Letztes Update am 30.08.2012, 08:59
Der Guardian hat ein Gespräch mit einer der Aktivistinnen geführt – die Frauen brennen nach wie vor darauf, Putins Machtmonopol zu stürzen.
Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch sind seit 18. August verurteilt – zwei Jahre Haft, so die Strafe für ihren Auftritt in der Moskauer Erlöserkathedrale. Bislang wurde kaum etwas über die Haftbedingungen der drei jungen Frauen bekannt; nun hat der britische Guardian als erstes westliches Medium ein Interview mit einer der Inhaftierten veröffentlicht. Per Brief hat man Jekaterina Samuzewitsch diverse Fragen gestellt; überbracht wurde dieser von ihrem Anwalt.
"Wir brennen immer noch darauf, Putins Machtmonopol zum Einsturz zu bringen", sagt Samuzewitsch darin trotzig – der Schuldspruch habe nichts an ihrer kritischen Haltung gegenüber der Regierung geändert. Auch am Vorwurf, es habe sich bei der Verurteilung zu zwei Jahren Haft um ein politisch motiviertes Urteil gehandelt, hält sie im Namen ihrer Kolleginnen fest: "Natürlich haben wir keinen Freispruch erwartet. Gerechtigkeit von einem Gericht zu erwarten, das alle deine Einsprüche ignoriert, ist natürlich unmöglich. So waren wir auch nicht schockiert und fielen nicht in Ohnmacht, als wir verurteilt wurden – zur Bestürzung unserer Feinde."
Der gesamte Prozess ist den Aktivistinnen voller innerer Widersprüche erschienen: "Unser Verfahren bewies mehr als alles andere die Abhängigkeit des Justizsystems und dessen Behörden von Putins Macht – dies sollte in einer Regierung, die sich selbst demokratisch nennt, sicherlich nicht der Fall sein", schreibt Samuzewitsch. Das Urteil zeige aber auch, "wie ängstlich Putins Regime vor jedem, der dessen Legitimität untergräbt, sei."
Haftbedingungen
Derzeit befinden sich die drei Aktivistinnen noch in jenem Gefängnis, in dem sie schon vor ihrem Urteilsspruch untergebracht waren. Sie sitzen seit Anfangs März in der Nähe Moskaus in Haft – und bleiben dort, so lange die Einspruchsfrist andauert. Die Anwälte der drei jungen Russinnen haben das Urteil angefochten. Wird das Verdikt bestätigt, werden die drei Musikerinnen in ein Straflager überstellt – dort warten Arbeit und Baracken und Schlafsäle mit Dutzenden anderen Gefangenen auf sie (mehr dazu hier).
"Wir sind alle in verschiedenen Spezialzellen untergebracht, jede ist für vier Personen vorgesehen, und wir alle sind auf verschiedenen Etagen. Es sind noch drei andere in meiner Zelle, sie sind wegen Wirtschaftsverbrechen hier. Das sind ruhige intelligente Menschen, die mich und die Ideen unserer Gruppe unterstützen."
Für Samuzewitsch ist das auch nicht überraschend: "Nur Blinde sehen nicht, dass sich Putins Regime seit März 2012 in Richtung direkter repressiver Aktionen bewegt – beginnend mit einer großangelegten Kampagne gegen alle Andersdenkenden, unter denen wir die ersten waren, die zu Fall gebracht wurden."
Auch gegen andere Oppositionelle geht man bekanntlich gerichtlich vor – Alexej Nawalny und Schach-Idol Garri Kasparow sind nur zwei Beispiele. "Wir sind mental auf die Haft vorbereitet", schreibt die junge Aktivistin – "ich sehe nichts super-angsteinflößendes darin, eineinhalb Jahr abzusitzen und zu arbeiten. Ich denke nicht, dass dies eine spezielle Herausforderung sein wird – wir haben die vergangenen fünf Monate relativ gut verbracht. Der bösartige Plan der Behörden, uns einzusperren und uns damit zu brechen und zu verbittern, ist kläglich gescheitert.
Ungewisse Zukunft
Weitere Songs – wie etwa jenen, der am Tag der Urteilsverkündung veröffentlicht worden war – haben die drei in Haft allerdings nicht geschrieben. "Die Bedingungen hier sind nicht wirklich kreativitätsfördernd – die nächsten eineinhalb Jahre werden wir damit weitermachen müssen, uns `eine Pause zu gönnen`."
Wie es mit der Gruppe selbst weitergehe, wisse sie nicht: "Jetzt ist es noch schwer zu sagen, was wir tun werden, wenn wir in Freiheit sind. Natürlich möchte ich unsere Musik-Performances in der Form fortsetzen, in der wir sie begonnen haben – aber werden die geänderten Umstände, unser Arrest, das zulassen? Jetzt weiß ich das noch nicht."
Was sie aber sagen kann, ist das, was sie will "Wir wollen noch immer wie verrückt, dass sich etwas in Russland ändert – in Richtung antiautoritärer, linker Ideen. Wir brennen – wie viele andere Bürger unseres Landes – darauf, Putins Machtmonopol endgültig zu stürzen; vor allem, weil sein Gesamtbild nicht mehr so schrecklich wirkt. Im Grunde ist es nur eine Illusion, kreiert von seinen Spindoktoren bei staatlichen TV-Sendern."
Diskussion
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