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Gregor Schlierenzauer feiert in Innsbruck seinen 44. Weltcupsieg.
Gregor Schlierenzauer feiert in Innsbruck seinen 44. Weltcupsieg. - Foto: APA/DANIEL KARMANN

Letztes Update am 04.01.2013, 14:03

Schlierenzauer übernimmt Tournee-Führung. Gregor Schlierenzauer siegt am Bergisel und reist als Leader zum Tournee-Finale.

Gregor Schlierenzauer war nicht mehr zu bremsen. Der Tiroler hatte kaum festen Boden unter den Füßen, da hob er auch schon wieder ab. Rund um ihn im ausverkauften Bergiselstadion da tobten die Massen und jubelten ihm zu, und Schlierenzauer flitzte wie aufgedreht durch den Auslauf und zog noch einmal eine emotionale One-Man-Show ab. Er fabrizierte Luftsprünge, er ließ die Siegerfäuste sprechen und kostete diesen stimmungsvollen Moment voll aus. "Es gibt einfach nichts Geileres", schrie Schlierenzauer in seiner Ekstase in die ORF-Mikrofone.

Austria's Schlierenzauer soars over spectators dur
'Mir ist es selten so kalt über den Buckel gelaufen.' - Foto: Reuters/KAI PFAFFENBACH
Wenn schon eine einfache Halbzeit-Führung Gregor Schlierenzauer beim Heimspringen so bewegt, wie mag der Local Hero dann erst im Augenblick des echten Erfolges auszucken, werden sich viele der 22.000 im Bergisel-Hexenkessel gefragt haben.

Antwort: Er lässt sich total gehen, schreit sich die Lust von der Seele und kostet jede Sekunde in seinem Wohnzimmer namens Bergisel aus. "Hier zu springen ist der reinste Genuss", gesteht der Stubaier, "mir ist es selten so kalt über den Buckel gelaufen."

Aufholjagd

VIERSCHANZENTOURNEE 2013 INNSBRUCK - FINALE: SCHLI
'Das war ein perfekter Sprung' - Foto: APA/BARBARA GINDL
Die Gänsehaut verlieh dem besten Adler der Gegenwart augenscheinlich Flügel. Bereits im ersten Durchgang segelte Gregor Schlierenzauer in einer eigenen Liga und seinem norwegischen Tournee-Widersacher Anders Jacobsen auf und davon. Mit dem Flug auf 131, 5 Meter – bei einer Anlaufluke weniger, was Zusatzpunkte bringt – verringerte der Österreicher den Rückstand schon im ersten Durchgang von 12,5 auf 2,4 Zähler. "Das war ein perfekter Sprung", jubelte Schlierenzauer, "der beste bisher bei dieser Tournee."

Da störte es auch nicht weiter, dass der Tiroler praktisch im Blindflug ins Rampenlicht flog. Der dichte Nebel rund um den Bergisel irritierte so manchen Springer, nicht aber den Lokalmatador vom SV Innsbruck-Bergisel, der auf seiner Haus- und Hofschanze schon mehrere Hundert Sprünge absolviert hat."Als Tiroler bin ich dieses Wetter gewöhnt."

Trendwende

Anders Jacobsen, der norwegische Triumphator der ersten beiden Tourneespringen hatte da schon mehr Probleme, den Durchblick und die Haltung zu bewahren. Er sprang im ersten Durchgang nicht nur kürzer als der dominierende Österreicher, er leistete sich auch bei der Landung einen kleinen Schönheitsfehler.

VIERSCHANZENTOURNEE 2013 INNSBRUCK - PROBESPRUNG:
Anders Jacobsen möge recht behalten: 'Innsbruck ist ausschlaggebend für die Tournee' - Foto: APA/BARBARA GINDL
Sollte sich die Prognose des Skandinaviers also doch bewahrheiten? "Innsbruck ist ausschlaggebend für die Tournee", hatte Anders Jacobsen vor dem dritten Tournee-Bewerb gemeint. Der 27-Jährige weiß, wovon er spricht. Bei seinem Tourneesieg 2006/’07 hatte er ausgerechnet mit einem Erfolg am Bergisel die Trendwende eingeleitet und Gregor Schlierenzauer noch überflügelt.

Diesmal war’s ähnlich – wenn auch mit anderen Vorzeichen. Denn während Anders Jacobsen im Finale (117,5 Meter) Nerven zeigte und auf den siebenten Platz zurückfiel, trug die Woge der Begeisterung Schlierenzauer auf 123 Meter und direkt zur Gesamtführung. Nach seinem zweiten Heimsieg am Bergisel nach 2010 – dem fünften österreichischen Heimsieg in Folge – geht der Tiroler nun als Leader und Gejagter ins Tourneefinale am Sonntag in Bischofshofen.


Bilder

Schlierenzauers Adrenalinrausch


Ergebnisse und Stände

Nach dem Springen in Innsbruck

Endstand des Springens in Innsbruck

1. Gregor Schlierenzauer AUT 131,5m / 123,0m,  253,7 Punkte
2. Kamil Stoch POL 124,5m / 123,0m, 240,9 Punkte
3. Anders Bardal NOR 125,0m / 120,0m, 235,4 Punkte
4. Severin Freund GER 125,0m / 120,5m, 234,4 Punkte
5. Peter Prevc SLO 124,0m / 121,5m, 232,3 Punkte
6. Tom Hilde NOR 121,5m / 123,0m, 230,6 Punkte
7. Anders Jacobsen NOR 127,0m / 117,5m, 230,5 Punkte
8. Lukas Hlava CZE 120,0m / 122,5m, 227,9 Punkte
9. Maciej Kot POL 121,5m / 119,0m, 226,7 Punkte
10. Martin Koch AUT 121,5m / 121,5m, 226,6 Punkte

Vierschanzen-Tournee nach drei Bewerben

1. Gregor Schlierenzauer (AUT) 827,5 Punkte
2. Anders Jacobsen (NOR) 816,8  Punkte
3. Tom Hilde (NOR) 778,3 Punkte  
4. Severin Freund (GER) 777,1  Punkte
5. Anders Bardal (NOR) 769,5 Punkte  
6. Kamil Stoch (POL) 767,0 Punkte  
7. Andreas Wellinger (GER) 745,5 Punkte  
8. Michael Neumayer (GER) 745,2 Punkte  
9. Peter Prevc (SLO) 744,7 Punkte  
10. Dmitrij Wassilijew (RUS) 741,9 Punkte  
11. Manuel Fettner (AUT) 741,2 Punkte
Weiter:
19. Wolfgang Loitzl (AUT) 602,4 Punkte  
20. Andreas Kofler (AUT) 601,3 Punkte  
22. Thomas Morgenstern (AUT) 594,0 Punkte  
35. Michael Hayböck (AUT) 462,2 Punkte  
37. Martin Koch (AUT) 453,8 Punkte  
50. Stefan Kraft (AUT) 218,9 Punkte

Gesamtweltcup nach zehn Bewerben

 1. Gregor Schlierenzauer (AUT) 708 Punkte
 2. Severin Freund (GER)        556 Punkte
 3. Anders Bardal (NOR)         430 Punkte
 4. Andreas Kofler (AUT)        416 Punkte
 5. Anders Jacobsen (NOR)       382 Punkte
 6. Andreas Wellinger (GER)     355 Punkte
 7. Richard Freitag (GER)       266 Punkte
 8. Thomas Morgenstern (AUT)    260 Punkte
 9. Tom Hilde (NOR)             249 Punkte
10. Kamil Stoch (POL)           239 Punkte
11. Jaka Hvala (SLO)            234 Punkte
12. Peter Prevc (SLO)           233 Punkte
13. Simon Ammann (SUI)          217 Punkte
14. Wolfgang Loitzl (AUT)       217 Punkte
15. Michael Neumayer (GER)      207 Punkte
    Weiter:
18. Manuel Fettner (AUT)        161
31. Martin Koch (AUT)            65
33. Michael Hayböck (AUT)        56
51. Stefan Kraft (AUT)            8


Interview

"Man braucht auch das nötige Wetterglück"

Welche Gefühle löst dieser Sieg in der heimatlichen Arena bei Ihnen aus?
Schlierenzauer:
Ein Heim-Weltcup ist etwas Spezielles, und wenn man dann die Sprünge am Punkt erwischt vor 22.000 Leuten, das ist etwas Besonderes. Ich habe es genossen, das war der absolute Adrenalinkick. Auf der Heimschanze Top-Sprünge auszupacken, da gibt es nichts Schöneres.

Welche Vorteile für sich sehen Sie beim finalen Duell mit Anders Jacobsen in Bischofshofen?
Vom Gewinnen ist noch nicht die Rede, dazu bin ich zu lange dabei. Aber es ist kein Nachteil, jetzt eine österreichische Schanze zu haben. Ich war seit Engelberg (in nun 5 Bewerben, Anm.) immer auf dem Podest, die Konstanz ist da, die Form passt. Dennoch kann immer noch etwas passieren. Man braucht auch das nötige Wetterglück, und das habe ich heute auch gehabt."

Waren Sie als Tourneesieger vor dem Heimbewerb diesmal weniger nervös?
Es war eine spezielle Situation. Ich war etwas nervös, aber nicht so wie in vergangenen Jahren. Es war ein gutes Gefühl vor dem Start. Ich hab' selbst schmunzeln müssen, weil ich so ruhig war. Ich war in der Lage, die Stimmung besser aufzusaugen, war immer im Jetzt und das ist für einen Sportler das Genialste, was es gibt. Für solche Momente arbeitet man sein ganzes Sportleben."


Hintergrund

16.600 Euro für den Tourneesieg

Langläufer kassieren deutlich mehr als die Skispringer.

Es ist nicht gerade der günstigste Zeitpunkt, Sven Hannawald nachzueifern und auf den berühmten Grand Slam loszugehen. Der Deutsche hatte bekanntlich 2001/’02 als erster und einziger Springer alle vier Tourneebewerbe gewonnen und damit Sportgeschichte geschrieben.

Noch im Vorjahr war für eine Wiederholung von Hannawalds Kunststück eine stolze Sonderprämie von einer Million Schweizer Franken ausgelobt worden, bei der aktuellen Tournee bekäme ein Grand-Slam-Sieger hingegen keinen Cent mehr als für den gewöhnlichen Tourneeerfolg, der mit 16.600 Euro – neben dem obligaten Preisgeld – auch nicht übermäßig dotiert ist.

Lohnniveau

Den Superstar wie Gregor Schlierenzauer ist das Lohnniveau der Adler schon lange ein Dorn im Auge. Vor allem seit die FIS vor drei Jahren den Verteilungsschlüssel modifiziert hat und die 60.000 Euro Preisgeld an die ersten 30 Springer ausschüttet und nicht mehr nur an die Top Ten.

"Wir sorgen für die Show und machen Werbung für den Sport und kriegen weniger. Das passt nicht", hatte sich Schlierenzauer schon mehrmals beschwert.

Tour de Ski

FIS-Renndirektor Walter Hofer, ein Landsmann von Schlierenzauer, lässt dieses Argument nur bedingt gelten. "Wir müssen auf alle Athleten schauen. Für Leute, die zwischen Platz 15 und Platz 30 kommen, sind das wichtige Einnahmen", erklärt Hofer, "die Stars haben ohnehin zusätzliche Verdienstmöglichkeiten."

Die Adler blicken derweil ein wenig neidisch auf die Langläufer, die eben bei der Tour de Ski für den Gesamtsieg 75.000 Euro erhalten. Allerdings ist deren Arbeitszeit auch deutlich länger als jene der Skispringer.


Hintergrund

Morgenstern auf Formsuche

Der letzte Sieg des Kärntners liegt bereits ein Jahr zurück.

Vor knapp einem Jahr feierte Thomas Morgenstern in Bischofshofen seinen 22. Weltcup-Sieg - es sollte bis dato sein letzter bleiben. Sportliches Erfolgserlebnisse waren seither rar, bei der Tournee lief es für den 26-Jährigen bis gar nicht nach Wunsch. Privat gab's mit der Geburt von Tochter Lilly dafür einen Höhepunkt. Doch spätestens bei der WM Ende Februar will der Olympiasieger, Weltmeister und Weltcup-Gewinner wieder an der Spitze mitmischen.
 

Heinz Kuttin, Stützpunkttrainer und eine Vertrauensperson Morgensterns, sieht den Jung-Vater auf einem guten Weg. "Thomas ist voll motiviert und steht in einem Arbeitsprozess", erklärte der Kärntner. Morgenstern habe wegen des späteren Einstiegs im Sommer Probleme mit der Umstellung auf die engeren Anzüge gehabt. "Thomas springt sehr aggressiv. Jetzt darf er nicht mehr Vollgas geben, sondern muss mehr mit Gefühl springen."

Verlorener Faden
Beim Saisonauftakt habe das auch sehr gut geklappt, danach habe Morgenstern etwas den Faden verloren und sei unsicher geworden, meinte Kuttin. "Aber er arbeitet sehr gut, ich bin überrascht, wie er das wegsteckt." Morgenstern selbst wirkt nach außen hin locker und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. "Für die Phase, in der ich jetzt stehe, läuft es ganz gut", betonte der Athlet des SV Villach. Sein erklärtes Fernziel ist Sotschi 2014. Dort will er den Olympiasieg von Turin 2006 wiederholen.

 

(KURIER) Erstellt am 04.01.2013, 14:03

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