Räikkönen macht sich die Finger schmutzig
Der "Iceman" über sein neues Leben als Rallye-Pilot, den Umstieg von der Formel 1 und die unlustigen Seiten der Königsklasse.
"In der Formel 1 passieren momentan unangenehme Dinge"
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Hast du dir dein Iceman-Image zugelegt, um in der Formel 1 zu überleben?
Nein, Iceman hat eine lange Geschichte, und das ist schon okay. In der F1 überlagern viele Dinge das Racing: Zu viel Politik dahinter, keiner sagt, was er denkt, weil er Angst hat, dass Dinge aus dem Kontext gerissen werden. Die Atmosphäre bei der Rallye ist viel netter. Es geht mehr um die Leistung der Fahrer.
Du musstest erst Formel-1-Weltmeister werden, um endlich Rallyefahrer werden zu können?
Ich war schon mit 21 in der Formel 1, da wurde es schwierig mit einem Abstecher zur Rallye: Ich könnte mir dabei weh tun, hieß es. In der letzten Saison habe ich zum ersten Mal die Chance gekriegt, mit fast dreißig Jahren. Dabei glaube ich, dass dir Rallyefahren für die Formel 1 hilft und umgekehrt.
Und jetzt war der richtige Moment für den Umstieg da?
Ich habe auch mit einem anderen F1-Team für nächste Saison verhandelt (mit McLaren, Anm.), aber es hat nicht zu hundert Prozent gepasst. Dann kam Red Bull und machte mir das Angebot, eine ganze Saison im World Rally Car zu bestreiten. Das fühlte sich in der Sekunde richtig an.
Du setzt dich eine WM lang ins Citroën-Junior-Team, Seite an Seite mit Sébastien Loeb, dem besten Rallyefahrer der Geschichte: Man kann es sich leichter machen.
Es ist ganz sicher die größte Herausforderung in meinem Leben als Sportler. Ich muss alles von vorn lernen. Ich will wissen, wie gut ich bin. Um letzte Klarheit über seine Qualitäten zu kriegen, muss man sich der Competition stellen. Genau darum geht es.
Wenn du Formel 1 und Rallye-WM vergleichst: Wo spielt der Fahrer die größere Rolle?
Im Gesamtpaket sicher in der Rallye-WM. Aber mit einem schlechten Auto wird auch hier der beste Fahrer nicht gewinnen. Darum wollte ich auch einen erfahrenen Beifahrer, damit wenigstens einer im Auto weiß, was er tut. Kaj Lindström ist ein Spitzenmann, er war Weltmeister mit Tommi Mäkinen.
Fühlt sich dein Einstieg in die Rallye-WM ähnlich an wie die ersten Testfahrten im Sauber-F1 anno 2000?
Ein wenig finde ich heute den jungen Kimi von damals in mir wieder, ja. Ich bin neugierig und aufgeregt.
Willst du über deinen Köpfler bei der Finnland-Rallye im Vorjahr reden?
Der ist nicht passiert, weil ich zu schnell war, im Gegenteil. Das Auto hat bereits zu zerfallen begonnen, ich wollte es nur mehr ins Service tragen. Beim Anfahren dieser Linkskurve hat meine Linie um vielleicht zwei, drei Meter nicht gestimmt, und wir haben uns überschlagen.
Warum hat sie nicht gestimmt?
Weil ich mehr mit den Augen als mit den Ohren gefahren bin. In der Rallye musst du aber deinem Copiloten hundertprozent zuhören.
Bist du ein guter Beifahrer?
Nein. Nur bei Tommi Mäkinen bin ich einmal mitgefahren. Ich vertraue ihm voll, aber so richtig angenehm ist das nicht einmal bei ihm. Eventuell setze ich mich bei einem Test einmal neben Loeb, wenn das für ihn okay ist. Umgekehrt wird er es wohl nicht machen.
Wie gut wirst du als Rallye-Pilot sein?
Die ersten Rallyes werden sicher hart. Meine Lernphase hat noch nicht einmal begonnen. Die vier Top-Jungs (Loeb, Sordo, Hirvonen, Latvala, Anm.) sind unerreichbar. Von einem Sébastien Loeb würde man auch nicht erwarten, dass er im F1-Auto schneller ist als Sebastian Vettel.
Zurückblickend auf die letzten Jahre: Gibt es fahrerisch einen Moment, den du über andere stellst?
In der F1 ist jede Runde mehr oder weniger dasselbe. Wenn es regnet, wird es schwieriger, aber sonst ist das bald Routine. Im Rallyesport kann jede Kurve, jede Kuppe anders sein, als du gedacht hast. Das macht es interessant. Den meisten Spaß hatte ich in den letzten Jahren dann, wenn ich mit Freunden rumgeblödelt habe, mit Snowscootern zum Beispiel.
Der 2009er-Ferrari muss unglaublich schwer zu fahren gewesen sein, wenn man sieht, wie sich Massas Einspringer damit geplagt haben.
Das Auto war nicht schlecht, es hatte nur wenig Grip. Okay, es war schwierig zu fahren, aber ich mochte den '09er-Ferrari sogar lieber als den '08er. Ich bin nicht so schlecht damit zurechtgekommen. Fisichella hingegen ist damit in fünf Rennen um zehn Jahre gealtert.
In der Rallye wird es vorkommen, dass du selber am Auto schrauben musst. Kannst du das?
Klar, ich habe das gelernt. In Finnland habe ich all meine Autos selbst repariert. Das macht mir Spaß. Ich schraube ja auch an meinen Bikes rum. An schmutzigen Fingern ist nichts Verkehrtes.
Wie heißt der nächste Formel 1-Weltmeister?
Was Ferrari vorhat, weiß ich nicht, weil sie es mir nicht mehr gesagt haben. Mercedes wird wohl ein gutes Auto haben, McLaren genauso. Red Bull Racing wahrscheinlich auch. Ich muss den Titel also nach Sympathie vergeben, und da sage ich: Sebastian Vettel. Der Mann ist so normal, komplett down to earth.
Habt ihr Kontakt?
Generell habe ich wenig Kontakt zu F1-Menschen. Manchmal spielen Vettel und ich Badminton. Jetzt zieht er in meine Gegend in der Schweiz, dann werden wir uns wohl öfter sehen.
Wie groß ist dein Interesse an der Formel 1, wenn du nicht selbst im Auto sitzt?
Vielleicht fahre ich gaudihalber zum Grand Prix nach Monaco. So wie es jetzt aussieht, kriege ich jederzeit wieder ein F1-Cockpit. Aber will ich das? In der Formel 1 passieren momentan unangenehme Dinge, ein Hersteller nach dem anderen steigt aus und verkauft sein Team. Ich bin froh, dass ich mir darüber im Moment keine Gedanken machen muss. In einem Jahr reden wir weiter.
Was würde dir ein Rallye-WM-Titel bedeuten?
Mehr als mein WM-Titel in der Formel 1. Ich stehe am Anfang und ahne, wie weit der Weg ist.
Und es hat noch niemand zuvor geschafft.
Auch das macht es interessant.
Das ganze Interview lesen Sie im neuen Red Bulletin, das am 5. Jänner dem KURIER beiliegt.
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