Schlierenzauer ist Weltcup-Gesamtsieger

Gregor Schlierenzauer
Foto: AP/Martti Kainulainen Schlierenzauer behielt in Kuopio die Nerven und sicherte sich den Gesamtsieg.

Dem Tiroler reicht ein fünfter Platz in Kuopio zum Gewinn seiner zweiten großen Kristallkugel.

469 Zähler Vorsprung auf Anders Bardal, nur noch vier Einzelbewerbe stehen auf dem Programm: Gregor Schlierenzauer hat sich am Dienstag in Kuopio mit dem fünften Tagesrang zum zweiten Mal nach 2008/09 zum Gesamtweltcup-Sieger gekürt. Der 23-jährige Tiroler, der heuer u.a. mit bisher acht Saisonsiegen auch die Allzeit-Rekordmarke von Matti Nykänen (FIN) mit insgesamt 48 Weltcupsiegen ausgelöscht hat, kann damit entspannt in die restlichen Bewerbe gehen.

Poland's Kamil Stoch celebrates his victory in the Foto: Reuters/LEHTIKUVA Stoch ließ der Konkurrenz am Dienstag keine Chance. Der Tagessieg ging überlegen an Großschanzen-Weltmeister Kamil Stoch. Der Pole segelte auf 135 und 129 m und verwies den Japaner Daiki Ito um 10,9 Punkte auf Rang zwei. Weitere zwei Zähler dahinter wurde der Deutsche Severin Freund Dritter. Für Stoch war es der erste Weltcupsieg in der zu Ende gehenden Saison und sein insgesamt sechster.

Anders Bardal landete 0,2 Punkte unmittelbar vor Schlierenzauer in der Tageswertung auf Rang vier, doch die Aufholjagd war eigentlich schon im Vorfeld nur noch eine theoretische. Zu groß war der Vorsprung des seit heuer auch zweifachen Siegers der Vierschanzen-Tournee, der zuletzt zwar nicht mehr in Hochform, aber immer noch konstant genug agierte.

Gregor Schlierenzauer, der erfolgsverwöhnte "Überflieger" vergangener Jahre, ist in Turbulenzen geraten. Seit einigen Saisonen ein Suchender, ist der Tiroler in Falun fündig geworden. Silber von der Großschanze am Donnerstag war die Belohnung für harte Arbeit. Doch auch nach seiner vierten WM-Einzelmedaille ist Schlierenzauer noch nicht am Ziel. 25 Jahre ist Schlierenzauer erst alt, hinter sich hat er schon so viele Erfolge wie kaum ein anderer Wintersportler. 2006: Schlierenzauer feiert in Lillehammer den ersten Weltcupsieg 2007: Anstoßen mit Ammann auf WM-Teamgold in Sapporo 2008: Skiflug-Weltmeister in Oberstdorf 2009: Erster Sieg im Gesamtweltcup mit 19 Jahren 2010: Glanz & Gloria bei Olympia 2011: Erster Einzel-Titel bei einer nordischen WM in Oslo 2012: Erster Gesamtsieg bei der Vierschanzen-Tournee Im Team: Der ehemalige Weltklasse-Rodler Markus Prock (l.) ist Onkel und Manager in Personalunion Intim: Schon seit Jahren hat die Steirerin Sandra ihren Gregor fest im Griff Hobby: Ein Mann mit sehr gutem Geschmack Leidenschaft: Ein blendender Fotograf Jänner 2013: Zweiter Gesamtsieg bei der Vierschanzen-Tournee März 2013: Der Gewinn seiner zweiten großen Kristallkugel Ebenfalls im März 2013: 50. Weltcupsieg und dritter Triumph im Skiflug-Weltcup Februar 2014: Olympia-Silber mit dem Team in Sotschi Februar 2015: WM-Silber von der Großschanze in Falun

Sack zugemacht

"Es kann immer etwas dazwischenkommen. Man ist ja auch vor Verletzungen nicht gefeit, wie man bei Thomas Morgenstern gesehen hat. Deswegen kann man es erst sagen, wenn man die Sachen erreicht hat", zeigte sich Cheftrainer Alexander Pointner nach der Fixierung des Gesamtsiegs erleichtert. "Gregor hat mit einer sehr guten Leistung bei einem sehr schwierigen Wettkampf den Sack zugemacht, und ich möchte ihm von Herzen gratulieren."

Gregor Schlierenzauer Foto: AP/Martti Kainulainen Schlierenzauer steigerte sich im Vergleich zu Lahti. Mit kleinen Änderungen in der Anfahrtsposition hat Schlierenzauer wieder zu einem stabileren set-up gefunden. "In Lahti sind wir draufgekommen, dass wir uns im Kreis drehen", meinte Pointner. "Es geht um eine andere Anfahrtsposition auch vom Spannungsverhältnis", verriet der Tiroler. "Es war an der Zeit, dass Gregor da selbst wieder die Zügel in die Hand nimmt, und das hat sehr gut funktioniert."

Führung gerettet

Stefan Kraft als Sechster und Wolfgang Loitzl, der sich von Platz 20 auf 11 katapultierte, retteten gemeinsam mit Schlierenzauer vorerst auch die Führung im Nationencup. Die ÖSV-Mannschaft führt nun 32 Punkte vor Norwegen. "Es hat jeder gekämpft, speziell Stefan Kraft und Wolfgang Loitzl, der in Lahti krank war. Man sieht, dass es auch funktioniert, wenn einige Topspringer nicht in Form oder nicht da sind."

Mit Manuel Fettner, der hauchdünn am Einzug ins Finale gescheitert war, und dem völlig außer Form befindlichen Andreas Kofler mussten zwei der sechs ÖSV-Adler im Finale zuschauen, und Michael Hayböck verpatzte den zweiten Sprung mit 103 m.

Die Saison wird nun am Freitag mit dem zum Team stoßenden Martin Koch in Trondheim bzw. Sonntag in Oslo fortgesetzt, ehe es am Wochenende darauf beim traditionellen Saisonfinale auf der Skiflug-Schanze in Planica auch noch um die kleine Weltcup-Kristallkugel für die Skiflugwertung geht. Auch in diesem Klassement führt Schlierenzauer 98 Punkte vor Robert Kranjec (SLO).

Endstand:
1. Kamil Stoch POL 135,0/129,0 268,1
2. Daiki Ito JPN 129,0/132,0 257,2
3. Severin Freund GER 129,5/130,0 255,2
4. Anders Bardal NOR 129,0/127,5 253,7
5. Gregor Schlierenzauer AUT 128,5/128,0 253,5
6. Stefan Kraft AUT 129,5/130,5 252
7. Michael Neumayer GER 130,0/128,5 247
8. Jurij Tepes SLO 129,0/127,0 245,6
9. Tom Hilde NOR 129,0/125,0 245,3
10. Jan Matura CZE 126,5/128,5 244,8
11. Wolfgang Loitzl AUT 124,5/128,5 244,1
. Andreas Wank GER 124,0/128,0 239
30. Michael Hayböck AUT 130,5/103,0 190,9

Nicht für das Finale qualifiziert:

32. Manuel Fettner AUT 120,5 111,7
41. Andreas Kofler AUT 110,0 96,3

Weltcupstand

Interview

"Cool, dass es schon erledigt ist"

Der Tiroler will den Saisonrest genießen und noch eine kleine Kristallkugel holen.

FINLAND SKI JUMPING WORLD CUP
Foto: APA/KIMMO BRANDT

Wie groß ist die Erleichterung, wenn man die restlichen paar Punkte zum sicher scheinenden Gesamtsieg gemacht hat?
Gregor Schlierenzauer: Natürlich, alles, was fix ist und wo der Deckel drauf ist, ist immer eine Erleichterung. Speziell bei so einem Wettkampf wie heute, wo man eigentlich würfeln hätte können. Es war extrem cool, dass es jetzt schon, vier Springen vor Ende, erledigt ist.

War die Begegnung und das Basketball-Spiel mit Matti Nykänen und  Co. da am Montag eine zusätzliche Inspiration?
Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, aber ich habe mich natürlich auch gefreut, die ganzen Heroes der achtziger und neunziger Jahre zu treffen. Ja, das ist natürlich auch für mich einmal etwas Interessantes und Besonderes gewesen, es war ein netter Abend.

Haben Sie eigentlich zuletzt in der Anfahrtshocke etwas verändert?
Wir brauchen nicht reden, es ist alles so sensibel. Wenn man einmal 15. wird auf einer alten Schanze, die mir von Haus aus nie gelegen ist, dann heißt es gleich, jetzt ist das Gas heraußen, jetzt bringt er nichts mehr zusammen. Ich weiß, dass ich nach wie vor sehr gut springen kann, aber die anderen sind auch keine  Nasenbohrer. Es ist alles sehr eng beisammen, und jeder kleinste Fehler ist mit den neuen Anzügen gleich extrem.

Vier Springen stehen noch aus. Was haben Sie sich noch vorgenommen? Es geht ja u.a. noch um den Skiflug-Weltcup.
Es ist nach wie vor ein sehr großes Ziel, die kleine Kugel auch noch zu holen. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich jetzt noch zwei hoffentlich geile Wettkämpfe in meinem Lieblingsland Norwegen machen darf ('vom Springerischen her', ergänzte er, Anm.). Oslo ist sowieso noch einmal ein gewaltiges Highlight für jeden Skispringer im Mekka des nordischen Skisports. Ich kann es jetzt richtig genießen. Schauen wir, was noch alles möglich ist heuer.

Mannschaftlich gesehen ist der Kampf um den Nationencup heuer besonders spannend. Spielt das für Sie eine große Rolle?
Muss für mich fast eine große Rolle spielen, weil - das klingt vielleicht ein bisserl überheblich - aber ich bin der größte Punktelieferant bis jetzt gewesen und natürlich ist es auch für die ganze Mannschaft und die Coaches ein großes Ziel. Und ich werde meinen Teil dazu beitragen. Ich weiß aber auch, dass ich allein auch nicht viel holen kann, weil auch noch ein Team-Wettkampf in Planica ist. Speziell im Skifliegen sind die Norweger stark, da werden wir bis zum letzten Flug richtig Gas geben.

Steckbrief

Gregor Schlierenzauer (23 Jahre)

Gregor Schlierenzauer jubelt vor der Siegerehrung.
Foto: REUTERS

Geb.: 7.1.1990 in Hochrum (T)
Wohnort: Fulpmes (T)
Größe: 1,80 m/65 kg
Familienstand: ledig
Verein: SV Innsbruck-Bergisel
Hobbys: Fotografie, Musik, Kochen, Skifahren, Golf, Tennis, Poker
Homepage: http://www.gregorschlierenzauer.com

Größte Erfolge:
Olympia (1-0-2): Gold 2010 Vancouver Teambewerb, Bronze 2010 Normal- und Großschanze
WM (6-3-0): Gold Einzel 2011 Oslo Großschanze, Gold Team 2007 Sapporo, 2009 Liberec, 2011 Oslo Großschanze und Normalschanze, Gold Team 2013 Val di Fiemme, Silber Einzel 2013 Val di Fiemme Normalschanze und 2009 Liberec Normalschanze; Silber Mixed 2013 Val di Fiemme Normalschanze
Skiflug-WM (4-1-0): Gold Einzel 2008 Oberstdorf, Gold Team 2008 Oberstdorf, Planica 2010 und 2012 Vikersund, Silber Einzel 2010 Planica

Weltcup: 48 Siege (seit heuer alleiniger Rekordhalter), Gesamtsieger 2008/09 und 2012/13, Zweiter 09/10
Rekord-Saison 2008/09: 13 Siege (Rekord)/20 Podestplätze
Junioren-WM: Gold Normalschanze und Team 2006

Vierschanzen-Tournee: Gesamtsieger 2011/12 und 12/13, Gesamt-Zweiter 2006/07 - Mit 9 Tagessiegen (Oberstdorf 2006, Bischofshofen 2007, Garmisch 2008, Garmisch 2010, Innsbruck 2010, Oberstdorf 2011, Garmisch 2012, Innsbruck und Bischofshofen 2013) erfolgreichster Österreicher in Tournee-Geschichte

Der erste Weltcup-Sieg gelang dem damals 16-jährigen Gregor Schlierenzauer am 3.Dezember 2006 im norwegischen Lillehammer. Nur 13 Tage später schrieb der Jungspund auch im deutschen Engelberg an. Sieg Nummer drei gelang dem ÖSV-Adler in Oberstdorf bei seiner ersten Vierschanzentournee. Am Ende belegte er sensationell den zweiten Gesamtrang hinter Anders Jacobsen (re.). Den Schlussbewerb in Bischofshofen im Jänner 2007 konnte er abermals für sich entscheiden. Sein vierter Weltcuperfolg. Einen Monat später durfte er in Klingenthal die Arme in die Höhe reißen. Weltcupsieg Nummer fünf. Danach musste er beinahe ein Jahr warten bis er am 8. Jänner 2008 in Garmisch-Patenkirchen wieder ganz oben am Stockerl stand, um sich seinen sechsten Triumph abholen zu können. Ende Jänner feierte Schlierenzauer auf der Schanze in Zakopane Weltcupsieg Nummer sieben. In Lillehammer folgte im März des selben Jahres im Rahmen des Nordic Tournaments dann der achte Triumph in seiner jungen Karriere. Zwei Tage später sprang er in Oslo ebenfalls auf den ersten Rang. Weltcuperfolg Nummer neun. Auf der Schanze in Planica stellte Schlierenzauer erstmals seine Flugfähigkeiten unter Beweis. Nummer zehn. Einen Tag später folgte der elfte Sieg - auf der selben Schanze. Das Dutzend machte Schlieri in Trondheim voll, wo er vor dem Finnen Ville Larinto und Anders Jacobsen auf dem obersten Stockerl landete. Seinen zweiten Weltcup-Sieg in Engelberg konnte der Überflieger zu Weihnachten 2008 verbuchen, gleichzeitig war es sein 13. Weltcup-Triumph. Sein erstes Flugevent vor heimischer Kulisse gewann er erstmals 2009 am Kulm. Sein 14. Weltcupsieg. 24 Stunden später gelang dem ÖSV-Adler das Double am Kulm und sein 15. Erfolg. Seinen Zakopane-Erfolg von 2008 konnte er im Jahr darauf wiederholen. Weltcuperfolg Nummer 16. Über den großen Teich in Kanada hob der ÖSV-Adler auf der Skisprungschanze im Whistler Olympic Park Ende Jänner 2009 zum 17. Weltcuperfolg ab. Einen Tag danach konnte er auch das zweite Springen auf der Olympia-Schanze für sich entscheiden. Im japanischen Sapporo reihten sich die ÖSV-Adler Thomas Morgenstern und Wolfgang Loitzl hinter Gregor Schlierenzauer, der sich selbst mit seinem 19. Sieg beschenkte. In Willingen auf der Mühlenkopfschanze konnte er erstmals am 8.Februar 2009 gewinnen und feierte gleichzeitig seinen 20. Triumph im Weltcup. Seinen 21. Sieg sicherte er sich auf der Aschbergschanze im deutschen Klingenthal. In Finnland, genauer in Lahti, debütierte er im März 2009 auf dem obersten Stockerlplatz. Auf dem Vikersundbakken in Norwegen flog er Mitte März zu einem weiteren Erfolg auf einer Skiflugschanze, dabei holte er sich gleich Weltcupsieg Nummer 23 ab. Aus zwei mach drei: In Planica konnte er nach seinen Doppel-Erfolg von 2008 auch im Jahr danach ganz nach oben springen. Punktlandung. In Lillehammer sprang Schlierenzauer zu seinem 25. Erfolg. Beim Engelberg-Springen am 19. Dezember 2009 gelang ihm sein 26. Erfolg, dabei überholte er den ehemaligen Springer Andreas Felder in der Bestenliste und stellte einen neuen österreichischen Rekord auf. In der Saison 2008/09 purzelten die Rekorde: Mit unglaublichen 2.083 Punkten aus 27 Springen holte Schlieri sich den Gesamtweltcup. Beim Neujahrsspringen 2010 in Garmisch-Patenkirchen sicherte er sich seinen 27. Sieg im Weltcup. Auch in Innsbruck konnte er seinen Heimvorteil nutzen. Meilenstein. Mit seinem siebenten Skiflug-Sieg am 20. Jänner 2010 am Kulm machte er sich zum erfolgreichsten Flieger aller Zeiten. Vor den olympischen Spielen in Vancouver, wo er zwei Mal Bronze und einmal Gold holte, sicherte sich Schlierenzauer in Zakopane den 30. Triumph. Same same but different: Gleiche Schanze, gleiches Ergebnis, nur einen Tag später. In Willingen wurde es für Schlierenzauer knapp: Vor Anders Jacobsen und Michael Neumayer konnte er dennoch Sieg Nummer 32 feiern. Landesrekord. In Vikersund setzte der ÖSV-Adler am 12. Februar 2011 bei 243,5 Meter auf und bescherte sich neben einem neuen österreichischen Rekord auch den 33. Weltcuperfolg. Und weil es so schön war holte er sich am selben Bakken am Tag darauf noch einmal den Sieg. Bei den Nordischen-Weltmeisterschaften in Oslo sprang Schlieri im März 2011 zu drei Mal Gold. In Planica konnte er abermals die Hände in die Höhe reißen: Sein 35. Weltcup-Erfolg. Im tschechsichen Harrachov gewann er bis jetzt einmal und zwar im Dezember 2011. Auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf legte er mit seinem 37. Triumph, vor Andreas Kofler und Thomas Morgenstern, den Grundstein für seinen ersten Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee. In Garmisch-Patenkirchen sicherte er sich seinen 38. Weltcup-Erfolg und lachte am Ende in Bischofshofen von der Tournee-Spitze. In Zakopane konnte er bis heute fünf Mal gewinnen, im Vorjahr holte er sich zudem seinen 39. Sieg in Polen. Im italienischen Val die Fiemme überholte er mit seinen 40. Weltcup-Triumph den Polen Adam Malysz in der ewigen Bestenliste. Seinen vierten Weltcup-Sieg im Jahr 2012 konnte er in Lillehammer auf der Lysgårds-Schanze feiern. Schöne Aussichten: Die Generalprobe in Sochi entschied der Tiroler für sich, dabei sprang der 42. Erfolg für den 23-Jährigen heraus. Kurz vor Weihnachten machte Schlieri sich und seinen Fans ein großes Geschenk: In Engelberg hüpfte er auf den ersten Rang. Bei seinem Heimspringen in Innsbruck ließ sich Schlierenzauer von einem rot-weiß-rotem Fahnenmeer zum 44. Sieg tragen. In Bischofshofen gelang dem ÖSV-Adler die erfolgreiche Tournee-Verteidigung und gleichzeitig der 45. Weltcup-Triumph. Nach längerer Wettkampfpause konnte Schlierenzauer beim Skifliegen in Vikersund mit Matti Nykänen gleichziehen und hielt bis zum 3. Februar bei 46 Weltcupsiegen. Nach dem Sieg beim Skifliegen in Harrachov ist der Tiroler mit 47 Siegen der alleinige Rekordhalter. Und am selben Tag legte er in Harrachov beim zweiten Bewerb gleich noch einen nach - Weltcupsieg Nummer 48. Auf dem Holmenkollen in Oslo sprang er zu seinem neunten Saisonsieg, dem 49. insgesamt. Der Jubiläumssieg gelang Gregor Schlierenzauer im März 2013 beim Skifliegen in Planica.
Hintergrund

Schlierenzauer holt schon zweite große Kristallkugel

Der Ausnahmekönner sammelt seit 2006 Siege, Titel und Medaillen.

Gregor Schlierenzauer jubelt vor der Siegerehrung.
Foto: REUTERS

Gregor Schlierenzauer hat seiner Erfolgs-Liste einen weiteren Titel hinzugefügt. Nach seinem fünften Rang am Dienstag in Kuopio ist ihm der Gewinn seiner zweiten großen Kristallkugel für den Gesamt-Weltcup der Skispringer auch theoretisch nicht mehr zu nehmen. Der Sieger der Vierschanzen-Tournee hat heuer im Zuge seines Laufs im Weltcup auch die Allzeitbestmarke von Matti Nykänen verbessert und hält nun bei insgesamt 48 Weltcupsiegen.

Die große Karriere war dem Tiroler vorgezeichnet. Schlierenzauer galt schon als junger Stams-Schüler als Ausnahmetalent und er wurde den Vorschusslorbeeren vollauf gerecht. Dank perfekter körperlicher Voraussetzungen, technischer Fertigkeiten, einem ausgeprägtem Fluggefühl und optimalem Umfeld ist er als 23-Jähriger (geboren am 7.1.1990) allen Materialänderungen zum Trotz auf dem Weg zum erfolgreichsten Skispringer schon sehr weit vorangekommen. Zur "Ikone", wie er selbst einmal sagte.

Bodenständig

Der Stubaier hat sich auch als Persönlichkeit stets weiterentwickelt und trotz seiner sportlichen Höhenflüge die Bodenhaftung nie verloren. Mittlerweile hat Schlierenzauer seine frühere Verbissenheit abgelegt. "Man wird erwachsener und routinierter. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, sowohl positive, als auch negative. Wenn man so gewaltige Erfolge hat wie ich, ist man irgendwie schon sehr gelassen", meinte er im Vorfeld seines heuer fixierten zweiten Tourneesieges.

Als Neunjähriger hatte der seit Geburt auf dem linken Ohr taube Schlierenzauer dem Skispringen den Vorzug vor dem Fußball gegeben, seit 2006 (Junioren-Weltmeister als 16-Jähriger) sammelt er Siege, Titel und Medaillen. Bei acht Großereignissen in Serie hat er stets zumindest eine Goldene geholt, und hält seit dem Team-Weltmeistertitel im Val di Fiemme bei zwölf Stück (Olympia/1, WM/6, Skiflug-WM/4, Junioren-WM/1).

Dazu gelangen ihm im Weltcup Siege fast am laufenden Band - der erste im dritten Bewerb am 3.12.2006 in Lillehammer, die Rekordzahl von 13 in der Saison 2008/09 (Weltcup-Gesamtsieg) - auf bisher 21 verschiedenen Schanzen. Auf vielen hält er auch den Weitenrekord. Bei mehr als der Hälfte seiner Starts im Weltcup stand er auf dem Podest.

Rekordhalter

Am 3. Februar 2013 übertraf Schlierenzauer in Harrachov die Bestmarke von 46 Erfolgen von Nykänen und schraubte die Rekordzahl an Siegen im Weltcup auf bisher 48. "Jetzt darf ich es sagen. Ich glaube, ich bin eine Legende", meinte er in Tschechien voller Emotion. Einzel-Olympiagold in Sotschi 2014 - das ist das größte verbleibende Ziel des Überfliegers. "Ich glaube, dass ich mir das stecken darf", sagte Schlierenzauer.

Dabei kamen ihm Regeländerungen und Materialentwicklungen keineswegs entgegen. Der gekrümmte Bindungsstab, mit dem Simon Ammann 2010 zum zweifachen Olympiasieg flog, reduzierte einen Vorteil, den ihm sein Körperbau gegeben hatte. Schlierenzauer konterte allerdings 2011, als er als einziger Springer mit der "überholten" Bandbindung den WM-Titel eroberte.

Zuletzt meisterte der Perfektionist auch die Herausforderung der engeren Anzüge. "Das ist mein großer Vorteil, dass ich die Stärken nicht nur in der Luft habe, sondern auch beim Absprung", betonte Schlierenzauer. Mögliche neue Entwicklungen der Konkurrenz sieht er gelassen. Im Rahmen der vor zweieinhalb Jahren neu gestarteten Zusammenarbeit mit seinem Jugendtrainer Markus Maurberger im ÖSV-Stützpunkt Innsbruck tüftelt er als akribischer Arbeiter stets auch beim Material und sieht sich bestens aufgestellt. "Der Gentleman genießt und schweigt", sagte er dazu jüngst in Predazzo.

Mode-Designer

AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG  "STILE MOMENTE": SCHLIERENZ Foto: APA/BARBARA GINDL Wichtig war es Schlierenzauer, nach dem Handelsschulabschluss eine sinnvolle Betätigung neben dem Skispringen zu finden. "Ich bin ein Typ, der 24 Stunden nachdenkt, wie man einen halben Meter weiter springen kann. Daher habe ich mir etwas Anderes gesucht", sagte er vor der Saison 2011/12. Er betätigte sich als Mode-Designer und kreierte eine eigene Linie. Dass er mit offenen Augen durch die Welt geht, hilft ihm bei seinem großen Hobby, der Fotografie. Zwei Ausstellungen zeigen, dass mehr daraus werden könnte.

Als Familienmensch nützt Schlierenzauer so oft wie möglich die Möglichkeit des Rückzugs in sein "Nest" in Fulpmes. "Dann genieße ich es, einfach abzuschalten. Ich mache das, was mir wieder Kraft gibt. Ich bin ein eher ruhiger Typ, der nicht bei jeder Party dabei ist", sagte der 1,80 m große und 65 kg leichte Athlet in einem Interview. Freundin Sandra ist auch bei Wettkämpfen oft an seiner Seite. Er genieße jedoch auch den Trubel um seine Person, sagte Schlierenzauer. "Das ist wirklich ein Privileg, was ich erleben darf. Das Größte ist es aber, innerlich zufrieden zu sein."

Haus und Kinder

World cup leader Gregor Schlierenzauer of Austria Foto: Reuters/LEHTIKUVA Dank seiner Erfolge hat Schlierenzauer schon in jungen Jahren ausgesorgt. Rund 1,4 Millionen Euro hat er an Preisgeld verdient, dazu kommen Prämien seines Sponsors Red Bull sowie von Team-Sponsoren und Ausrüstern. Mit finanziellen Dingen beschäftige er sich aber nicht, beteuerte er im heurigen Jänner. "Mein Onkel Markus Prock (auch sein Manager, Anm.) und mein Papa machen das sehr gut. Ich wüsste auch gar nicht, was ich auf dem Konto habe."

Natürlich sei es schön, finanziell unabhängig zu sein, aber nicht das Nonplusultra. Sein Traum sei es, ein eigenes Haus und Kinder zu haben, verriet das aktuelle Aushängeschild der Nordischen im ÖSV.

"Bei Schlierenzauer trifft vieles sehr positiv zusammen", weiß Toni Innauer. "Seine Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln hat nicht gelitten unter den großen Erfolgen. Das ist fast einzigartig", analysierte der frühere ÖSV-Sportdirektor. Sein Nachfolger Ernst Vettori bezeichnet den "Überflieger" als "sehr ehrgeizigen, konsequenten Profi, der sehr genau weiß, was er tut". Schlierenzauer ruhe sich nicht auf Erfolgen aus. "Er hat weiterhin sein Ziel vor Augen und arbeitet sehr hart."

Hintergrund

Bisherige Weltcup-Gesamtsieger

Die bisherigen Gesamtsieger im Skisprung-Weltcup

1980 Hubert Neuper (AUT)
1981 Armin Kogler (AUT)
1982 Kogler
1983 Matti Nykänen (FIN)
1984 Jens Weißflog (DDR)
1985 Nykänen
1986 Nykänen
1987 Vegaard Opaas (NOR)
1988 Nykänen
1989 Jan Boklöv (SWE)
1990 Ari-Pekka Nikkola (FIN)
1991 Andreas Felder (AUT)
1992 Toni Nieminen (FIN)
1993 Andreas Goldberger (AUT)
1994 Espen Bredesen (NOR)
1995 Goldberger
1996 Goldberger
1997 Primoz Peterka (SLO)
1998 Peterka
1999 Martin Schmitt (GER)
2000 Schmitt
2001 Adam Malysz (POL)
2002 Malysz
2003 Malysz
2004 Janne Ahonen (FIN)
2005 Ahonen
2006 Jakub Janda (CZE)
2007 Malysz
2008 Thomas Morgenstern (AUT)
2009 Gregor Schlierenzauer (AUT)
2010 Simon Ammann (SUI)
2011 Morgenstern
2012 Anders Bardal (NOR)
2013 Schlierenzauer

Rekord-Gewinner Gesamtweltcup:
4 Nykänen, Malysz
3 Goldberger
2 Ahonen, Kogler, Schmitt, Peterka, Morgenstern, Schlierenzauer

(APA / mod) Erstellt am

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