Artgerechte Menschenhaltung

Interview Franz Wuketits
Foto: RGE-PRESS/ECKHARTER /Eckharter Rainer Guido Tartarotti im Gespräch mit Franz Wuketits

Der Philosoph und Biologe Franz M. Wuketits über die „nicht artgerechte Menschenhaltung“: Massengesellschaft, Tempowahn und Überregulierung überfordern uns.

KURIER: Überraschenderweise ist die Welt doch nicht untergegangen. Was reizt die Menschen so an diesem Thema?
Franz M. Wuketits: Alles Ungewöhnliche, alles Schreckliche, Dämonische fasziniert die Menschen. Der Weltuntergang hat auch eine entlastende Funktion. Nach dem Motto: Jetzt ist bald alles vorbei – aber danach geht’s besser. Oft kommen uns kleine Weltuntergänge – eine Schneeverwehung zum Beispiel – durchaus gelegen, weil wir dann etwa einen unangenehmen Termin verpassen.

Viele erwarten jetzt eine Art kosmischen Neuanfang. Offenbar fühlen sich viele Menschen nicht wohl in ihrem Leben.
Der Mensch ist zu Recht oft unzufrieden mit seiner Situation. Es kann nur besser werden – aber zuerst muss das Alte untergehen.

Das Neueste Ihrer Bücher trägt den provokanten Titel „Zivilisation in der Sackgasse – Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung“. Inwiefern werden wir nicht artgerecht gehalten?
Wir sind geborene Kleingruppenlebewesen und leben heute in anonymen Massengesellschaften, die uns überfordern. Zweiter Punkt: Wir erleben eine zunehmende Überregulierung. Jeder Schritt wird reguliert, links stehen bleiben, rechts gehen ... Drittens: Der Geschwindigkeitswahnsinn – alles muss immer schneller gehen. Vermassung, Überregulierung, Geschwindigkeit – das entspricht nicht unserer Art. Darauf sind wir nicht vorbereitet.

Was kann der Einzelne tun?
Er kann sich immer wieder zurückziehen. Wir alle brauchen Gesellschaft, keiner will das fünfte Rad am Wagen sein, aber es gibt auch sozialen Überdruck. Wir brauchen die Balance! Der Einzelne kann sich verweigern, was die Geschwindigkeit betrifft. Sie müssen nicht eMails binnen fünf Minuten beantworten. Man muss nicht innerhalb einer Stunde in Graz sein. Der einzelne kann sich auch über den Konsum verweigern. Die neuen Bahnhöfe laden nicht mehr zum Verweilen ein, sondern nur noch zum „Coffee to go“: Nimm den Kaffee, bezahl ihn und schleich dich, im Klartext. Ich weigere mich, dort Kaffee zu kaufen.

Wir leben aber in einer prekärer werdenden Arbeitswelt, wo Tempo gefragt ist.
Interview Franz Wuketits Foto: RGE-PRESS/ECKHARTER /Eckharter Rainer Stimm das auch? Oft liegt ja in der Langsamkeit des Rätsels Lösung. Mit zunehmender Geschwindigkeit steigt ja die Fehlerquote. Wenn man kleine Kinder beobachtet, die noch Zeit haben, wenn man sie lässt: Die können sich stundenlang mit etwas beschäftigen. Die Kinder soll man in Ruhe lassen!

Dabei ist doch das Angebot an Ablenkung intensiver denn je – zu Weihnachten wurden Millionen von Computerspielen an Kinder verschenkt.
Das ist der vierte Punkt zum Thema nicht artgerechte Menschenhaltung: Die Reizüberflutung. Man kann den Kindern aber auch andere Wege zeigen – zum Beispiel, indem man sie zum Lesen animiert. Das geht ganz leicht. Kinder sind ja immer bestrebt, etwas Originelles zu tun, sich abzugrenzen. Wir wollen ja alle Individualität – und das sollte man fördern, von der Kindheit an.

Stichwort Überregulierung. Woher kommt die?
Es geht darum, Kontrolle über das Individuum auszuüben. Der Einzelne lässt sich gerne verleiten, da mitzumachen, weil er keine Verantwortung übernehmen muss. Alles nach Vorschrift! Natürlich nimmt das skurrile Ausmaße an, wenn etwa an Rolltreppen Hinweise zu deren Benutzung angebracht sind.

Oder die Durchsagen in der U-Bahn: „Seien Sie achtsam! Zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Türe ist ein Spalt.“
Ja, bitte, das wissen wir doch! Wir haben als Menschheit nun etwa fünf Millionen Jahre überlebt, offenbar haben wir nicht alles falsch gemacht. Wenn man schon Kindern alles vorgibt – wie sollen die lernen, wie man sich durchs Leben manövriert? Etwas Eigenverantwortung, etwas Eigeninitiative, etwas Risiko muss man schon auf sich nehmen dürfen!

In den USA gibt es auf Chipspackungen den Hinweis, dass die Packung nicht essbar ist.
Sicherheitswahn! Das könnte man als fünften Punkt anführen. Gleichzeitig wird die Sprache immer neutraler. In der Straßenbahn wird nicht mehr gebeten, die Sitzplätze älteren oder behinderten Menschen zu überlassen – sondern ANDEREN Menschen. Es gibt keine Behinderten und Alten mehr, die Sprache eliminiert das Unangenehme.

Dabei leben wir heute vergleichsweise sicherer denn je.
Meine Generation – ich bin jetzt 58 – dürfte es ja eigentlich gar nicht geben. Es gab die längste Zeit keine Helmpflicht, keine Gurtenpflicht, keine Kindersitze, keine Rauchverbote. Trotzdem leben wir immer noch. In den Achtzigerjahren gab es viele Terroranschläge – aber die Menschen sind damit gelassener umgegangen. Kein Mensch kam deshalb auf die Idee, überall Überwachungskameras aufzustellen. Man hat nicht überreagiert.

Ängste sind ja oft nicht logisch.
Wir Menschen haben ein verzerrtes Risikobewusstsein. Wir wissen, dass das größte Unfallrisiko im Haushalt besteht, dennoch haben wir keine Angst, uns einen Kaffee zu machen. Ich kenne niemanden, der Angst hat, mit dem Fahrrad auf die Straße zu fahren, aber ich kenne Menschen mit Flugangst! Obwohl Fliegen objektiv gesehen die sicherste Art der Fortbewegung ist.

Warum fürchten wir uns so gerne?
Wir haben Urängste, die befriedigt werden wollen. Nachdem uns die alten Ängste jedoch abhanden kommen – niemand bei uns braucht sich sich davor zu fürchten, dass ihn ein Löwe auffressen wird – brauchen wir etwas anderes, um uns zu fürchten. Unser Gehirn ist in der Steinzeit geblieben!

Wie kommen wir in die Gegenwart?
Wir haben einen steinigen Weg zurückgelegt seit der Steinzeit, waren die längste Zeit Jäger und Sammler und sind nach wie vor davon geprägt – und jetzt sollen wir plötzlich mit Autos und Motorrädern sicher herumbrausen, uns an das Tempo des Online-Zeitalters anpassen, mit Milliarden-Beträgen umgehen können usw. Ich behaupte: Nicht der Mensch soll sich an die Zivilisation anpassen – wir sollen die Zivilisation an uns anpassen! Leiser treten, langsamer, mehr Ruhe!

Es gibt das berühmte Milgram-Experiment – offenbar ist ein gewisser Prozentsatz von Menschen bereit, andere zu quälen, wenn man es ihnen anordnet.
Ein ähnliches Beispiel ist der „Schulklassen-Effekt“. Wir haben uns in der Schule einmal verschworen, die ganze Klasse, wir machen die Mathematik-Schularbeit nicht mit. Dann kam der Lehrer mit den Heften. Zuerst hat sich niemand gerührt. Aber dann begann der Erste mit dem Schreiben, danach der Zweite und schließlich fast alle – durchgehalten haben nur zwei. Es ist also nicht leicht, sich einem Konformitätsdruck zu entziehen.

... Angenommen, es ist Krieg ...
... und keiner geht hin, genau. Wir müssen gar nicht so weit gehen und über Krieg sprechen. Alle Menschen regen sich auf über die Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln. Ja, bitte: Dann kaufen wir doch alle einen Tag lang nicht ein! Keiner wird deshalb verhungern. Dann müssten sich die Supermärkte etwas überlegen! Das wäre für den Handel dramatisch.

Derzeit ist Hochkonjunktur für Wahrsager, Astrologen und Scharlatane.
Konrad Lorenz sagte einmal, es ist das Privileg der Menschen, beliebig Unsinn zu schwatzen.

Weil wir uns einreden, es ist Umbruchszeit.
Jede Zeit war eine Umbruchszeit, wenn man es genau nimmt. Jede! Menschen verschiedener Zeitalter mögen gedacht haben, dass sie sich inmitten eines Umbruchs befinden. Wir sehen gern, was wir sehen wollen. Die objektive Realität spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Was sagen beispielsweise Statistiken? Im Burgenland ist mit der Zahl der Störche die Geburtenrate beim Menschen gesunken. Was soll man davon halten?

Zur Person

Wissenschaft mit Witz und Provokation

Der Philosophie- und Biologie-Professor und Buchautor Franz M. Wuketits

Franz Manfred Wuketits kam heute vor 58 Jahren in Parndorf im Burgenland zur Welt. Er studierte Philosophie, Paläontologie, Zoologie und Wissenschaftstheorie an der Universität Wien. Seit 1980 lehrt er dort und an anderen Universitäten in Österreich und ganz Europa.

Wuketits’ Themen sind Evolution und Ethik: Wie zivilisiert sind wir – und wie stark ist der alte Steinzeitaffe in uns? Wuketits schreibt unermüdlich Bücher, in denen er – ähnlich wie der von ihm sehr geschätzte Paul Watzlawick – provokante Fragestellungen mit viel Humor bearbeitet. Sein jüngstes Buch „Zivilisation in der Sackgasse. Plädoyer für die artgerechte Menschenhaltung“ (Mankau-Vertag) formuliert die These, dass der Mensch mit den Anforderungen der modernen Welt völlig überfordert sei. Andere bekannte Buchtitel: „Katastrophen und die Lust auf Weltuntergänge“, „Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion“, „Warum uns das Böse fasziniert“ oder „Der Affe in uns“.

Wuketits wird von seinen Studenten ganz besonders geschätzt, seine Vorlesungen haben oft Kabarett-Qualität. Wuketits steht für Witz und Humanismus. Durchaus ungewöhnlich für den Universitätsbetrieb: Wuketits ignoriert die Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften und legt Wert darauf, sich allgemein verständlich auszudrücken.

Video

Guido Tartarotti mit Franz M. Wuketits und Studenten

(kurier) Erstellt am
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