diese Gesetze immer wieder authentisch interpretiert, die halten sich in einem managebaren Rahmen. Ich verlange sicher nicht, dass meine Erlaubnis eingeholt wird bei etwas, das ich ohnehin nicht verhindern kann. Aber Kommunikation in der Familie ist natürlich wichtig.

Also dürfte Ihre Tochter einen normalsterblichen Bürgerlichen heiraten?
Natürlich dürfte sie das. Ich könnte eh nix dagegen tun!

Aber Sie wären "not amused", stimmt's?

Ich habe damit überhaupt kein Problem. Aber natürlich freue ich mich, wenn gewisse Dimensionen der Familie erhalten bleiben.

Wachsen Ihre Kinder noch im Bewusstsein auf, Erzherzöge und Erzherzoginnen zu sein?

Sie wachsen im Bewusstsein auf, in einer historischen Tradition zu stehen. Wenn ich mit ihnen in Spanien oder Kroatien unterwegs bin, dann weise ich sie natürlich auf die Verbindungen unserer Familie zu diesen Ländern hin. Das ist wichtiger als irgendwelche Standesdünkel zu entwickeln. Auch Titel sind nicht wichtig. Das Selbstbewusstsein kommt, wenn man die historische Dimension begriffen hat, von selbst. Deshalb kümmere ich mich selber um den Geschichtsunterricht meiner Kinder. Und ich bin ein manischer Bibliophiler.

Ihr Vater war ein leidenschaftlicher Europäer. Er hat einmal gesagt: "Europa muss wachsen wie ein Baum, nicht wie ein Wolkenkratzer". Ist gerade angesichts der Krise in Griechenland alles viel zu schnell gegangen?

Es hat Fehlentwicklungen gegeben, und manches ist tatsächlich zu schnell gegangen. Mein Vater war stets Kritiker der ersten Stunde, wenn etwas falsch gelaufen ist. Gerade mit Griechenland ist sicher sehr vieles falsch gelaufen. Mein Vater hat mit dem Wachsen jedoch nicht das wirtschaftliche Wachstum gemeint. Er wollte die geographische Dimension Europas ausweiten. Je weiter die Grenze der Freiheit gezogen wird, umso sicherer wird dieses Europa, hat er immer wieder gesagt. Für ihn war die EU die Fortsetzung der Reichsidee, des habsburgischen Vielvölkerstaates.

Otto Habsburg hat im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg von der "Opferrolle Österreichs" gesprochen. War das ein historischer Fehler?

Absolut nicht. Von Zeitzeugen habe ich diesen Vorwurf auch nie gehört, nur von Leuten, die es nicht miterlebt haben. Mein Vater hatte mit vielen Menschen zu tun, die bereit waren, für Österreich zu sterben, sich zu verteidigen, einfach um die Existenz Österreichs auch in Zukunft zu gewährleisten. Aber er hat weit darüber hinausgedacht. Dass es auch viele Österreicher gab, die sich mitschuldig gemacht haben, das hat er nie verneint, aber diese Leute gab es praktisch in jedem Land.

Sie haben nichts zu korrigieren?

Sicherlich nicht.

Kommenden Samstag wird Otto Habsburg in Wien beigesetzt, mit Staatschefs und gekrönten Häuptern aus ganz Europa. Hätte er sich als bescheidener Mensch so ein pompöses Begräbnis gewünscht?

Ja und nein. Persönlich sicher nicht. Als historisch bewusster Mensch hätte er wahrscheinlich gesagt: Na gut, dann muss es halt sein, und hätte sich mit viel Würde gefügt.

Wollen auch Sie einmal in der Kapuzinergruft begraben sein?

Ich muss ehrlich sagen, darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Ob auch die nachfolgenden Generationen dort begraben sein werden, wird man sehen.

Sollte Ihr Großvater, Kaiser Karl, aus Madeira überführt werden in die Kapuzinergruft?

Jein. Prinzipiell ist das natürlich der Beisetzungsort für einen Kaiser. Auf der anderen Seite ist Madeira seine letzte Heimat gewesen und deshalb haben die Menschen dort ein gewisses Anrecht auf ihn. Entscheiden müsste das nach dem Seligsprechungsprozess die Kirche, nicht die Familie.

Das Herz Ihres Vaters kommt nach Ungarn. Entschuldigung, aber wie muss man sich das vorstellen?

Das ist eine lange Tradition, dass der Körper einbalsamiert wird und dass das Herz separat beigesetzt wird. Deswegen haben wir ja auch in der Augustinerkirche das Herzgrüftl. Nachdem mein Vater immer eine ganz spezielle Beziehung zu Ungarn hatte, war es sein Wunsch, dass sein Herz in Ungarn beigesetzt wird. Das finde ich ein sehr schönes Symbol.

Wer wird das Begräbnis bezahlen?

Es gibt sehr viele Leute, die uns unterstützen, auch mit der staatlichen Seite - Regierung, Stadt Wien - gibt es eine großartige Kooperation. Die Frage nach den Kosten halte ich, Pardon, für etwas spießig. Das Begräbnis bringt Tausende Menschen und eine große Medienaufmerksamkeit nach Österreich. Es ist also nicht so, dass es nur was kostet.

Herr Habsburg, wenn Ihr Vater uns jetzt zugehört hätte, was wäre sein Kommentar?

Ich glaube, er wäre ganz zufrieden, weil wir ja nicht nur über die Monarchie gesprochen haben, sondern auch über seine europäische Dimension. Otto von Habsburg war unendlich viel mehr als der Sohn des letzten Kaisers…

Und was war er für ein Vater?

Ein ganz starker Familienmensch. Die Urlaubszeit war zum Beispiel etwas absolut Heiliges für ihn. In meiner Erinnerung tauchen Bilder auf, wie er vor drei Jahren, bei unserem letzten Spanien-Urlaub, mit meinen Kindern im Wasser Ball gespielt und sie angespritzt hat, und das mit 95 Jahren. Die Beziehung zur Familie, zu seinen 22 Enkeln und zwei Urenkeln war ihm bis zuletzt das Allerwichtigste.

Chef des Hauses Habsburg

Im Interview: Karl Habsburg, seit 2007 Chef des Erzhauses Foto: WALTER SCHWEINoeSTER FREMD/Walter Schweinoester(1) Im Interview: Karl Habsburg, seit 2007 Chef des Erzhauses

Karriere: Geboren am 11. Jänner 1961 als ältester Sohn von Otto Habsburg und dessen Frau Regina in Starnberg, Bayern (Karl hat sechs Geschwister). Getauft auf die Namen Karl Thomas Robert Maria Franziskus Georg Bahnam. Mitglied der Paneuropa-Union seit 1974. Seit 2000 Chef und Souverän des Ordens vom Goldenen Vlies, 2007 wird Karl Chef des Hauses Habsburg. Seit 2008 Präsident von Blue Shield (Den Haag).

Familie: Verheiratet seit Jänner 1993 mit Francesca, geb. Thyssen-Bornemisza. Drei Kinder: Eleonore (17), Ferdinand Zvonimir (14), Gloria (11). Die Familie lebt in Wien und Salzburg.

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(kurier / Conny Bischofberger) Erstellt am

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