Zur mobilen Ansicht wechseln »
KURIER
Der "Austro-Nobelpreis" 2012 ist verliehen. - Foto: MedUni Wien

Letztes Update am 12.06.2012, 14:50

Österreichs ausgezeichnete Forscher. Viel Ehr, Geld und Freiheit für die Forschung – das bringt der Austro-Nobelpreis. Die Wittgenstein-Preisträger 2012: Thomas Henzinger und Serdar Sariciftci.

Koryphäen auf ihrem Gebiet, so nennen Forscherkollegen die beiden. Sie seien nicht in der Weltspitze, sondern selbst die World-Leader. Daher gebührte dem Computerwissenschaftler Thomas Henzinger und dem Solarzellen-Pionier Serdar Sariciftci die wichtigste Wissen­schafts­auszeichnung, die Österreich zu vergeben hat – der Wittgenstein-Preis 2012 (siehe Porträts Artikelende). Beide Forscher sind in nächster Zeit ihre Geldsorgen los: Der höchstdotierte heimische Forschungspreis, der seit 1996 vergeben wird, war und ist Initialzündung für wissenschaftliches Arbeiten, das sich im internationalen Vergleich nicht verstecken muss.

Was ist der Wittgenstein-Preis?

Österreichs höchster Wissenschaftsförderpreis (gern auch als Austro-Nobelpreis bezeichnet). Er wurde nach dem Wiener Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) benannt. Die Wissenschaftler werden von ehemaligen Wittgenstein-Preisträgern, Rektoren, ÖAW-Präsidenten etc. nominiert. Heuer gab es 21 Vorschläge, aus denen eine renommierte Wissenschaftler-Jury aus dem Ausland (u. a. von der Harvard-University und der Sorbonne) die Preisträger auswählte, die von Wissenschaftsministerium und Forschungsförderungsfonds (FWF) je 1,5 Millionen Euro erhalten.

Können die Forscher mit dem Geld machen, was sie wollen?

Nein. Die Mittel sind, anders als der Nobelpreis, streng gewidmet und müssen – aufgeteilt auf die nächsten fünf Jahre – in die Forschung fließen. Insgesamt werden neun Forschern 9,8 Millionen zur Verfügung stehen, denn gestern wurden auch sieben Nachwuchs-Preise (START genannt) vergeben. Je 1,2 Millionen Euro, aufgeteilt auf sechs Jahre, sollen es den Jungforschern ermöglichen, eigene Projektgruppen aufzubauen.

Warum steckt der FWF so viel Geld in die Forschung?

Weil ein Wittgenstein-Preisträger durchschnittlich 15 und ein Start-Preisträger zehn Mitarbeiter im Rahmen seiner Projekte beschäftigt. Dadurch wurden schon mehr als 1000 höchstqualifizierte Stellen für Nachwuchsforscher geschaffen.

Welchen Stellenwert hat der Wittgenstein-Preis in einem Forscherleben?

Ultimative forscherische Freiheit: "Der Preis bringt außergewöhnlichen Spielraum, neue Ideen zu erproben, kreativ zu sein und sich dafür eine Reihe junger und motivierter Mitarbeiter zu holen", sagt Mittelalterforscher und Wittgenstein-Preisträger 2004 Walter Pohl. "Forschungsgeld zu bekommen, erfordert normalerweise einen detaillierten Projektantrag, wo schon zuvor festgeschrieben ist, was zu tun ist. Dieser Preis gibt viel größere Freiheit, und das hat meist zu spannenden, neuen Ergebnissen geführt", sagt er. Der Wittgenstein-Preis habe es ihm sehr erleichtert, in die europäische Spitze aufzusteigen. Außerdem signalisiere er gesellschaftliche Anerkennung für die Grundlagenforschung. "Und das ist gerade in Österreich sehr wichtig, wo das Verständnis für Forschung, die nicht sofort verwertbare Ergebnisse bringt, leider noch ziemlich unterent­wickelt ist."

APA/RUBRAAPA8206266-3 - 12062012 - LINZ - ÖSTERREICH: ZU APA 0239 CI - Der Physiker und Solarzellen-Pionier Niyazi Serdar Sariciftci, vom Institut für Organische Solarzellen und Institut für Physikalische Chemie an der Johannes Kepler Universität Linz, is
Sariciftci: „Erfolg kommt dann, wenn man Freude hat bei dem, was man tut. Freude ist ein Götterfunke“ - Foto: APA/RUBRA

Serdar Sariciftci: Ein Weltbürger, der die Welt retten will

Unvorbereitet und ein bisschen schockiert sei er gewesen, als er erfuhr, dass er das Rennen um den Wittgenstein-Preis gemacht habe, erzählt Serdar Sariciftci im KURIER-Interview. Dabei ist es gar nicht verwunderlich: Der Halbleiter-Physiker, der im Ranking der weltweit besten 100 Materialwissenschaftler Platz 14 belegt, sagt: "Ich will Forschung über erneuerbare Energie auf Weltklasse-Niveau betreiben." Tut er. Dabei hatte er ursprünglich ganz andere Pläne.

Sariciftci, Jahrgang 1961 und in Anatolien geboren, wollte Musik studieren. Das führte ihn nach Wien. Als er die Aufnahmeprüfung nicht schaffte, entschloss er sich, Physik zu studieren. Es folgten Stationen in Stuttgart und Santa Barbara/Kalifornien beim späteren Nobelpreisträger Alan Heegel. 1996 kehrte er zurück und wurde Leiter des Instituts für Physikalische Chemie an der Johannes Kepler Universität Linz. "Mit Österreich verbindet mich viel, meine Studienzeit und meine bessere Hälfte", sagt Sariciftci, der sich als Weltbürger fühlt, die österreichische Staatsbürgerschaft und zwei Kinder hat.

Der Halbleiter-Physiker ist Vorreiter der grünen Elektronik. So versucht er Fotosynthese künstlich nachzuahmen, um aus Sonnenenergie Benzin erzeugen zu können. Auch über Herstellung synthetischer Brennstoffe durch -Recycling und die Entwicklung kompostierbarer Schaltkreise hat er schon nachgedacht, um das Elektro-Schrott-Problem in den Griff zu bekommen. Wie würden er einem Kind erklären, was er erforscht? "Wir wollen die Sonnenenergie der Menschheit zur Verfügung stellen. Denn wenn das Kind in 30 Jahren Energie braucht, wird es zu teuer sein, diese Energie aus fossilen Quellen zu schöpfen."

"Erfolg kommt dann, wenn man Freude hat, bei dem, was man tut. Freude ist ein Götterfunke", philosophiert Saraciftci, der von sich sagt, dass er "noch immer ein Musiker ist." Und weiter über seinen Preis: "Es wird schön sein, diese Mitteln für ,freie Forschung" einzusetzen – ohne direkten Bezug zu einem Projektantrag. Denn es gibt viele Probleme, die nie in einen Forschungsantrag geschrieben werden können, weil sie zu abenteuerlich sind. Aber gerade diese Probleme sind am interessantesten."

 Thomas Henzinger
Henzinger: „Man muss den Job lieben. Glücklicherweise verspricht er unermessliche Erfüllung“ - Foto: KURIER/Boroviczeny

Thomas Henzinger: Der 200-Prozent-Wissenschaftler

Die Frohbotschaft erreichte Thomas Henzinger beim Mittagessen: "Eine große Anerkennung und Bestätigung meiner Arbeit", sagt der Computerwissenschaftler von Weltrang, wenn man ihn fragt, was denn der Wittgen­stein-Preis für ihn bedeute.

Mehr als 20 Jahren arbeitete der Linzer Informatiker, Jahrgang 1962, im Ausland. Berkley/USA oder die ETH Lausanne/Schweiz stehen in seinem Lebenslauf. 2009 lockt es ihn zurück nach Österreich: Der Computer-Experte, der zu den meistzitierten Wissenschaftlern auf seinem Gebiet zählt, wurde der erste Präsident des Institute of Science and Technology Austria (I.S.T. Austria) in Maria Gugging bei Klosterneuburg.

Und jetzt, drei Jahre später: der Wittgensteinpreis. Henzingers Forschungswelt prägen Theorien, Algorithmen und Werkzeuge zur Prüfung von Computerprogrammen. Sein Ziel ist es, die Zuverlässigkeit von Soft- und Hardwaresystemen zu verbessern. Besonders schwierig – und daher auch wissenschaftlich interessant – sind Softwaresysteme, die aus vielen miteinander kommunizierenden Teilen bestehen. Und natürlich die Zusammenarbeit mit Biologen. So versucht er, mathematische Methoden zur Software-Modellierung dahingehend weiterzuentwickeln, dass sie zur Analyse von Prozessen in lebenden Zellen und Organen eingesetzt werden können. Das ultimative Ziel dieser Forschung sei es, einen vollständigen Organismus in Software abzubilden. "Der Wittgenstein-Preis wird es ermöglichen, weitere Schritte in diese Richtung zu setzen," sagt Henzinger. Der Preis erleichtere ihm im praktisch-finanziellen Sinn sein Forscherleben: "Ich kann einige Doktorats-Studenten anstellen."

Hilfe wird er brauchen, auch wenn er gerne sagt: "Das Leben eines Professors an einer Top-Forschungsuniversität besteht aus 50 Prozent Lehre, 50 Prozent Administration und 100 Prozent Forschung. Man muss den Job lieben, die ganzen 200 Prozent, um ihn auszuführen, doch glücklicherweise verspricht er unermessliche Erfüllung". Bei 200 Prozent Beruf trifft es sich gut, dass die deutsche Ehefrau des neuen Wittgenstein-Preisträgers die Passion für sein Forschungsgebiet teilt: Auch Monika Henzinger ist Informatikerin.

(Susanne Mauthner-Weber ) Erstellt am 12.06.2012, 14:27

Stichworte:


Diskussion

Kommentare aktualisieren