Letztes Update am 24.05.2012, 19:18
Mutierte Tiere nach Deepwater-Horizon-Ölpest.
Zwei Jahre nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe wird von Tier-Mutationen berichtet. BP spricht indes von "Anekdoten".
87 Tage lang floss im Jahr 2010 Öl ins offene Meer: Nachdem eine Explosion die BP-Bohrplattform Deepwater Horizon zerrissen hatte, konnte der Öl-Austritt monatelang nicht gestoppt werden.
800 Millionen Liter sollen es gewesen sein, die in den Golf von Mexiko geschwemmt wurden. Jetzt, zwei Jahre nach der Umweltkatastrophe – eine der schwersten ihrer Art in der Menschheitsgeschichte –, zeigen sich groteske Folgen.
Wie die deutsche Zeitschrift Zeit berichtet, sprechen einheimische Fischer von Szenen "wie aus einem Horrorfilm": "Fische und Garnelen mit Geschwüren oder ohne Augen, mit schweren Läsionen am Körper, lebendige Krabben, die durchsichtig sind..."
"... Garnelen, die ihre Eier nicht abwerfen können oder deren Panzer aufgeweicht sind; Austern, deren Innereien abgestorben sind", wird ein Fischer dort zitiert.
Auch Wissenschaftler sprechen von Mutationen und Deformationen bei Fischen und anderen Meerestieren.
Die Schuldfrage will indes niemand gern klar beantworten.
"Die chronischen Langzeitfolgen sind noch immer völlig unklar", wird der Biologe Andrew Whitehead von der Louisiana State University zitiert.
Er habe in einer Langzeitstudie die Auswirkungen des Öls auf den Zahnkarpfen untersucht – das Resultat sorgt allerdings für Beunruhigung.
Vergiftungen und Fortpflanzungsprobleme seien festgestellt worden...
... und Embryonen bräuchten für die Entwicklung deutlich länger als üblich und würden in vielen Fällen mit Herzfehlern geboren.
Die Konsequenzen aus den Missbildungen wären weitreichend: Der Zahnkarpfen fungiere nämlich als Ernährungsgrundlage vieler anderer Meerestiere.
"Sollte er in seiner Population bedroht sein, wäre das wohl das Schlimmste, was passieren kann", so der Forscher in der Zeit. Auf diese Weise könne sich das Öl durch die Nahrungskette quasi nach oben arbeiten.
Auch Kollegen des Forschers haben ähnliche Ergebnisse zutage gefördert. Wissenschafter der Universität von Südflorida etwa hätten in den Nieren vieler Fische Spuren von Ölbestandteilen festgestellt.
Und je näher man der Deepwater Horizon, also dem Ausgangspunkt des Ölaustritts, gekommen sei, desto mehr Fische mit Erkrankungserscheinungen hätte man entdeckt: Ihre Zahl habe von drei auf zehn Prozent des Bestands zugenommen, wird berichtet.
Auch die zur Tilgung des Öls eingesetzte Chemikalie – Corexit – soll für die Auswüchse der Katastrophe verantwortlich sein, heißt es. 7,2 Millionen Liter des Lösemittels wurden damals von BP ins Meer gegossen, um das Öl einzudämmen.
Bereits vor dem Einsatz der Chemikalie warnten Forscher vor den toxischen Auswirkungen Corexits; in Großbritannien ist das Mittel seit zehn Jahren verboten.
Bei Garnelen habe man Spuren des Stoffes in der DNA gefunden – und das, obwohl sich die Tiere bereits in dritter Generation fortgepflanzt haben.
Auch äußerlich seien die sich Mutationen unverkennbar: In der Barataria-Bucht würden zum Teil jedem zweiten Exemplar die Augen fehlen, wird Ed Cake, Meeresbiologe in Louisiana und einer jener Experten, die die Küstenbewohner im BP-Prozess beraten, zitiert.
Bis sich das Ökosystem von den Folgen der Deepwater-Horizon-Katastrophe erholt habe, würden Jahrzehnte vergehen, so Cake.
Während die Wissenschaft sich halbwegs einig ist, womit die Mutationen der Tiere zu erklären sind, bestreite der Ölkonzern BP jeglichen Konnex, so die Zeit.
"Sowohl die Gesundheitsbehörde FDA als auch die National Oceanic and Atmospheric Administration, die Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA, hätten bestätigt, dass es heute genauso sicher sei, Fisch oder Meeresfrüchte aus der Region zu essen wie vor dem Unfall", heißt es.
Und weiter: "Der Golf sei voll von natürlichen Öl-Lecks, Pipelines und Verschmutzungen - Krankheiten und Missbildungen würden meist von bakteriellen Infektionen oder Parasiten ausgelöst und seien im Ökosystem des Golfes nichts Ungewöhnliches, heißt es deshalb von BP."
Die geschilderten Fälle, sage man bei der NOAA, seien „oft nicht mehr als Anekdoten."
BP hat indes auch mit den gerichtlichen Folgen der Katastrophe zu kämpfen. 100.000 Personen schlossen sich einer Sammelklage gegen den Konzern an – und strengten einen Prozess an.
Um dies zu vermeiden, hat BP mit den Zivilklägern im März dieses Jahres einen Vergleich vor dem Distrikt-Gericht in New Orleans geschlossen.
Entschädigungszahlungen von 7,8 Mrd. US-Dollar – etwa 5,9 Mrd. Euro – wurden vereinbart; eine endgültige Einigung steht allerdings noch aus.
(kurier)
Erstellt am 24.05.2012, 18:27