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KURIER

Letztes Update am 26.06.2012, 12:06

Prandelli pilgerte nächtens ins Kloster. Italiens Fußball-Seele ist nach dem Aufstieg ins EM-Halbfinale wieder im Lot. Für den Coach gibt's Applaus.

Sie wären keine Italiener, würden sie all die Ereignisse des Vorabends mit stillem Genuss in sich hineinfressen. Nein, die Freude muss mitgeteilt werden. Und es geschieht, was nur selten passiert: Italiens Journalisten applaudieren. Beifall für ihren Freudenspender, Trainer Cesare Prandelli, als dieser im Casa Azzuri in Krakau die Bühne betritt.

Die Stimmung im Raum drückt es aus: Italiens Fußball-Seele ist wieder im Lot. Zügig gekrochen aus dem Sumpf der Manipulation im eigenen Land, gewachsen von einem im Vorfeld der EURO unterschätzten Team zum Halbfinalisten mit sehr ernst zu nehmenden Titelchancen. Zwei Jahre nach dem peinlichen WM-Desaster in Südafrika unter Marcello Lippi scheint auch der Himmel über Polen im satten Azurblau zu erstrahlen.

Deutschland, der Top-Favorit wartet am Donnerstag in Warschau.

Ein glückliches Lächeln verleiht Prandellis Zufriedenheit Ausdruck. Aber er wirkt müde nach der Elfer-Lotterie gegen England. Die Anstrengung zehrte an seinen Nerven, an den Kräften seiner Spieler. Das Problem liegt auf der Hand.

Kritik

"Deutschland hat zwei Tage länger Pause. Damit muss sich die UEFA für die nächste EM beschäftigen", meint der Trainer. Ja, man sollte das Turnier verlängern, um nicht ein Endspiel zu bekommen, dem die große Klasse fehlt.

Eine kritische Wortmeldung zum Thema, aber keine Ausrede. Man müsse jedenfalls rasch aufhören, zu feiern. "Denn ich bin sicher, dass wir die Deutschen mit unseren eigenen taktischen Ideen in Schwierigkeiten bringen können." Prandelli sagt es, schweigt aber über Einzelheiten. Ja, jeder Gegner habe Schwächen, auch die Deutschen.

Der Teamchef will weiter auf angriffslustige Spielweise bauen.

Unter der Führung von Regisseur Andrea Pirlo, den Prandelli als einen der besten Mittelfeldspieler der Welt bezeichnet. Von anderen unterscheide ihn, dass er seine Leistungen mit verlässlicher Kontinuität erbringe.

Neben Pirlos Qualitäten setzt Prandelli mit Vorliebe auf Hilfe von oben. Nach der Rückkehr aus Kiew um vier Uhr früh wanderte der 54-Jährige mit seinem gesamten Trainerteam elf Kilometer weit zum Kloster der Camaldolesi. Der dortigen Bruderschaft hatte er schon kurz nach der Ankunft in Polen erklärt: "Wenn wir die Vorrunde überstehen, kommen wir zu Fuß zu euch."

Prandelli wirkt tatsächlich müde. Kein Wunder.

(kurier) Erstellt am 26.06.2012, 11:55

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