Hirscher: "Sogar in Chile kann ich nicht mehr in Ruhe nasenbohren"

Marchel Hischer press conference in Vienna
Foto: EPA/CHRISTIAN BRUNA Marcel Hirscher und seine fünf großen Kristallkugeln.

Marcel Hirscher über seinen weltweiten Bekanntheitsgrad, über Erfolg, Gefühle, über Dinge, die nerven und Schuhe, die schmerzen.

KURIER: Herr Hirscher, was ist Ihnen lieber, Interviews vor, oder nach der Saison?

Marcel Hirscher: Ich mag Interviews, die bei mir nicht schon den Computer im Hintergrund abschalten und bei denen immer die Standardantwort rauskommt. Also keine Fragen, bei denen ich mir denke: langweilig, das interessiert keinen mehr.

Dann wollen wir einmal wissen, wie Sie Ihre großen Skierfolge in einer Welt einordnen, in der es momentan drunter und drüber geht. Welchen Stellenwert geben Sie sich selbst?

Die Vorkommnisse relativieren den eigenen Erfolg schon sehr stark. Wir sind in unserer kleinen Welt, in der es um alles geht. Zu Recht. Aber blickt man über den Tellerrand, erkennt man, dass da ja nur rote und blaue Stangen sind.

Beim Weltcupfinale sind Sie beispielsweise tagelang von sechs Uhr früh bis sieben Uhr abends voll auf den Sport fokussiert. Wie viel kriegt man vom richtigen Leben mit, wenn man in dieser Blase steckt?

Während der Saison bekommt man sowieso weniger mit, und ich muss so ehrlich sein, dass es auch in meinem Interesse liegt, weniger mitzubekommen. Ich stehe an Rennwochenenden nicht um vier Uhr auf, um Zeitungen zu lesen, denn ich bin froh um jede Minute Schlaf. Im Sommer bin ich viel aufmerksamer, was andere Geschehnisse betrifft.

Sind Sie der Meinung, dass sich Sportstars zu Themen äußern sollten, die außerhalb ihres Metiers passieren?

Ich bin der Meinung, man sollte keine Fachexpertisen abgeben zu Themen, die nicht in dein Spezialgebiet gehören. Eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, bildet mit ihrer Meinung eine weitere Meinung. Und das steht mir in anderen Bereichen nicht zu. Ich will ja auch nicht, dass mir einer erklärt, der selbst keine Kurve zusammenkriegt, wie ich Skifahren soll. Ich kann nur mein Gefühl ausdrücken.

Und Sie haben im September klar Ihr Gefühl zur Flüchtlingskrise ausgedrückt ...

Ich würde das heute wieder machen, weil es mir ausdrücklich um mehr Menschlichkeit gegangen ist. Nicht um politische Lösungen. Es ging um Menschen, die mir einfach sehr, sehr leidgetan haben. Wir machen ohnehin bei so viel Blödsinn mit, also hab’ ich meine Gefühle geäußert. Weil ich mit meiner Öffentlichkeitswirkung vielleicht ein paar Menschen dazu gebracht habe, darüber kurz nachzudenken.

Gab es negative Reaktionen?

Natürlich war nicht jeder damit einverstanden. Das war mir relativ egal. Weil diese Leute es nicht verstanden haben, um was es mir gegangen ist und gleich auf die politische Ebene vorgerückt sind.

Die slowenische Doppel-Olympiasiegerin Tina Maze meinte, die Social-Media-Aktivitäten, wie Facebook oder Twitter, würden der Fokussierung schaden. Unterschreiben Sie das?

Nein. Ich würde das jedenfalls nicht verallgemeinern. Auch wenn ich weiß, dass das für manche schon zur Sucht geworden ist. Es ist schön, den Kopf ein bisschen mit anderen Dingen gefüttert zu bekommen und sich nicht nur mit dem Insiderwissen abgeben zu müssen. Sprich, ich bekomme einen Vogel, bleibe ich nur im Getriebe drinnen. Dann will ich auch wissen, was meine Freunde gerade machen, dass sie zum Beispiel in Neuseeland auf Urlaub sind.

Maze hat damit sogar die Ursachen für Unfälle begründet ...

Würde ich nicht sagen. Allerdings bin ich aus der Play-Station-Generation und früher einmal ein richtiger Zocker gewesen, habe manchmal drei Stunden konzentriert durchgespielt. Da muss man zugeben, dass das visuelle System und der Schädel teilweise ziemlich überfordert werden. Wenn ich krank bin, schalte ich auch heute noch ab und zu ein. Aber für die Rübe taugt mir das gar nicht, da wirst richtig weich.

Der Winter war stressig. Was war das Langweiligste daran?

Die Routine ist teilweise das Langweiligste. Die Wartezeit, bis du zur Siegerehrung gehen darfst. Und dann am selben Tag auch noch zur Startnummern-Auslosung. Du musst schon eine Ewigkeit vorher da sein, dann sitzt du wieder eine Dreiviertelstunde. Das ist teilweise so mühsam. Warten, warten und warten und du kennst das eigentlich alles schon. Da denke ich mir, ich könnte die Zeit viel besser nützen.

Dabei ist der Winter noch nicht vorbei. Jetzt wird noch getestet, oder?

Jetzt kommen noch drei, vier Wochen, in denen es rund geht. Dann erst ist man für die nächsten zwei Monate so richtig frei. Mitte Sommer dreht sich das Radl wieder neu, man macht sich permanent Gedanken, welche Schritte gesetzt werden, um keinen Fehler zu machen.

Denken Sie in solchen Momenten nicht manchmal: Das wird mir zu viel, warum tue ich mir das noch an?

An das Leben danach denke ich oft. Schon vor langer Zeit. Natürlich gibt es jetzt auch Momente, die jeder von uns kennt, in denen man sich denkt, ‚bist deppert, ich pack’ das nimma‘, so wie in einer anstrengenden Kitzbühel-Woche. Aber dann weiß ich, ich hab’ das Privileg, machen zu dürfen, was ich will, da überwiegt definitiv die Freude über das Dabeisein, über das Gewinnen. Ich habe keine Zweifel, weiterzumachen, auch nächstes Jahr wird’s kein Pausenjahr geben, wie mir schon ein bisschen in den Mund gelegt wurde.

Ganz abzuschalten oder gar unterzutauchen, dürfte schwierig sein angesichts Ihrer Bekanntheit. Sind die vielen Foto- und Autogrammwünsche Lust oder Belastung?

Situationsbedingt. Wenn ich gerade einen Stress habe und es echt ungünstig ist, kann es schon zur Last werden. Auf der anderen Seite ist es so: Wenn man jetzt die Ski-WM in Schladming hernimmt und man gewinnt das Rennen, und da wären fünf Zuschauer – ich glaube nicht, dass ich da im Kreis gelaufen wäre und gejubelt hätte. Es braucht schon beides.

Ein Privatleben im eigentlichen Sinn gibt es wohl nicht mehr ...

Es gibt schon noch ein privates Leben, aber das ist dann wirklich auf die eigenen vier Wände bezogen – und die schütze ich mit all meinen Möglichkeiten. Das funktioniert aber sehr gut.

Aber in Übersee wird sich der Rummel in Grenzen halten.

Ich bin noch nirgends hingekommen, wo mich nicht jemand erkannt hätte. Als wir in Santiago de Chile waren, hat mich eine Schulklasse entdeckt – die sind skibegeistert! Dann hab’ ich mir gedacht, das gibt’s doch nicht, sogar in Chile kannst’ nicht mehr in Ruhe in der Nase bohren (lacht).

In Japan sind Sie ein Star.

Stimmt, an einem Bahnhof in Tokio sind wir aus dem Zug gestiegen, ich hab’ mich gefragt, warum mich die Leute so komisch anschauen – vielleicht, weil meine Freundin Laura so groß ist? Und dann haben die Leute gerufen: ,Hirscher, Hirscher, Hirscher‘ – das ist schon schräg.

Ein hoher Preis, den man für den Erfolg zahlen muss?

Im Vergleich zu dem, was man bekommt, nicht.

Was bekommen Sie außer Geld und Trophäen?

Es ist nicht das Geld. Ich kann das machen, worauf ich mein Leben lang hintrainiert und gearbeitet habe – und bekomme dafür Anerkennung. Ich kenne andere Sportler, die genauso hart hackeln wie ich, und da interessiert es keine Sau, was die machen. Das ist, glaube ich, echt schiach.

Sind Sie süchtig geworden nach dieser Anerkennung?

Ich glaube nicht, denn sonst könnte ich mich noch viel mehr hinauslehnen. Da wäre viel mehr zu holen – aber das tue ich nicht, glaube ich.

Es fällt auf, dass Sie immer cool bleiben, bei Ihren Erfolgen selten überschwänglich werden. Trainieren Sie das?

Ich versuche, mich immer so zu verhalten, dass ich damit leben kann, auch wenn ich dann einen Fehler mache oder Kritik bekomme. Ich handle immer so, wie es mir in der jeweiligen Situation richtig vorkommt. Aber ich spiele das nicht, weil ich bewusst irgendwie Aufmerksamkeit erhaschen möchte, wie das vielleicht andere Athleten machen. Ich glaube, dass ich schon sehr oft sage, was ich mir denke – und es gibt ja auch die Situationen, wo ich nicht cool bin, wo ich angepisst bin, gestresst bin, genervt von dem Ganzen, weil es mir zu viel ist. Aber dann lass’ ich es mir eigentlich auch nicht nehmen, dass man es merkt, dass es jetzt genug ist und ich gehe.

Als Sie am letzten Sonntag im letzten Slalom der Saison Fünfter geworden sind, hat es im Radio geheißen, Marcel Hirscher ist "nur" Fünfter geworden.

Mich ärgert es, dass ich Fünfter geworden bin, aber das ,Nur‘ ärgert mich schon lange nicht mehr. Denn das haben sie auch schon gesagt, als ich Zweiter geworden bin. Da wirst du nicht fertig, wenn du dich über diese Kleinigkeiten ärgerst.

Zu Ende zu gehen scheint allerdings der Drang der Kinder, Ski zu fahren, sich überhaupt im Freien zu bewegen. Können Sie das bestätigen?

Der Spielplatz, neben dem ich aufgewachsen bin, war in meiner Kindheit immer voll. Da wurde Fußball gespielt, Volleyball, wurden Tannenzapfenschlachten ausgetragen, Baumhäuser gebaut bis es finster geworden ist. Heute ist die Regel, dass der Platz leer ist. Komplett. Das schreckt mich schon. Wir sind heimgekommen, haben die Schultasche ins Eck geschmissen und rauf auf die Piste. Auch wenn ich damit nicht das beste Vorbild bin. Aber wenn ich mir heute Kinder teilweise anschau, dann ...

... sehen Sie Kinder, die motorisch limitiert sind?

Ja, manche sind teilweise in ihrer Bewegungsmotorik echt unterentwickelt. Das wird zum grundlegenden Problem.

Zurück zum Skisport. Wie sieht das Verhältnis Ihrer Schuhgröße auf der Piste zu jener auf der Straße aus?

Ich habe 43er-Schuhgröße. Mittlerweile habe ich mich zu meiner Originalschuhgröße überreden lassen, die eigentlich jeder Mensch tragen sollte. Früher habe ich mir immer bewusst zu kleine Schuhe gekauft, weil ich mir sonst so verloren vorgekommen bin in den großen Booten. Skischuhe habe ich 25 er – das müsste ich jetzt umrechnen, also 41.

Das klingt nach Schmerzen. Wie kann sich das der Laie (Hanisch) vorstellen?

Das wird eh’ nachgedrückt, zuerst erhitzt und mit einer Hydraulik das Plastik gedehnt und man erlangt die Länge, die man braucht. Da macht ein Millimeter ganz viel aus, ob der Zehennagel blitzblau wird und abfällt, oder eben nicht. Ich bin vielleicht einer der Extremsten, bin das aber gewohnt.

Extrem viele Ausfälle bzw. Rennläufer, die über permanente Schmerzen klagen, hat es in der abgelaufenen Saison gegeben. Hannes Reichelt zum Beispiel sagt: "Wenn ich einen Riesentorlauf-Ski sehe, tut mir schon alles weh." Reichelt hält eine Reform der Materialreform für unerlässlich. Und Sie?

Soweit ich weiß, ist diese Reform schon im Laufen.

Sonst noch Wünsche?

Ja. Es sollte nicht nur beim Finale, sondern an acht Wochenenden Rennen für Herren und Damen am selben Ort geben. Und für Städtederbys wie zuletzt in Stockholm bin ich sowieso. Also, Wien wäre super.

(kurier) Erstellt am
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