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KURIER
Kollers Bilanz nach einem Jahr: Vier Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen.
Kollers Bilanz nach einem Jahr: Vier Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen. - Foto: apa

Letztes Update am 13.11.2012, 15:38

Ein Jahr Marcel Koller. Österreichs Schweizer Teamchef ist seit genau einem Jahr im Amt: Was hat er in dieser Zeit bewegt?

Lwiw, auch unter Lemberg bekannt, am 15. November 2011: Marcel Koller sitzt erstmals auf der Bank der österreichischen Nationalmannschaft. Dem Schweizer war zuvor rot-weiß-roter Gegenwind ins Gesicht geblasen. Er begann seine Tätigkeit mit einer 1:2-Niederlage gegen die Ukraine.

Linz, auch unter Stahlstadt bekannt, am 14. November 2012: Marcel Koller sitzt noch immer auf der Bank der österreichischen Nationalmannschaft. Der Gegenwind ist eingeschlafen, denn beim Team herrscht keine Flaute unter dem Schweizer. In den bisher acht Spielen unter seiner Leitung hat es zwei Niederlagen, zwei Remis und vier Siege gegeben.


Identität

Was hat sich unter, mit und bei Koller geändert, außer dass er ein Jahr älter geworden ist und am Sonntag seinen 52. Geburtstag gefeiert hat. Wie tickt er? "Es ist wichtig, dass wir eine eigene Identität haben", sagt Koller. Und wie schaut die aus?

Klare Ansagen: Koller betrieb in diesem Jahr keinen Personal-Populismus. Er ließ wohl Sabitzer ins Team schnuppern, holte Weimann aus der englischen Liga – weil er von der Sinnhaftigkeit dieser Unterfangen überzeugt war. Holzhauser ("zu früh") und Hosiner erteilte er jedoch Absagen. Bei Hosiner, den viele wegen sechs Toren in zwei Bundesliga-Spielen im Team sehen wollten, fand er klare Worte: Der Stürmer müsse auch auf internationalem Niveau treffen.

Klare Vorgaben: Koller lebt den Spielern die volle Konzentration auf die Aufgaben vor. Ablenkungen sind unerwünscht, so wie vor dem Deutschland-Match, als die Nationalspieler der Fußballgala fernbleiben mussten. Auf Egotrips reagiert der Schweizer allergisch, Paul Scharner reiste vor dem Türkei-Spiel ab. Stammplatzgarantien gibt es – wie schon bei Constantini – nicht einmal beim Frühstück.

Klare Linie: Koller rückt nicht von seiner Taktik ab – ob der Gegner nun Kasachstan heißt oder Deutschland. Je öfter die Spieler die Vorgaben umsetzen, desto deutlicher wird eine Handschrift sichtbar. "Die Philosophie, die wir beim Team mitgeben, das geht nicht von heute auf morgen", sagt er.

Klare Personalpolitik: Heute sitzt die Personifizierung des Personalchefs Koller auf der Bank. Robert Almer genießt seit einem Jahr das Vertrauen, auch wenn er im Tor von Düsseldorf nur die Nr. 2 ist. In Linz wird der gebürtige Linzer und Austria-Goalie Heinz Lindner spielen. Kollers Credo: "Eine gewisse Regelmäßigkeit ist wichtig." Daher hat er nur wenig experimentiert. Nur gegen die Türkei hat er – auch für die Spieler selbst – überraschend Fuchs, Harnik und Ivanschitz auf neuen Positionen eingesetzt. Gegen die Elfenbeinküste aber werden einige neue Gesichter zu sehen sein. "Wir haben 23 Spieler im Kader, da gibt es kein B-Team. Wir haben zwei Anzüge, die passen", sagt Koller. "Jeder, der hier ist, hat das Vertrauen."

Klares Erscheinungsbild Koller pflegt nicht nur seine Homepage, sondern stellt auch als "Facebook-Teamchef" seine Arbeit dar und Bilder von Spielen, die er beobachtet hat, ins Netz. Außendarstellung ist wichtig und vorrangig Chefsache. Der Mann, der kommuniziert, ist und bleibt allein Koller.


Bilder

Kollers Kader


Alles Balletti

Von keinem Teamgeist verlassen

Keine Verletzungen, keine Erkrankungen – ein Länderspiel gegen die Elfenbeinküste.

Eines in aller Freundschaftlichkeit, wohlgemerkt. Also ein Spiel, in dem es außer Erkenntnis nichts zu gewinnen gibt. Im von herbstlicher Tristesse umhüllten Linz.

Früher, ja früher einmal waren alle Rahmenbedingungen gegeben, um eine Flut von Absagen auszulösen. Unmittelbar nach dem Wochenendeinsatz im Klubtrikot krümmte sich Teamspieler X plötzlich vor Schmerz, von einem äußerst aggressiven Magen-Darm-Virus gepeinigt. Tut mir leid, Teamchef, geht nicht. Teamspieler Y bediente sich der allseits beliebten Zerrung als Verhinderungsgrund. Unkontrollierbar und unter dem Decknamen Muskelprobleme gut verkaufbar.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Teamchef Marcel Koller bekam vor dem Spiel gegen die Elfenbeinküste keinen einzigen Korb. 23 Spieler wurden geladen, 23 sind tatsächlich gekommen.

Ein Schelm, wer nun behauptet, Deutschlands Joachim Löw müsste sich nun mit einer Auswahl von Team-Muffeln herumschlagen, weil mehr als ein halbes Dutzend seiner Leistungsträger aus verschiedenen Gründen nicht zum Länderspiel gegen die Niederlande antanzen wollte oder konnte.
Was aus österreichischer Sicht zumindest festzustellen ist: Die Spieler, inklusive der Legionäre aus Europas Spitzenligen, bilden wieder gerne eine Nationalmannschaft. Weil die Stimmung eine unvergleichbare geworden ist, und weil keiner riskieren will, durch Abwesenheit im Kampf ums berühmte Leiberl ins Hintertreffen zu geraten.

Marcel Koller stellt fest: „Teamgeist ist bei uns nicht nur ein Lippenbekenntnis, er wird auch gelebt.“ Der Grundstock für eine erfolgreiche Zukunft ist gelegt.
Keine Selbstverständlichkeit. Denn wie meinte doch gestern Teamkapitän Christian Fuchs: „Ich möchte niemandem zu nahe treten. Aber das war nicht immer so.“


Teamchef

Koller: "Kein Harakiri"

Teamchef Koller bleibt auch gegen die Elfenbeinküste der Linie treu – ohne Experimente.

Marcel Koller ist ein solider Schweizer, kein Freund von zu vielen und großen Experimenten. Daher wird der Teamchef das Testspiel am Mittwoch in Linz gegen die Elfenbeinküste auch nicht zum exzessiven Testen nützen. Vielmehr gilt es Bewährtes nach zu justieren. Denn der Stamm ist nach einem Jahr endgültig gefunden. "Die grobe Arbeit war nicht so schwer. Jetzt die Kleinigkeiten zu finden, wird viel schwieriger."

Personell wird er manche Position anders besetzen, Salzburgs Leitgeb darf sich von Beginn an aufdrängen, auch Weimann, Doppeltorschütze gegen Manchester United, wird seine Empfehlungsminuten erhalten, im Tor darf Austrias Heinz Lindner ran. An der generellen Ausrichtung ändert das aber nichts. "Es wäre utopisch, wenn ich in nur zwei Tagen im taktischen Bereich etwas ändern würde. Ich werde sicherlich kein Harakiri machen."

Kontinuität

Vielmehr möchte Koller Bewährtes abermals sehen, schon Gepredigtes soll umgesetzt werden. Das Ziel ist ein gutes Ergebnis gegen einen guten Gegner, der sich für den Afrika-Cup vorbereitet und daher mit den Stars wie Stürmer Didier Drogba aufwartet. "Wir stellen die Mannschaft immer so ein, dass wir gewinnen wollen. Auf das Ergebnis allein kommt es aber nicht an, wir wollen ein gutes Spiel abliefern und dem Publikum in Linz nach der langen Länderspielpause hier etwas bieten." Das Team gastierte zuletzt vor 15 Jahren in Linz.
 

Philosophie

Nach einem Jahr im Amt hat sich Koller an den Job als Teamchef gewöhnt, auch wenn er davor absichtlich keine konkreten Vorstellungen hatte.

"Zu Beginn war es schon ungewohnt, da hat mir die tägliche Arbeit auf dem Platz gefehlt." Doch die Zeit brachte die Gewohnheit, jetzt fühlt er sich in seiner Rolle pudelwohl. Seinem Team hat Koller eine Philosophie vermittelt, an der eisern festgehalten wird. "Wir können diese nicht dauernd ändern, sonst kämen wir nie auf einen Nenner." Bringen die Spieler die gewünschte Leistung, dann erhalten sie im Gegenzug das Vertrauen des Schweizers. "Und das mache ich nicht von ein bis zwei Spielen abhängig. Ich weiß, was die Jungs können." Daher erhielt Offensivkraft Guido Burgstaller trotz Rapid-Krise den Vorzug vor Philipp Hosiner, der aktuell aus allen Lagen trifft.

Dass die Stimmung im und rund um das Team hervorragend ist, zeigten gestern die zwei öffentlichen Trainings in Pasching. Im Mittelpunkt des Fan-Interesses standen dabei einmal mehr Marko Arnautovic und David Alaba.

32 Millionen für die Gugl

Der Spielort: Nach 15 Jahren Pause wird am Mittwoch auf der Linzer Gugl wieder ein Länderspiel ausgetragen. Die zuletzt um rund 32 Millionen Euro erneuerte Arena erfüllt die Vorgaben des ÖFB hinsichtlich der Sitzplätze nicht, weitere Spiel sind daher unwahrscheinlich. Mit dem Umbau des zirka 60 Jahre alten Stadions sollte sich das ändern. Allerdings: Der ÖFB fordert für ein Länderspiel 15.500 Sitzplätze. Das Gugl-Oval kann aber nur 13.880 bieten. Die letzte Partie in Linz verlor Österreich im Jahr 1997 gegen Slowenien mit 0:2.

(KURIER) Erstellt am 13.11.2012, 15:38

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