Mode-Gott der Oper

Jahrzehntelang entwarf er für sein Modehaus Haute Couture. Jetzt kreiert er Kostüme für die Opernhäuser dieser Welt - auch für Wien.

Im Alter von neun Jahren zeigte der kleine Christian Lacroix im Unterricht auf und bat seine Lehrerin, früher nach Hause gehen zu dürfen. An jenem Tag wurde die Hochzeit von Prinzessin Margaret im Fernsehen übertragen und das Großereignis wollte er nicht verpassen. Sie ließ ihn ziehen und beim ersten Blick auf die royale Braut fiel sein Urteil: das Kleid ist schrecklich. Jahre später avancierte der Kunsthistoriker zu einem der bekanntesten Modeschöpfer des 20. Jahrhunderts und Prinzessin Margaret zählt zum treuen Klientel. Derzeit wird im Theater an der Wien Georg Friedrich Händels Oper „Radamisto“ aufgeführt. Der einst gefeierte Designer Christian Lacroix zeichnet für die Kostüme verantwortlich. Die Welt der Mode hat er längst hinter sich gelassen: „ Es war eine spannende Zeit, aber mein Herzblut hing nie an der Haute Couture. Ich war ein kleiner Junge, als mein Großvater, ein Dandy, mir etwas Wichtiges mit auf den Weg gab: Man sollte immer feinen Zwirn tragen, Kleidung ist ein Ausdruck, Kleider müssen Kostüm sein.“ Lacroix schwelgt gern in Erinnerungen, beobachtet sein Umfeld, bleibt dabei lieber im Hintergrund. Er will weder beklatscht werden, noch Tratsch und Klatsch lesen. Schon als Kind schmökerte er in den Magazinen seiner Großmutter und zeichnete Schnitte und Formen nach: „Mein Handwerkszeug sind mein Stift, meine Finger und Papier. Mit 60 Jahren war es an der Zeit, meine Berufung zum Beruf zu machen. Als Kostümbildner bin ich angekommen.“ Rückblickend ist sein Werdegang wenig überraschend. Schon als Modeschöpfer entwarf er dramatische Gewänder, ein Portfolio der letzten drei Jahrhunderte. Ob Spitzenroben in Anlehnung an Marie Antoinette, die opulenten Ballonröcke „Le Pouf“ oder Schnürschuhe im Stil der Belle Epoque: „Ich bin ein Recycling-Virtuose.“ Beim KURIER-Interview wirkt der Visionär entspannt, besonnen und zufrieden. Obwohl er für das Gespräch die Kostümprobe unterbrochen hat, Mitarbeiter auf seine Expertise warten und in knapp zwei Stunden sein Flieger nach Paris geht. Er hat Vertrauen in sein Team, ist ein unerschrockener Optimist: „Ich glaube nicht an Zufälle. Man muss immer nach dem Unmöglichen streben, wenn auch in kleinen Schritten. Der beste Antrieb ist die Neugier.“ Und dieser folgte er schon immer. Etwa 1992, als er mit seinem Modehaus für Furore sorgte und sogar den Cover des Time Magazins zierte, beschloss er fremd zu gehen. In einem Theater in Florida inszenierte der damalige Direktor Michail Baryschnikow ein Ballett und engagierte Lacroix für die Kostüme. Das Publikum war geschockt über die gewagten Kreationen, Baryschnikow streute ihm Rosen: „Christian Lacroix ist die Belle Epoque.“ Ein echtes Kompliment, schließlich hatte er Kunstgeschichte aus Leidenschaft für diese Epoche studiert – in seiner Doktorarbeit widmete er sich der „Kleidung in Gemälden des 17. Jahrhunderts“. Mittlerweile pendelt er mit seinen Kreationen nicht mehr von Laufsteg zu Laufsteg, sondern präsentiert sie auf den großen Bühnen dieser Welt – der Pariser Oper, des Brüsseler Opernhauses, der Wiener Staatsoper, oder dem Theater an der Wien. Für die dramatische Oper Radamisto ließ er sich etwas Besonderes einfallen. Die tristen Bühnen-Outfits, fast ausschließlich in Schwarz gehalten, beeindrucken durch die besonderen Stoffe. Die Roben wurden aus Tyvek gemacht – ein Material, das Papier gleicht, nur fester und robuster ist und meist für Schutzbekleidung verwendet wird. Doris Maria Aigner, die Leiterin für „Kostüm und Maske“ der Vereinigten Bühnen Wien, ist stolz auf das Ergebnis: „Ein Kostüm ist immer Ausdruck der Geschichte. Lacroix ist ein ernst zu nehmender Kostümbildner, aber auch ein Teamplayer und dieses Zusammenspiel ist wichtig für den Erfolg der Produktion.“ Stolz ist auch Françoise Rosenthiel, seit den 70er-Jahren die Frau an seiner Seite, seine Muse und seine Kritikerin.
(KURIER) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?