DFB fordert 6,7 Mio. von Beckenbauer-Intimus

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Foto: APA/AFP/PATRICK HERTZOG Joseph Blatter, Franz Beckenbauer, Fedor Radmann

Fedor Radmann hat als eine der Hauptfiguren im Sommermärchen-Skandal eine Zahlungsaufforderung vom DFB erhalten.

In der Sommermärchen-Affäre geraten die Hauptfiguren um Franz Beckenbauer juristisch immer mehr unter Druck. Die Bild-Zeitung hatte berichtet, dass Fedor Radmann, ehemaliger Vize-Präsident des Organisationskomitees der WM 2006, vom DFB eine Zahlungsaufforderung über 6,7 Millionen Euro erhalten haben soll. Radmann gab daraufhin an, allen der einstigen Spitzenfunktionäre wäre es so ergangen. „Mir ist bekannt, dass das jeder bekommen soll oder schon bekommen hat (...). Alle. Also, das heißt: Beckenbauer, Zwanziger, Niersbach, Schmidt und ich.“

Der DFB widersprach dieser Version allerdings. Nur Radmann habe eine Zahlungsaufforderung bekommen. Dies habe mit der Rechtsordnung in der Schweiz zu tun, wo der langjährige Vertraute von Franz Beckenbauer wohnt. Mit diesem Vorgehen will der DFB einen möglichen finanziellen Schaden vom Verband fernhalten und eine Verjährung von Ansprüchen verhindern. "In der Schweiz wurde auf Grundlage des dort geltenden Rechts das Betreibungsverfahren auf den Weg gebracht, das sich in der Ausgestaltung von den Güteanträgen unterscheidet, aber für uns dasselbe Ziel verfolgt, nämlich die Sicherung von Ansprüchen für den gemeinnützigen Verband und die Vermeidung des Eintritts der Verjährung", teilte DFB-Präsident Rainer Koch am Dienstag mit.

Dubioser Geldfluss

Zuvor hatte die Bild-Zeitung darüber berichtet, dass Radmann das Geld innerhalb von 20 Tagen an den Deutschen Fußball-Bund überweisen soll. Dabei geht es um jene Summe, die der DFB vor der WM auf ein Konto des Weltverbandes FIFA geleitet hatte. Angeblich sollte der Betrag zur Rückzahlung eines Darlehens des früheren Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus verwendet werden. Wohin es tatsächlich floss, ist bislang nicht geklärt.

Radmann erklärte, er habe die Zahlungsaufforderung am 8. Januar in seinem Schweizer Wohnort bekommen. Er habe widersprochen, jetzt sei der Verband am Zug. „Damit ist der DFB gefordert, nachzuweisen, dass es überhaupt eine Forderung gibt. Denn bis zum 8. Januar hat niemand mit mir je darüber gesprochen, noch gibt es irgendeinen Schriftverkehr. Die werden nie in der Lage sein, nur den Hauch einer Forderung nachzuweisen“, sagte Radmann. Das sei alles „ein bisschen sehr merkwürdig - das ist aber noch diplomatisch formuliert“.

Die 6,7 Millionen Euro an die FIFA waren ursprünglich als Beitrag für die später abgesagte WM-Eröffnungsgala verschleiert worden. Der ursprüngliche Kredit von Dreyfus war nach Angaben von Beckenbauer als Gegenleistung für einen hohen FIFA-Zuschuss zur WM in Deutschland verwendet worden.

Schadensersatz

Der DFB hat Güteanträge bei der Öffentlichen Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle in Hamburg eingereicht, um den Anspruch auf möglichen Schadensersatz in Millionenhöhe zu wahren. Die Ansprüche richten sich neben Beckenbauer und Radmann auch gegen die ehemaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach, Ex-DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, den Testamentsvollstrecker von Robert Louis-Dreyfus sowie die FIFA.

Radmann ist seit vielen Jahren ein enger Vertrauter und Wegbegleiter Beckenbauers - quasi der Schattenmann der Lichtgestalt. Der heute 71-Jährige saß einst im WM-Organisationskomitee und begleitete Beckenbauer auf seiner Welcome-Tour über 132 276 Flugkilometer durch 31 Länder. Wegen Interessenskonflikten gab Radmann 2003 sein Amt als Vize-Chef des WM-OK an Theo Zwanziger ab. Er war wegen Beraterverträgen mit Adidas und der Kirch-Gruppe, die er dann teilweise ruhen ließ, in Erklärungsnot gekommen.

Verdacht der versuchten Bestechung

Der gebürtige Berchtesgadener muss sich ebenso wie Beckenbauer des Vorwurfs erwehren, einen Bestechungsversuch zumindest geplant zu haben. Es geht um den brisanten Vertrag mit Jack Warner: Dem einstigen FIFA-Spitzenfunktionär aus Trinidad & Tobago, der inzwischen wegen Korruption lebenslang gesperrt ist, wurden laut eines beim DFB gefundenen Papiers vier Tage vor der Abstimmung zur WM-Vergabe „diverse Leistungen“ zugesagt. Unterschrieben hat das Papier Beckenbauer, den Entwurf paraphierte Radmann.

Zu Beginn der WM-Affäre hatte der gebürtige Berchtesgadener in der Wochenzeitung Die Zeit gesagt: „Ich könnte beim Leben meiner sechs Kinder beschwören, dass ich felsenfest davon überzeugt bin, dass nicht ein Mensch von uns bestochen wurde.“

Franz Beckenbauer ist im Fußball-Geschäft nicht nur dabei, er ist mittendrin, immer in einer Hauptrolle: Fußball-, Werbe- und Medien-„Kaiser“, Weltmeister-Teamchef, WM-Macher - praktisch alles, was der am 11. September 1945 in München-Giesing geborene Sohn eines Postbeamten anfasste, wurde zu Gold. Beckenbauer ist weltbekannt, wird von Fans verehrt. Dank Souveränität und Leichtigkeit wirkt Beckenbauer, als stünde er über den Dingen. Schlagfertigkeit und Redegewandtheit ziehen Zuhörer in den Bann, auch wenn Beckenbauer selbst behauptet, noch nie eine „große Rede“ gehalten zu haben: „Ich habe immer nur gesagt, was mir gerade eingefallen ist.“ Immerzu erlebt man den Tausendsassa umgänglich und freundlich. Selbst wenn eine Aussage einmal nicht passt, nimmt das einem Beckenbauer keiner spürbar krumm. Auch eine FIFA-Sperre samt Untersuchung ändert nichts an seinem öffentlichen Standing. „Ich habe gedacht, das ist ein Aprilscherz. Vielleicht hat sich da jemand einen Spaß erlaubt“, sagte Beckenbauer, als der Weltverband ihn während der WM 2014 wegen eines vermeintlichen Verstoßes gegen den Ethik-Code für 90 Tage aus dem Verkehr zog. Zwei Wochen später wurde die Sperre in der geliebten Fußball-Familie aufgehoben. „Franz Beckenbauer ist das größte Glück des deutschen Fußballs. Es gab keinen besseren vor ihm und es wird auch kein besserer nachkommen. Er hat in verschiedenen Phasen seines Lebens so viel Positives für den deutschen Fußball geleistet wie kein anderer das jemals können wird“, würdigte WM-Gefährte ... ... Günter Netzer wiederholt die Verdienste des charismatischen Alleskönners. Den Erfolgen vor allem als FC-Bayern-Legende - Weltmeister, Europameister, Europapokalsieger und, und, und - folgten nahtlos Siege in der Karriere nach der Karriere. Neben dem Brasilianer Mario Zagallo ist er der einzige, der dem WM-Titel als Kicker durch den Triumph 1990 den als Trainer hinzufügte. Einen vielleicht noch größeren Coup landete er als Sportfunktionär: Beckenbauer holte die Fußball-WM nach Deutschland - und setzte sich damit sein eigenes Denkmal. „Das ist wie ein Siebener oder Achter im Lotto, das kriegst du nur einmal im Leben“, befand der Ehrenpräsident des FC Bayern. Zwar wird Beckenbauer gerne mit dem auch schon gesagten Satz „Geht“s raus und spielt's Fußball„ zitiert. Wie hart und detailversessen der gelernte Versicherungskaufmann aber arbeitete, wird oft vergessen. “Das Glück kommt nicht zum Fenster hereingeflogen. Du brauchst Fleiß und Durchhaltewillen. Das Glück muss man sich erarbeiten", sagt Beckenbauer selbst gerne. Nach dem Tod von Sohn Stephan, der im Alter von 46 Jahren einer langen, schweren Krankheit erlag, zog er sich für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zurück. Der Sohn aus erster Ehe hinterließ seine Frau und drei Kinder. Stephan Beckenbauer war eines von insgesamt fünf Kindern des 69-Jährigen, der dreimal heiratete. Sicher habe er auch die Familie zeitweise vernachlässigt, räumte der "Kaiser" schon ein. Bereits vor seinem 65. Geburtstag ließ der Bayern-Ehrenpräsident von seinen Ämtern los, um mehr Zeit für seine kleinsten Kinder zu haben. Aber selbst ohne Posten ist der auch dank täglicher Wassergymnastik noch schlanke Beckenbauer (“Ein Riesenbauch wird mir nicht passieren„) noch ständig unterwegs. Nach Jahrzehnten als unantastbare Lichtgestalt rückt Franz Beckenbauer nun erstmals in die Schattenwelt des Fußballs. Schon seit Beginn der WM-Affäre hat das makellose Image des hochverehrten Kaisers immer wieder Kratzer abbekommen. Indem die vorübergehenden Nachfolger des zurückgetretenen DFB-Chefs Wolfgang Niersbach die Unterschrift Beckenbauers unter ein brisantes Schriftstück vor der WM-Vergabe bestätigten, steht der 70-Jährige plötzlich im Zusammenhang mit den dunkelsten Gestalten des Geschäfts. Und auch der mit Spannung erwartete Freshfields-Bericht rückte die Rolle des WM-Organisators ins Rampenlicht. Beckenbauer wird mit dubiosen Zahlungen, die an den Katari Mohammed bin Hammam geleistet wurden, in Verbindung gebracht.
(apa / ab) Erstellt am
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