Propst Maximilian über Gott

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Foto: KURIER/Jeff Mangione

Maximilian Fürnsinn war einst Fleischer und ist heute Propst von Stift Herzogenburg.

freizeit: Propst Maximilian, beim Anblick Ihres Kreuzes drängt sich die erste Frage auf: Soll ein Kreuz in Schulklassen hängen dürfen, in denen weniger als 50 Prozent der Kinder Christen sind?

Propst Maximilian: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es eine bestimmte Anzahl von Religionen in unserem Land gibt. Man sollte aber nicht das Kreuz als Symbol abnehmen, weil es in einer Klasse Muslime gibt.

Eine Mutter hat kürzlich genau das durchgesetzt. Was schlagen Sie vor?

Mein Vorschlag wäre, dass die Zeichen aller Religionen, die es in einer Klasse gibt, vorhanden sind. Junge Menschen sollen sich mit ihren religiösen Zeichen identifizieren können. Es geht um das Einschließen und nicht das Ausschließen. Jeder soll sich mit den Zeichen des anderen auseinandersetzen. Nur so kann respektvoller Umgang und Integration entstehen.

Die Zahl der Katholiken ist in Österreich auf 63 Prozent gesunken. Welche Gefühle löst das in Ihnen aus?

Die Zahl der Kirchenaustritte ist beachtlich. Trotzdem ist Religion in Österreich nicht zu vernachlässigen. Zu den 63 Prozent Katholiken muss man auch die evangelischen und die altorientalischen orthodoxen Christen zählen. Mit den gläubigen Muslimen kommen wir sicher auf 85 Prozent der Österreicher, die einer religiösen Gemeinschaft angehören. Oft wird der Eindruck vermittelt, als würde die Kirche zerbröseln. Dabei ist die Zahl der Katholiken in den letzten Jahren weltweit von einer auf 1,2 Milliarden gestiegen.

Allerdings nicht in Europa.

Es betrifft vor allem den afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Raum, wo 40 Prozent aller Katholiken leben und Papst Franziskus herkommt.

… Foto: KURIER/Jeff Mangione Vielen Menschen gefällt am neuen Papst seine Bescheidenheit, etwas, was der Kirche oft abgesprochen wird.

Seine Botschaft, die Armen nicht zu vergessen, ist etwas ganz Entscheidendes. Aber überlegen Sie, wie viel Sozialeinrichtungen Orden haben. Es wird oft so getan, als hätte die Caritas mit der Kirche nichts zu tun. Aber sie ist eine Leistung der Kirche. Ich würde mir wünschen, andere gesellschaftliche Institutionen würden sich karitativ so betätigen, wie es die Kirche macht. Die würden schön schauen. Das ist ein verzerrtes Bild.

Wie sieht das zurechtgerückte Bild aus?

Die Kirche ist eine der größten Kulturanbieter. Es gibt mehr Gäste in Klöstern als bei Sportveranstaltungen. Wir bieten viel – von Gesprächsforen bis zur Einkehr. Die Liste ist lang. Wir in Herzogenburg veranstalten das größte Kinderfest Österreichs. Jedes Jahr sind am Ende der Ferien 18.000 Kinder bei uns zu Gast. Wir stellen von den Gärten bis zu den Sälen alles zur Verfügung. Bei dem Fest ist die Strahlkraft alter Gebäude extrem spürbar. Es ist schön, dass sich gerade die Jüngsten in den alten Mauern wohl fühlen.

Die Strahlkraft zieht auch Pilger an. Ihr Stift liegt am österreichischen Jakobsweg. Auf dem spanischen wurden 2012 192.000 Menschen gezählt. Merken Sie etwas von dem Boom?

Wir haben jede Woche Pilger. Erst kürzlich waren zwei Pilger mit Eseln hier, auf denen sie ihr Gepäck geladen hatten. Die Esel haben dann bei uns im Garten gegrast. Wir hatten unlängst auch einen Japaner, der kein Christ und trotzdem beim Chorgebet dabei war. Es tröpfelt so dahin. Bei uns kostet das auch nichts. Wir nehmen die Leute zum Chorgebet mit, und sie dürfen bei uns essen. Das ist unser Beitrag zur neuen Pilgerbewegung.

Stört es Sie nicht, das Pilgern heutzutage als Lifestyle gilt und nicht nur religiöse Motive hat?

Mein Gott, unsere Motive sind immer gemischt und nicht nur edel, wenn man Entscheidungen trifft. So ist der Mensch. Im Grunde verbirgt sich hinter solchen Unterfangen bei fast jedem eine Suche. Gehen macht frei. Man sucht Entschleunigung und Rastplätze. Deshalb sind Klöster auf dem Weg sehr wichtig.

Sie haben einmal in einem Interview von der Rhythmisierung der Zeit gesprochen. Was genau meinen Sie damit?

Klöster haben über fast ein Jahrtausend gelernt, dass man allen Dingen im Leben ihre Zeit geben sollte. Das fängt in der Früh an, wenn wir gemeinsam beten, meditieren und den Gottesdienst feiern. Wir haben einen Wechsel von Arbeit, Meditation, Besinnung, Erholung und Gemeinschaft, eine Rhythmus, der das Atem holen zulässt. Bernhard von Clairvaux hatte einen wunderbaren Satz dafür und hat gesagt: „Gönne dir dein Leben.“

Für viele Menschen ist so ein Rhythmus aber nicht machbar.

Mir ist klar, dass sich die Arbeitsprozesse in der Gesellschaft verändert haben und wir im Kloster privilegiert sind. Aber ich glaube, dass viele Menschen auf der Flucht sind. Sie halten die Langsamkeit nicht mehr aus. Der moderne Mensch hat es schon morgens eilig, dann ist er oft zehn Stunden im Job, hat keine Zeit zum Essen, ist ständig online und kommt abends müde heim. Dort wartet dann der Haushalt oder die Familie. Und selbst in der Freizeit sind manche drauf aus ein Programm zu haben. Jetzt muss ich was erleben, heißt es dann oft.

Was wär ein Weg, um aus dem Hamsterrad zu kommen?

Ein paar Pausen kann sich jeder einbauen und sich für den Anfang Zeit fürs Essen nehmen. Das passiert leider immer öfter nebenher. Der Kirche wird oft Körperfeindlichkeit vorgeworfen, aber das ist eine neue Form der Körperfeindlichkeit. Ein Körper darf heutzutage auch oft nicht mehr sein, wie er ist. Klar, muss es Grenzen geben, sonst explodiert man. Aber es ist körperfeindlich, wenn man sieht, wie sehr sich Menschen für ihre Figur quälen.

Sie haben vorhin von Meditation gesprochen. Wie meditieren Sie?

Das Eine ist die geistliche Lesung. Da geht es um geistige Nahrungszufuhr – nicht viele Seiten, nur ein paar Gedanken. Die belässt man bei sich und käut sie immer wieder, bis sie sich im Geist einprägen und man daraus vielleicht sein Leben gestalten kann. In der Sprache der Mönche nennt man das Remuneration. Die andere Form der Meditation ist das stille Gebet. Das gehört zu den schwierigsten Dingen des Lebens überhaupt.

Können Sie das erklären?

Der Philosoph Søren Kierkegaard sagte schon: „Ich meinte erst, Beten sei Reden.“ Dann dachte er, Beten sei schweigen und kam über das Stillwerden und Hören auf die Erkenntnis, dass Beten warten ist, bis man Gott sprechen hört. Das darf nicht als Stimme geschehen, sonst wird es gefährlich. Gemeint ist das Warten, um seine eigene Mitte zu hören. Es geht darum, von der Peripherie des Lebens, wo wir uns meistens aufhalten, in die eigene Mitte zurückzukehren. Das ist schwer.

Lifestyle-Menschen besuchen Yoga-

Retreats in Asien, um ihre Mitte zu finden. Eigentlich könnten sie das im Kloster

daheim auch lernen.

Und sie hätten sogar noch die positive Antwort einer Religion, die sagt: „Gott begegnet dir, du darfst wissen, er ist da“, was ich unter Anführungszeichen setze. Im Yoga geht es darum, so lange leer zu werden, bis man vor dem Nichts steht. Wir sagen: Du stehst vor der Fülle, auch wenn du sie nicht festhalten kannst.

Warum setzen Sie „Gott ist da“

unter Anführungszeichen?

Gotteserfahrungen dauern immer nur Bruchteile von Sekunden. Die kann man auch mitten im Stress erfahren. Zum Beispiel, wenn ich beim Blick aus dem Fenster die Felder sehe, die langsam gelb werden. Dann denke ich mir: Ach Gott, ist das schön. Es geschieht nicht in jedem Augenblick. Aber immer, wenn Sie sich sagen ‚Das ist es‘, dürfen sie darauf vertrauen, dass sie Gott angerührt hat.

Sie waren in Ihrer Jugend einer der besten Fleischer Niederösterreichs. Haben Sie in dem Beruf etwas gelernt, wovon sie heute als Propst noch profitieren?

Ich komme aus einer Zeit, in der man als Kind im eigenen Haus sehr geprägt wurde. Da habe ich gelernt, verlässlich, pünktlich und freundlich zu sein. Während der Lehre habe ich gelernt, gewissenhaft zu arbeiten und nur das auszugeben, was man im Ladl hat. Von diesem einfachen wirtschaftlichen Prinzip profitiere ich heute als Propst.

Ihr Vater war dagegen, dass Sie Priester werden. Wie konnten Sie sich dennoch durchsetzen?

Wenn dich etwas fasziniert und anzieht, gehst du deinen Weg. Komme, was wolle. Natürlich hatte ich Krisen und Selbstzweifel. Vor Menschen, die keine Selbstzweifel haben, fürchte ich mich. Das sind entweder Fundamentalisten oder Rabiate. Menschen mit Selbstzweifel nehmen Klärungen in ihrem Leben vor. Und das ist gut.

Weil es gerade aktuell ist: Dan Brown, der es in seinen Romanen mit der Kirche nicht immer gut meint, hat vor Kurzem sein neues Buch „Inferno“ veröffentlicht.

Beobachten Sie das?

Ich möchte mich gar nicht so sehr damit auseinandersetzen. Ich glaube, den Menschen gefallen diese Bücher deshalb, weil es immer um ein verborgenes Geheimnis geht. Aber dieser Generalverdacht von Kirche und religiösen Gemeinschaften ist so ein Blödsinn. Wer es lesen will, soll es lesen.

(kurier freizeit am Samstag) Erstellt am
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