Letztes Update am 04.05.2012, 10:39
EZB-Sitzung: Barcelona im Ausnahmezustand.
Tausende Protestanten, Tausende Polizisten, einige Minister: So das Szenario während der Ratssitzung der Zentralbank in Barcelona.
Mitten im Auge des Wirbelsturms. So müssen sich die Spitzen der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag gefühlt haben, als sie sich zur monatlichen Beratung über den Leitzins für die Eurozone zusammensetzten.
Diesmal war Barcelona Treffpunkt für EZB-Boss Mario Draghi, seine Direktoren und die Chefs der Euro-Notenbanken.
Von den Euro-Krisenländern bereitet Spanien derzeit die größten Sorgen. Und der Sparkurs im viertgrößten Euroland treibt protestierende Massen auf die Straßen.
Um die Sicherheit des EZB-Gipfels zu gewährleisten, wurden daher 8000 Polizisten mobilisiert. Hubschrauber überwachten den Luftraum.
(Bild: Sicherheitskräfte in Zivil, erkennbar an der gelben Armschleife.)
Schon am Mittwoch begann die Polizei einen einen 25 Kilometer langen Sicherheitskorridor vom Flughafen El Prat zum Hotel Arts zu errichten, wo die Delegationen des EZB-Treffens untergebracht sind.
Kurzzeitig wurde sogar das Schengen-Abkommen außer Kraft gesetzt, um Demonstranten aus dem Ausland an der Einreise zu hindern.
Die Währungshüter durften natürlich einreisen und ließen sich auch nicht aus der Ruhe bringen. Sie entschieden, den Euro-Leitzins unverändert beim Rekordtief von 1,00 Prozent zu belassen. Und auf diesem Niveau wird er wohl noch einige Zeit bleiben.
Mit Spannung wurde erwartet, ob sich EZB-Chef Draghi bei einer Pressekonferenz Hinweise auf eine weitere Geldflut entlocken lässt. Dazu ließ er sich allerdings nicht verleiten. Die Währungshüter beugten sich damit nicht den jüngst wieder laut gewordenen Rufen nach einer Lösung der Krise per Notenpresse.
Draghi zeigte sich optimistisch und ging sogar davon aus "dass sich die Wirtschaft in der Euro-Zone im Laufe des Jahres schrittweise" erholen werde.
Er erneuerte seine Forderung, die Regierungen müssten im Kampf gegen die Krise ehrgeiziger sein. Und er gab sich visionär. „Wir müssen einen Pfad für den Euro festlegen: Wo wollen wir in zehn Jahren sein. Eine Transferunion kann nicht der Ausgangspunkt dafür sein“, so Draghi.
Das Misstrauen der Investoren gegenüber Spanien hat zuletzt wieder zugenommen. Das von Wirtschafts- und Immobilienkrise geplagte Land steckt in der Rezession.
Mit einer Arbeitslosenrate von 24,1 Prozent ist Spanien trauriger Rekordhalter im Euroraum. Und weil ein Unglück selten allein kommt: In Argentinien und Bolivien steht die Enteignung spanischer Konzerne bevor.
(kurier/Christine Klafl, js)
Erstellt am 04.05.2012, 10:05