Zur mobilen Ansicht wechseln »
KURIER
Das Bühnenbild von Heike Scheele für Richard Wagners "Meistersinger" in Salzburg: Optisch ist diese Neuproduktion bestens gelungen, musikalisch bleiben leider einige Wünsche offen
Das Bühnenbild von Heike Scheele für Richard Wagners "Meistersinger" in Salzburg: Optisch ist diese Neuproduktion bestens gelungen, musikalisch bleiben leider einige Wünsche offen - Foto: APA/BARBARA GINDL

Letztes Update am 03.08.2013, 15:55

Meistersinger? Meisterspieler!. Eine famose Neuproduktion im Richard-Wagner-Jahr – aber nur szenisch.

Die geneigte Leserschaft möge verzeihen, dass an dieser Stelle zunächst einmal kurz auch von Bayreuth die Rede ist. Aber wenn die Salzburger Festspiele erstmals seit 75 Jahren wieder eine Wagner-Oper szenisch aufführen (die von Karajan gegründeten Osterfestspiele sind von dieser Zeitrechnung freilich ausgenommen), kann man gar nicht anders, als eine Brücke zur Wagner-Weihestätte zu schlagen.

Wenn man also direkt von Bayreuth kommt und das Glück hatte, dort fünf Opernpremieren in Serie mit den Dirigenten Christian Thielemann bzw. Kirill Petrenko zu erleben, ist der Beginn der Salzburger Premiere von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ schmerzhaft.

In erster Linie akustisch: Während sich in Bayreuth der Wagner-Klang fein erhebt und durch den Zuschauerraum strömt, klingt das Große Festspielhaus bei diesem Repertoire vergleichsweise vordergründig und grob – man versteht besser, warum etwa Thielemann sich weigert, im selben Jahr da wie dort eine Oper zu leiten.

In zweiter Linie dirigentisch: Daniele Gatti am Pult der Wiener Philharmoniker agiert ebenso hart, mit der Brechstange, um Differenzierung vielleicht bemüht, diese aber nur selten erreichend. Das Vorspiel ist zutiefst enttäuschend. Und am Ende, beim Preislied, schleppt er derart, dass sich der Zauber der Partitur nicht annähernd entwickelt, wie er es sollte.

Das bedeutet natürlich nicht, dass mit den Wiener Philharmonikern nicht ein grandioses Orchester im Graben säße, mit fabelhaften Streichern und betörenden Holzbläsern. Oder dass der Farbenreichtum dieses Werkes nicht auch spürbar wäre. Aber Gatti ist für die „Meistersinger“ – bei allem Bemühen – in puncto Sensibilität und Präzision nicht der Ideale.

Erstmals seit 1938

Ja, Wagner und Salzburg – ein schwieriges Thema. 1933 fand dort erstmals eine Wagner-Premiere statt: „Tristan“ unter der Leitung von Bruno Walter. 1936, ’37 und ’38 kam es zu „Meistersinger“-Aufführungen, zunächst mit Arturo Toscanini, dann mit Wilhelm Furtwängler. 1938 gab es auch „Tannhäuser“ mit Hans Knappertsbusch am Pult, danach keinen szenischen Wagner mehr.

Erst jetzt, 200 Jahre nach Wagners Geburt, wurde der selbst auferlegte Bann durch Intendant Alexander Pereira gebrochen. „Meistersinger“ sollten als Hommage an Mozart möglichst kammermusikalisch umgesetzt werden – was trotz kleinerer Besetzung orchestral nicht gelang.

Dafür versucht Regisseur Stefan Herheim ein Kammerspiel zu entwickeln. Er lässt den politischen Rucksack der Rezeptionsgeschichte – die „Meistersinger“ waren Hitlers Lieblingsoper und wurden vor jedem Reichsparteitag gespielt – weg, klammert auch das letzte Aufführungsjahr in Salzburg, 1938, aus und erzählte eine märchenhafte Geschichte, ganz zauberhaft. Hans Sachs erträumt sich die Handlung nur und schreibt sie auf. Was aus dem Libretto begründbar ist, weil da zwar Stolzing seinen Traum hatte, diesen aber Sachs erzählt, verbessern und notieren lässt: die Entstehung des Preisliedes.

Das Bühnenbild ist grandios: Die Schusterstube von Sachs, in der für jeden Aufzug auf ein anderes Möbelstück gezoomt wird, das dann, nach einer wundersamen Verwandlung, groß erscheint und die Szenerie bildet. Es wird auf einer überdimensionalen Schreibkommode gespielt oder in den Regalen.

Zeitlich ist die Handlung ins Biedermeier verlegt, die Kostüme erinnern an Bilder von Carl Spitzweg. Und immer wieder tauchen Märchenfiguren auf, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Frau Holle, das tapfere Schneiderlein etc. sowie ein vulgärer Froschkönig, der nicht nur auf einen Kuss aus ist. Herheim erweist sich als meisterhafter Puppenspieler.

Szenenbilder der Oper

 

Politisches Statement

Nur am Ende, beim Schlussmonolog des Sachs, setzt er ein politisches Statement: angesichts der Deutschtümelei verdunkelt sich die Bühne, und er deutet an, wozu Nationalismus führen kann. Die Personenführung und jene des Chores (sehr gut der Staatsopernchor) ist präzise und humorvoll, zu komödiantisch wird nur Beckmesser gezeigt, der keine tieferen Ebenen erkennen lässt. Gelungen ist, wie Herheim zeigt, dass Eva viel lieber Sachs statt Stolzing zum Mann bekommen hätte.

Nach der umstrittenen Premiere der „Entführung“ vor zehn Jahren ist Herheim jedenfalls eine triumphale Rückkehr nach Salzburg geglückt – mit einer Kehrtwende Richtung Biedermeier, die einer Flucht vor der Politik in die Kunst gleichkommt, bei der die Genialität im Detail und im Schauerlebnis liegt.

Von den Sängern bekam Michael Volle als viriler, wortdeutlicher Sachs den meisten Applaus – er ist stimmlich wie darstellerisch ein kraftvoller Gestalter und nicht der kluge, noble Mann im Hintergrund. Roberto Saccà bildet eine der Problemzonen der Aufführung. Sein Tenor ist viel zu lyrisch für den Stolzing und in den Attacken zu vibratoreich.

Markus Werba singt erfreulich schön, fast zu schön für den Beckmesser – er bleibt einige Dimensionen der Figur schuldig. Peter Sonn ist ein nicht sehr ausdrucksstarker David, Georg Zeppenfeld als Pogner der mit großem Abstand beste Meister, Monika Bohinec eine seriöse Magdalene. Über Anna Gabler als Eva würde man gern präzise urteilen – wenn man sie nur besser hören könnte. Was man vernimmt, ist traurig.

KURIER-Wertung: **** von *****

(KURIER) Erstellt am 02.08.2013, 15:51

Stichworte:



Diskussion

Kommentare aktualisieren
Bitte Javascript aktivieren!