Letztes Update am 09.09.2012, 10:10
Österreich vs. Deutschland von A bis Z.
Piefke und Ösis, Cordoba und Gijon, Weinbergschnecken und Thekenschlampen. Das Lexikon der deutsch-österreichischen Ballbeziehung.
Austro-Pop, der: In Deutschland beliebte Musikrichtung, der auch einige österreichische Fußballer angehören. Von Hans Krankl stammen zum Beispiel Ohrwürmer wie Ohne Ball’n und ohne Netz oder Lonely Boy, Walter Schoko Schachner sang den Hit Fußball, das ist mein Leben, und Toni Polster brachte mit der Combo "Achtung Liebe" die Nummer Toni Walk on 9 heraus.
Beinschuss, der: Auch Tunnel genannt. Die technokratische deutsche Bezeichnung für das österreichische Gurkerl - also die kunstvolle wie hämische Art, einem Gegner den Ball zwischen den Beinen durchzuschieben.
Cordoba, das Wunder von: Seit 1978 die heimliche österreichische Fußballhauptstadt, auch wenn sie in Argentinien liegt. Schauplatz des letzten österreichischen Sieges gegen Deutschland in einem Bewerbsspiel. Dass es für Österreich in diesem Match tatsächlich um nichts mehr ging, tut nichts weiter zur Sache. Episode des heimischen Fußballs zum Narrisch werden. Frage: Sind die Planungen zum 100-Jahr-Jubiläum bereits im Gang?
Dösi, der: Nicht zu verwechseln mit Ösi. Erfindung des deutschen Boulevards. Wenig schmeichelhafter Kosename für Fußballer aus Österreich, die sich blamieren oder anderweitig negativ auffallen. Zuletzt verwendet beim Europacup-Aus von Red Bull Salzburg gegen Düdelingen ("Dosen-Dösis").
Edi Finger, der Senior: Österreichische Reporterlegende und Chef vom Kollegen Riepl und von Diplom-Ingenieur Posch. Wurde 1978 in Cordoba nach Krankls Siegestor narrisch und erlangte mit seinem Radio-Kommentar Kultstatus.
Friedrich, Arne: Der letzte Torschütze für Österreich in einem Heimspiel gegen Deutschland, beim 1:2 am 3. Juni 2011 in Wien. Ist leider kein rot-weiß-roter Hoffnungsträger für das Duell am 11. September, weil a) ein Deutscher und b) nicht mehr im Teamkader von Bundestrainer Joachim Löw.
Gijon , die Schande von: Unrühmliches Spiel bei der WM 1982 in Spanien. Die deutschen und österreichischen Spieler einigten sich beim Stand von 1:0 für das DFB-Team auf einen Nichtangriffspakt und rollten den Ball minutenlang am Mittelkreis hin und her. Eine dreiste Form der Ergebnisabsprache, wie man sie so nicht einmal in Italien kennt. Die Folge: Deutschland und Österreich kamen in die Zwischenrunde, Algerien, das tags zuvor spielte, musste ausscheiden. Seither werden die letzten Vorrundenspiele einer Gruppe bei Turnieren gleichzeitig ausgetragen.
Harnik, Martin: Der letzte offizielle österreichische Torschütze in einem Match gegen Deutschland. Traf am 2. November 2011 bei der 2:6-Niederlage. Ist in Hamburg geboren, hat aber im Gegensatz zu Arne Friedrich ins richtige Tor getroffen, da Papa Harnik ein Österreicher ist.
Inbrunst, die: Neuerdings angeblich eine ähnlich wichtige deutsche Tugend wie die deutsche Gründlichkeit. Weil einige Spieler vor dem EM-Aus gegen Italien die Hymne ohne Leidenschaft sangen oder überhaupt keinen Ton von sich gaben, inszenierte der deutsche Boulevard die Hymnen-Hysterie. Zur Info: Der österreichische Teamchef schweigt aus Überzeugung.
Jogi, der: Deutscher Bundestrainer Löw mit eigenwilligem Österreich-Bezug. Wurde mit Tirol Meister (2002), ehe der Klub Konkurs anmelden musste. Wurde bei der Austria als Tabellenführer rausgeworfen. Machte dort auch Bekanntschaft mit einem gewissen Paul Scharner, der ihm damals die Einwechslung verweigerte. Abgesehen davon ein bekennender Österreich-Liebhaber.
Krauss, Bernd: Gebürtiger Deutscher, der zum ÖFB überlief und 22 Länderspiele für Österreich absolvierte. War zufälligerweise beim Nichtangriffspakt in Gijon mit von der Partie und erzielte 1981 bei seinem Debüt im österreichischen Teamtrikot ein Eigentor - der Gegner: Deutschland.
Leverkusen, Bayer: Verein, der schon viele bittere Pillen zu schlucken hatte. Trägt den Beinamen Vizekusen nicht von ungefähr. Trifft in der Europa League auf den SK Rapid Wien, der einen deutschen Meistertitel mehr gewonnen hat (1941) als Leverkusen.
Multikulti: Klose, Podolski, Khedira (li.), Özil (re.), Boateng - die neue deutsche Welle ist international und schwappte auch bereits auf Österreich über. Im rot-weiß-roten Nationalteam sind mittlerweile ebenfalls schon haufenweise Spieler mit Migrationshintergrund am Ball: Arnautovic, Kavlak, Garics, Junuzovic und, und, und. Kleiner Hinweis für den deutschen Boulevard: Auch bei den Österreichern singt nicht jeder Spieler voller Inbrunst die Hymne mit.
Narrischwerden, das: Form der emotionalen Ekstase, die 1978 in Cordoba ihren Ursprung hatte. Seither hierzulande im Fußball immer seltener zu erleben. Dafür hat bei den Österreichern das Narrischwerden vor allem im Winter vom Hahnenkamm bis zum Lauberhorn alle Jahre wieder Hochsaison.
Ösi, der: Nicht zu Verwechseln mit Dösi. Erfindung des deutschen Boulevards. Liebevoller Kosename für Fußballer aus Österreich, die sich in Szene setzen oder anderweitig positiv auffallen.
Piefke, die: Das österreichische Gegenstück auf das deutsche Dösi. Steht seit 1973 im Duden und kommt Österreichern leicht über die Lippen. Nicht erst seit Felix Mitterers legendärer Piefke-Saga. In Gänserndorf bei Wien steht seit 2009 sogar ein Piefke-Denkmal.
Quote, die: 2,189 Millionen Österreicher sahen 2008 im ORF das EM-Vorrundenspiel gegen Deutschland (Marktanteil: 72 Prozent). Nicht der Top-Wert bei Sportveranstaltungen in den letzten 25 Jahren. Den halten, wie kann es anders sein, die Skifahrer. 2003 verfolgten 2,217 Millionen Österreicher Michael Walchhofers Goldfahrt bei der Weltmeisterschafts-Abfahrt in St.Moritz.
Riepl, der Kollege: Kollege von Diplom-Ingenieur Posch, der 1978 in Cordoba narrisch wurde. Mitglieder der Bussi-Bussi-Gesellschaft. "Der Kollege Riepl und der Diplom-Ingenieur Posch, wir busseln uns ab", schrie Edi Finger senior ins Mikrofon.
Scharner, Paul: Berühmtester Scheibbser der Gegenwart mit einer imposanten Vita (Wigan, Westbromwich) aber auch einem Hang zu eigenwilligen Frisuren und Aktionen: Verweigert Einwechslungen (Löw), verteilt Fragebögen an Trainer (Fink) oder verlässt die Nationalmannschaft, weil er vom Teamchef (Koller) keine Wertschätzung fühlt. Kämpft jetzt beim HSV um Anerkennung. Hohes Dösi-Potenzial.
Thekenschlampen, die Fabulösen: Ehemalige Frauen-Rockband aus Köln, die Toni Polster den Song Toni, lass es polstern widmete. Das Lied schaffte es in den 1990ern bis in die Top 30 der Austro-Charts.
Ungarn: Das wahre Derby für Österreich, ungeachtet aller Rivalität mit Deutschland. Österreich absolvierte die ersten zehn offiziellen Länderspiele gegen Ungarn, seit 1902 gab es 136 Begegnungen mit dem östlichen Nachbarn. Gegen Deutschland spielte Österreich hingegen nur 37-mal.
Vastic, Ivica: Einziger österreichischer Fußballer, der sowohl bei einer WM und einer EM ein Tor erzielt hat. Mitglied der letzten österreichischen Nationalmannschaft, die sich für eine WM-Endrunde qualifiziert hat (1998).
Weinbergschnecke, die: Kosename für Reinhard Kienast, erfunden von Max Merkel, einem Österreicher. Machte 1986 die deutschen Fußballer zur Schnecke, erzielte beim letzten österreichischen Sieg gegen Deutschland (4:1) in Wien zwei Tore.
X, das: Ergebnis, das Österreich wie einen Sieg feiern würde. Statistisch gesehen haben die Österreicher gegen Deutschland nichts zu gewinnen, obwohl das erste Duell 1908 mit 3:2 gewonnen wurde – in Wien, nicht in Cordoba. In 37 Begegnungen in den letzten 104 Jahren gelangen Österreich acht Siege, der letzte hat die Verjährungsfrist schon überschritten (1986).
Yo-Yo-Effekt, der: Österreichische Eigenart, die Emotionen im Extrembereich auszuleben. Vor allem im Fußball. Das Pendel schlägt meist nur bei himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt aus. Für das gesunde Mittelmaß ist auf der nach oben und unten offenen österreichischen Gemüts-Skala kein Platz.
Zweitausenddreizehn: Jahr, in dem zwar nicht die Fußball-WM in Brasilien stattfindet, dafür aber das wahre sportliche Highlight für Österreich: Die Ski-WM in Schladming. Gelegenheit zum Fußball-Wunden-Lecken und Pflichttermin zum Narrischwerden.
(kurier)
Erstellt am 08.09.2012, 17:24