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Bernhard Kohl enthüllt

In der großen KURIER-Serie über systematisches Doping im Radsport berichtet Kohl von seinen Erfahrungen. Zum Nachlesen.

Kohl: "Als ich diese Liste gesehen habe, war ich außer mir" Kohl im KURIER-Interview: "Als ich diese Liste gesehen habe, war ich außer mir" DruckenSendenLeserbrief
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Juli 2009, Wien, siebenter Bezirk, in einem Büro hinter dem Volkstheater.

Bernhard Kohl bekommt hohen Besuch. Aus Frankreich. Drei Ermittler der AFDL, der Nationalen Antidoping-Agentur aus Paris, sind angereist, um den Österreicher zu interviewen. Eine Dolmetscherin ist auch dabei. Der ehemalige Radprofi aus Wolkersdorf, Dritter der Tour de France 2008, ist seit seiner umfassenden Offenbarung zum Thema Doping ein gefragter Mann. Weil er bis heute der Einzige ist, der vollständig ausgepackt hat.

Die Herren aus Frankreich sind hartnäckig. Sie wollen die jüngste Vergangenheit nicht ruhen lassen. Das im Sport unerlaubte Hormon Cera bereitet den Fahndern Kopfzerbrechen. Cera soll bei der Tour de France 2008 der große Renner gewesen sein.

Cera. Jenes Mittel also, das Bernhard Kohl zum Verhängnis wurde. Der Österreicher und sein Gerolsteiner-Kollege Stefan Schumacher flogen bei Nachkontrollen auf, davor schon die Italiener Riccardo Ricco und Leonardo Piepoli. Doch könnten diese vier Sportler nur Bauernopfer gewesen sein. Möglicherweise geopfert für den Fortbestand eines betrügerischen Kollektivs.

Nach der offiziellen Befragung ist Bernhard Kohl mit einem Ermittler und der Dolmetscherin alleine im Raum. Mit Pierre Verdy, dem Kontrolldirektor der französischen Anti-Doping-Behörde. Monsieur Verdy legt Bernhard Kohl eine Startliste der Tour de France 2008 vor. Rund 40 Fahrer sind auf diesem Dokument mit Kreuzen markiert. Die markierten Fahrer stehen laut dem französischen Fahnder alle unter Doping-Verdacht. Knapp vierzig Namen. Sollte sich das bewahrheiten, droht dem Radsport der Supergau. Dann würde ein Lügengebäude nicht mehr nur in seinen Grundfesten erschüttert – dann würde es endgültig in sich zusammenbrechen.

Unter Verdacht

"Als ich diese Liste gesehen habe, war ich außer mir", sagt Bernhard Kohl. "Weil ich mich seither immer wieder frage, ob die wenigen Geständigen als Sündenböcke herhalten mussten." Kontrolldirektor Jean-Pierre Verdy bestätigt dem KURIER am Freitag das geheime Treffen mit Bernhard Kohl: "Ja, ich habe ihm diese Liste gezeigt." Jean-Pierre Verdy will Gewissheit. Derzeit werden Nachkontrollen der Tour-Proben 2008 durchgeführt. Es besteht der Verdacht, dass es systematisches Doping mit Cera gegeben haben könnte. Von Blutdoping, das noch immer nicht nachweisbar ist, und anderen verbotenen Aktivitäten ist da noch gar nicht die Rede.

"Vor dem Start der heurigen Tour in Monaco haben wir einmal rund fünfzehn Fahrer informiert, dass ihre Proben von 2008 nachträglich analysiert werden", erklärt Pierre Bordy, der Chef der französischen Anti-Doping-Agentur. "In ein bis zwei Wochen werden wir Resultate mitteilen können", ergänzt der Kontrolldirektor Verdy auf KURIER-Anfrage.

Dem Radsport droht Ungemach, wie er es noch nie erlebt hat. Sollten sich die Vermutungen in Fakten verwandeln, dann wäre der Sport wohl für lange Zeit von jeglicher Glaubwürdigkeit befreit. Definitiv. Dann wäre erwiesen, dass die großen Erfolge im Profiradrennsport ohne Doping nicht zu erzielen waren. Punkt. Warum erst jetzt? Warum mehr als ein Jahr später? Warum wurde nicht schon im Herbst 2008 lückenlos aufgeklärt?


Mit Verspätung

Der Hintergrund ist leicht erklärt: Das wissenschaftliche Verfahren, mit dem die Einnahme von Cera nachgewiesen werden kann, war während der Tour 2008 von der Welt-Anti-Doping-Agentur noch nicht offiziell freigegeben.

Die Proben, die die französische Anti-Doping-Agentur vor Ort genommen hatte, wurden vorerst an den Rad-Weltverband (UCI) geschickt. Der Weltverband sollte das entnommene Blut mit den Blutpässen der Spitzenfahrer vergleichen. Als die Franzosen die Proben wieder einforderten, erhielten sie interessanterweise nur zwei Stück zurück: Jene von Bernhard Kohl und Stefan Schumacher. Alle anderen wurden offenbar erst viel später geliefert. Nun wird es ernst.

Die Wissenschaftler haben mittlerweile die Blutproben und grünes Licht erhalten. Laut KURIER-Recherchen stehen damit hinter ganzen Top-Teams große Fragezeichen. Zudem sollen sich unter den als auffällig gekennzeichneten Fahrern Kapazunder wie Weltmeister Fabio Cancellara, die Luxemburger Kim Kirchen und Frank Schleck, der Slowene Tadej Valjavec sowie der Australier Stuart O'Grady befunden haben. Pikantes Detail am Rande: Fabio Cancellara hatte nach dem Kohl-Geständnis besonders laut gegen den Österreicher gewettert. Bis auf Bernhard Kohl bestreiten freilich alle diese Topfahrer, gedopt zu haben.

Schon während der Tour 2008 hielten sich hartnäckige Gerüchte, das neue Wundermittel Cera sei unter einer großen Anzahl von Spitzenradlern der große Renner. "Bei den meisten Topfahrern war es für mich vorstellbar, dass sie Cera genommen hatten. Schließlich wähnte man sich in der Gewissheit, dass es nicht nachgewiesen werden konnte", erzählt Bergkönig Kohl. Er erinnert sich an das turbulente Jahr 2008.

Tour-Cocktail

Ab Mitte Mai, sagt Bernhard Kohl, war die spezielle Tour-de-France-Präparation angesagt. "Ausgangsbasis war die Arbeit mit Cera. Hinzu kamen Wachstumshormone, Insulin, Cortison, Testosteron und Schilddrüsenhormone." Eine gefährliche, aber auch eine erfolgversprechende Mischung. Angst vor Spätfolgen keimten beim 26-jährigen Profi zwar immer wieder auf, jedoch versuchte er, für seinen Lebenstraum diese Gedanken zu verdrängen.

Zum Abrunden des Menüs wurden Blutbeutel gereicht. Das gute, alte Blutdoping. "Die Blutbeutel waren Standard bei der Tour", sagt Kohl, der auch zugab, bei der Blutbank "Humanplasma" zwecks Doping Blut gelagert zu haben.

Dann kam die Tour. Bernhard Kohl ortete eine seltsame Stimmung unter den Stars. Täglich gab es Kontrollen. "Viele waren angespannt. Da hat man gemerkt, es könnte vielleicht eng werden. Ich wusste, da hatten viele etwas gemacht. Das war ganz logisch. Die Stimmung wurde noch trister, als Riccardo Ricco plötzlich als positiv auf Cera galt. Die Angst ging um."

Trugschluss

Drei Tage später, als kein neuer positiver Fall mehr bekannt wurde, dachten die anderen Fahrer, das Schlimmste sei vorbei. "Wir redeten uns ein, es wird schon nichts sein. Es wurde getuschelt, dass viele Fahrer Cera genommen hatten. Da hätten sie so viele Leute outen müssen - das geht gar nicht."

Bernhard Kohl und Stefan Schumacher jedenfalls hatten Pech. Sie waren die Einzigen, die durch Nachkontrollen geliefert wurden. Zufall war das nicht, glaubt der Österreicher. Das Gerolsteiner-Team lag 2008 ohnehin in seinen letzten Zügen, die Auflösung stand bevor. "Da war es ein Leichtes, zwei prominente schwarze Schafe zu präsentieren. Frei nach dem Motto: Seht her, da haben wir die Bösen." Der Rest wurde bisher nicht behelligt. Der Schein blieb gewahrt. Gut möglich, dass es schon bald eine unrühmliche Demaskierung geben wird.

Der internationale Radsportverband (UCI) wird damit wohl keine große Freude haben. Die französische Anti-Doping-Agentur hingegen wird auf diese Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen. Im Gegenteil. Im Jahr 2009 oblag die Hoheit über die Kontrollen der UCI, nicht wie im Vorjahr den nationalen Fahndern aus Frankreich. Seltsamerweise gab es 2009 keine Eklats, keine geschäftsstörenden Doping-Meldungen.

Waren alle plötzlich sauber? Diese Frage stellen sich auch die französischen Fahnder. Sie vermuten, dass auch heuer neue Doping-Hormone verwendet worden sind. Man will sich auch die Tour 2009 noch genauer zu Gemüte führen. Hoffentlich werden alle Proben vom Rad-Weltverband stets unbeschadet und vollständig geliefert.

Artikel vom 28.10.2009 11:15 | KURIER | Rainer Fleckl, Erich Vogl


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